Neuer Hamburg-"Tatort" Bye, bye Kebab-Klischee!

Der Döner-Fluch ist abgeschüttelt - mit Mehmet Kurtulus schickt der NDR den ersten türkischen "Tatort"-Kommissar an den Start. Der unterwandert souverän alle Multikulti-Klischees und führt durch ein im TV nie gesehenes Hamburg. Ein Quantensprung für den ARD-Quotenbringer.

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Nenn es den Döner-Fluch. Kamen deine Eltern einst vor vielen Jahrzehnten aus Usak oder Ankara nach Deutschland, bist du offensichtlich auf ewig dazu verdammt, den Türken vom Dienst geben. Und da kommt es gar nicht so sehr darauf an, ob du Polizeibeamter oder Fernsehschauspieler bist. Selbst wenn du gar kein Türkisch mehr sprichst, werden dich Kollegen und Vorgesetzte stets nach ethnischen Kategorien einsetzen. Sowohl auf dem Revier als auch auf dem Filmset.

Unter eben diesem Döner-Fluch leidet auch der Hamburger Undercover-Ermittler Cenk Batu, den der in Salzgitter aufgewachsene Schauspieler Mehmet Kurtulus ("Kurz und schmerzlos") als modernen Großstadteinsiedler spielt. Türkisch beherrscht dieser Cenk Batu nur fetzenweise, sein Kontakt zu anderen Migranten beschränkt sich auf seinen Vater, mit dem er lediglich telefonisch auf Deutsch verkehrt. Er hat sich komplett der Verbrecherjagd verschrieben, es geht ihm dabei um die ganz großen Fische.

Gerade hat sich Batu über viele Monate an schwerkriminelle Finanzdienstleister herangetastet, da verlangt sein Boss, dass er sich in Hamburgs türkischer Halbwelt einschleust. Batu wütet: "Seit einem Jahr arbeite ich an Deutschlands größtem Geldwäscher, und dann kommst du mit so einem türkischen Kleinkriminellen-Scheiß!" Der Vorgesetzte entgegnet: "Soll ich da irgend so einen blonden Heinz hinschicken?" Da hat er natürlich auch irgendwie Recht.

Also hängt sich Batu an den Unternehmer Nezrem (Aykut Kayacik) ran, der neben Restaurants aller Güteklassen auch allerhand Im- und Exportgeschäfte laufen hat. Als der Undercover-Bulle dem Neffen des Firmenpatriarchen das Leben rettet, wird er in den engeren Zirkel aufgenommen.

Erst darf er – welch bittere Ironie! – Fleischspieße schnippeln, dann wird er Fahrer. Denn das Imperium Nezrems ist groß. Neben Dönerbuden betreibt er eines der feinsten Restaurants der Stadt, in dem Staatsräte ein- und ausgehen. Kann man sich einen besser integrierten Türken als Onkel Nezrem vorstellen?

Als erstem türkischen Ermittler in der Traditionsreihe gelingt es Mehmet Kurtulus, durch einen multiethnischen Ballungsraum zu führen, in dem die üblichen, gerade im TV gepflegten Milieuzuschreibungen schon lange nicht mehr funktionieren. Dönerläden sind hier Kiez-Folklore und Multikulti-Fassade, die richtigen Geschäfte werden woanders gemacht.

Denn so wie der türkische Kommissar Batu in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, hat sich sein türkischer Gegenspieler auf der anderen Seite des Gesetzes längst sozial geerdet. Deshalb verwundert es nicht, dass der verdeckte Ermittler bei seinen Untersuchungen im Halbmond-Milieu auf eben jene dubiosen deutschen Finanzdienstleister stößt, die er noch kurz zuvor observiert hat.

Der neue Hamburg- "Tatort" - gründlich entstaubt

Der komplett neu eingerichtete Hamburger "Tatort" ist in jeder Hinsicht ein Quantensprung für den Quotenbringer. In gleichem Maße, wie er im Laufe der Handlung alle Kebab-Klischees hinter sich lässt, unterwandert er die altersstarre Erzählstruktur der Krimi-Reihe, die in vielen ARD-Anstalten ehrfürchtig als Patentrezept gepflegt wird, als handle es sich dabei um die Coca-Cola-Formel.

Die serieneigene Topographie und Personaldecke wurde von den Hamburger Machern völlig aufgeweicht. Für den Undercover-Cop gibt es kein klassisches Revier samt all den bekannten Zuarbeitern, keinen putzigen Pathologen und auch keinen eitlen Staatsanwalt. Stattdessen trifft sich Batu allein mit seinem Vorgesetzten (brillant dünnhäutig: Peter Jordan) in U-Bahnen oder auf Elbfähren, und er lebt in unterschiedlichen Tarnbehausungen, die ganz auf seine Scheinidentität zugeschnitten sind.

Auf diese Weise stellt sich ganz nebenbei eine Mobilität und Modernität ein, die den betont urbanen "Tatorten" der meisten anderen ARD-Sender abgeht. Kurz hintereinander wurden ja die Fernsehreviere in Saarbrücken, Stuttgart und Leipzig neu eingerichtet.

Doch trotz Höllen-Action und Hightech-Forensik brachte man keine neue Impulse ins "Tatort"-Einerlei. Am Anfang gibt es eine Leiche, zwischendurch wird gerannt und geschossen, am Ende wird der Täter präsentiert. Die Welt ist hier noch wunderbar übersichtlich.

Von diesem Prinzip der Simplifizierung hat sich der Hamburger "Tatort" jetzt rigoros verabschiedet. Das ist umso erstaunlicher, da sich ja gerade der NDR über die letzten Jahre besonders schwer damit getan hat, eine zeitgemäße Erzählform für seinen Großstadtkrimi zu finden.

Dabei hatte Hamburg doch nicht nur aufgrund seiner speziellen psychoökonomischen Gegebenheiten als auf- und umrüstende Hafenstadt, sondern auch durch all die skandalträchtigen Politikerfiguren – von Ronald Schill über Roger Kusch bis Mario Mettbach – reichlich realen Stoff für kriminalistische Sittengemälde geliefert. Doch Robert Atzorn schleppte sich eigentlich immer nur mit der gleichen griesgrämigen Visage durch die gleichen grobschlächtigen Elbkulissen; authentische Bilder, echte Charaktere, wahre Geschichten suchte man darin vergeblich.

Richtig gut war eigentlich nur die Atzorn-Episode "Investigativ", in der die Autoren Thorsten Wettcke und Christoph Silber geschickt die realen hanseatischen Verstrickungen zwischen Halbwelt und Honoratiorentum nachgezeichnet haben. Wettke und Silber arbeiteten jetzt auch gemeinsam mit Kurtulus die Figur des Cenk Batu sowie dessen Ermittlerkosmos aus. Dabei schauen sie, wie nun die erste neue Folge "Auf der Sonnenseite" (Regie: Richard Huber) beweist, geschickt hinter die türkische Milieufolklore und folgen ein weiteres Mal den Geld- und Machtströmen innerhalb der Stadt.

Glaubhaft wird das vor allem dadurch, weil Hamburg mit einer ungeheuren topographischen Genauigkeit vermessen wird. Hier werden nicht beliebig Hafenimpressionen zusammengeschnitten, sondern klug die Schauplätze in Beziehung gesetzt.

Von der Multikulti-Oase Ottensen in die Wohnsilos des Arbeiterviertels Wilhelmsburg ist es ein ebenso kurzer Weg wie von den legendären Mundsburg-Hochhäusern, diesen windschiefen anachronistischen Yuppie-Behausungen der Achtziger, ins schicke Stadterweiterungsprojekt HafenCity, wo die neuen Aufsteiger der Stadt ihre Millionen parken.

Es herrscht also ein enormes Maß an sozialer und ökonomischer Mobilität, erzählt aber wird davon im neuen "Tatort" in einem kontemplativen und kühlen Grundton. In Mehmet Kurtulus’ Ermittler Cenk Batu schließlich findet diese Stimmung die perfekte personelle Zuspitzung: Unbehaust und verletzlich, beweglich und auf gespenstische Weise biographielos erscheint dieser neue Typus von Kriminalist.

Den Döner-Fluch jedenfalls hat er endgültig abgeschüttelt.


"Tatort: Auf der Sonnenseite", Sonntag, 26. Oktober, 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
maniacmeyer 25.10.2008
1. Quantensprung...
http://de.wikipedia.org/wiki/Quantensprung
E. Bär, 25.10.2008
2. Abwarten
Mal abwarten. Einige der runderneuerten "Tatorte" (z.B. Leipzig) waren eher enttäuschend, allem vorauseilenden Mediengeraune zum Trotz.
Claudia_D 25.10.2008
3. .
Kann ich ob Ihres Beitrags auch nur. Was ist los, hat der Döner nicht geschmeckt?
uachtaran, 25.10.2008
4. Zweitmeinung
Zitat von maniacmeyerhttp://de.wikipedia.org/wiki/Quantensprung
Quan|ten|sprung (übertr. auch für [durch eine Entdeckung, Erfindung o. Ä. ermöglichter] entscheidender Fortschritt) © Duden - Die deutsche Rechtschreibung, 24. Aufl. Mannheim 2006 [CD-ROM]
Al-Maghribi, 25.10.2008
5. Hilfe, sie stehen nicht vor Wien, sondern in Hamburg!
Nanu? Erst wanderten sie EIN. Dann wanderten sie ZU. Und jetzt wandern sie auch noch UNTER? Frechheit, sowas. Nach der Lektüre dieses Posts kann ich auch nur mit dem Kopf schütteln. Aber aus ganz anderen Gründen...
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