Neuer Fotopreis: Perlen vor die Augen

Nie wurden so viele Bilder geschossen wie heute - und eben deswegen steckt die professionelle Fotografie in einer Krise. Ein neuer, internationaler Preis soll dem entgegenwirken und das Foto wieder als einzigartige Kunstform würdigen. SPIEGEL ONLINE zeigt die Vorauswahl der Jury.

Hamburg - Es ist schon paradox: Die Fotobranche kämpft verzweifelt gegen die Erosion ihrer ökonomischen Basis. Die Bildagentur Getty Images, der Marktführer im Fotogeschäft, wurde diese Woche von einem Finanzinvestor übernommen. Seit Januar suchte das Management einen Käufer, nachdem der Aktienkurs der größten Fotoagentur der Welt (rund 70 Millionen Bilder) in den vergangenen Monaten in den Keller gekracht war. Und nun - mitten in der Krise - feiert sich die Branche selbst.

Im April wird in der glitzernden Festival-Stadt Cannes zum ersten Mal und mit viel Pomp ein internationaler Fotopreis verliehen, der Sony World Photography Award (SWPA). Ausgezeichnet werden professionelle Fotoarbeiten in elf Kategorien: Vom klassischen Fotojournalismus über Architektur, Mode und Werbung bis hin zu Wissenschaft und Natur. Auch ein "Foto des Jahres" wird gekürt und ist mit 25.000 US-Dollar dotiert. Im Großen Saal des "Palais des Festivals" (dort wird auch die Goldene Palme vergeben) findet die Preisverleihung statt - und das nur drei Wochen vor den berühmten Filmfestspielen.

Ganz schön viel Glamour, obwohl vielen in der Branche gar nicht zum Feiern zumute sein dürfte. Die Fotoindustrie krankt, ähnlich wie die Musikindustrie, und Schuld ist die Digitalisierung (und Vernetzung), die Bilder weltweit in Sekundenschnelle herstellbar, verfügbar und reproduzierbar gemacht hat. Millionen Amateurfotos fluten Tag für Tag das Internet. Und es ist ein offenes Branchengeheimnis, dass manche Redaktionen sich ihre Bilder lieber kostenfrei bei Foto-Community-Plattformen wie Flickr herunterladen, anstatt sie teuer bei Agenturen zu erstehen. Andere wiederum befeuern den Preisabsturz mit Leserreporter-Aktionen zusätzlich.

Dieser Abwertung des gefrorenen Bildes will die Akademie der Sony World Photography Awards nun mit viel Trara entgegentreten. Die über 100-köpfige Jury ist hochkarätig besetzt, man hat Szenestars wie Martin Parr, Rankin und Nan Goldin dafür gewonnen.

Und dennoch wirkt der neue Preis ein bisschen wie ein Lippenbekenntnis. Um der Demokratisierung des Bildmediums gerecht zu werden, haben die Veranstalter nämlich neben dem Profiwettbewerb auch ein Amateur-Contest ausgeschrieben. Jeder kann mitmachen und Fotos in acht Kategorien einreichen. Damit grenze sich der SWPA vom bislang prestigeträchtigsten globalen Fotopreis, dem World Press Photo Award, ab, sagen die Veranstalter.

Viele Hobbyknipser dürfte die Aussicht auf einen Preis indes dazu beflügeln, noch mehr Fotos zu schießen, was der beabsichtigten Aufwertung des Bildes wieder entgegenwirkt. Nach Angaben der SWPA-Akademie stehen für die Preisverleihung 2008 rund 45.000 Profiarbeiten zur Auswahl - und immerhin schon 26.000 Amateurfotos.

cc/tdo

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