Neuer Fotowettbewerb "Es geht um die Geschichte hinter den Bildern"

Sie sammeln Abfall und verbrennen Reifen, um zu überleben: Hartmut Schwarzbach hat Manilas Müllbergbewohner porträtiert - und wurde jetzt für den Sony-Fotopreis nominiert. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über Arbeit im Dreck und die tiefe Krise seiner Branche.


SPIEGEL ONLINE: Sie sind heute von der Jury des Sony World Photography Award (SWPA) für eine Fotostrecke nominiert worden, die Kinder auf einem Müllberg in der philippinischen Hauptstadt Manila zeigt. Wie sind diese Bilder entstanden?

Schwarzbach: Die Menschen auf den Bildern haben sich auf diesem Müllberg angesiedelt. Sie sammeln Abfall, stellen Holzkohle her, verbrennen Reifen. So bestreiten sie ihren Lebensunterhalt. Ich habe mehrere Tage mit den Familien, speziell mit den Kindern, gearbeitet.

SPIEGEL ONLINE: Indem Sie sie fotografiert haben - wie war das?

Schwarzbach: Sehr schwierig. Mein Taxifahrer musste übersetzen, eine von den Slum-Bewohnern selbst auf die Beine gestellte Polizei beschützte mich. Es stank bestialisch, das war körperlich hart. Aber ich war über mehrere Jahre immer wieder dort und habe nach und nach ein gutes Verhältnis zu den Menschen aufgebaut. Mit einem katholischen Priester habe ich die Kinder dort gefördert und Schulprojekte und Sozialarbeit in den Slums unterstützt.

SPIEGEL ONLINE: Die professionelle Fotografie steckt in der Krise - Amateurfotos überschwemmen den Markt. Mit den Sony World Photography Awards soll Fotografie als Kunstform gewürdigt werden. Wie finden Sie es, dass dort trotzdem ein Amateurwettbewerb ausgeschrieben wurde?

Schwarzbach: Ich habe damit kein Problem. Wenn man sich die Profi- und die Amateurkategorien anschaut, sieht man einen klaren Unterschied. Berufsfotografen arbeiten professioneller, kontinuierlicher an Themen. Deswegen kommen sie zu besseren Ergebnissen.

SPIEGEL ONLINE: Was zeichnet professionelle Fotografen aus?

Schwarzbach: Die Stärke der Profis ist das konzeptionelle Arbeiten. Sie überlegen genau, was sie machen. Durch künstlerische Gestaltung heben sie sich aus der Masse heraus. Technische Fertigkeiten sind nicht das Einzige, was zählt. In Manila waren die Bildwirkung, die Gestaltung und der Kontakt zu den Kindern wichtig. Ein Amateur kann das nicht so nebenbei aufbauen, weil er noch einen anderen Job hat.

SPIEGEL ONLINE: Generell gilt der Bildermarkt als übersättigt - haben ausgebildete Berufsfotografen das Nachsehen?

Schwarzbach: Durch Leserreporter und Agenturen mit Amateurbildern fallen tatsächlich Bereiche weg, die früher nur Profis abgedeckt haben. Es gibt Trends in die entgegengesetzte Richtung: Für richtige Abzüge von Fotos, gerade für alte Vintage-Prints, wird viel Geld gezahlt. Es gibt immer mehr Sammler, die Bilder kaufen. Fotografie findet jetzt in Galerien und Museen statt - eine riesige Chance.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Sie die Zukunft der Branche insgesamt?

Schwarzbach: Sehr gemischt. Es gibt einen schnelllebigen Massenmarkt. Trotzdem können Fotografen mit guten Bildern immer etwas bewegen. Ich würde mir wünschen, dass Betrachter sich in Zukunft länger mit Bildern auseinandersetzen. Dann geht es nicht nur um Sekundenaufnahmen, sondern um ganze Geschichten, die hinter den Bildern stehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Ihnen die Bilder der Amateure gefallen?

Schwarzbach: Es gibt sicherlich viele Talente und hervorragende Bilder. In der Amateurstrecke habe ich nur einige wenige gesehen, die für mich herausragend waren. Die Masse fand ich ermüdend und durchschnittlich.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie vor, noch einmal nach Manila zu fahren?

Schwarzbach: Ich habe eine neue Serie auf den Philippinen mit Kindern produziert, die in Goldminen arbeiten. Für mich ist das eine Herzensangelegenheit. Meine Motivation ist es, nicht nur als Fotograf dort zu arbeiten. Man nennt das "concerned photography" - besorgte, verantwortungsbewusste Fotografie. Ich bin jedes Mal wieder emotional erschüttert und bewegt, dass Kinder in so grausamen Verhältnissen leben müssen - ich hoffe, das überträgt sich auch auf das Publikum.

Das Interview führte Anna Starke


Ausstellung "Sony World Photography Awards", 21. bis 25 April, Palais des Festivals, Cannes. Die Bekanntgabe der Gewinner erfolgt am 24. April.



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