S.P.O.N. - Der Kritiker Ein Aufstand gegen die Moderne

Maxim Biller und sein neuer Roman "Biografie" mussten sehr viel Kritik einstecken, dabei geht es dem Autor lediglich um die Erhaltung der Wahrhaftigkeit.

Eine Kolumne von


Maxim Biller hat also einen neuen Roman geschrieben, er ist schnell, er ist synkopisch, er klingt wie Musik in jeder Zeile, er ist traurig, er ist lustig, er erzählt vom Leben, wie es sich andere nie träumen ließen, nie wünschen würden, er kennt den Schmerz, er kennt die Sehnsucht, er kennt den Verrat und die Freundschaft, und vielleicht kennt er sogar die Liebe; er heißt "Biografie", dieser Roman, und vielleicht schaue ich diesem Buch nur deshalb so fasziniert zu wie einem funkelnden Feuerwerk, das vor meinen Augen explodiert, weil ich Billers Freund bin.

Man kann dieses Buch natürlich auch anders lesen, man kann es kritisieren, wie jedes Kunstwerk, man kann enttäuscht sein, weil man sich darin verliert, man kann genervt sein, weil man darin Dinge findet, die man lieber nicht finden würde, man kann Argumente dafür suchen, was man an dem Buch nicht mag, so hat es Nils Minkmar im Spiegel gemacht, man kann sagen, das vorige Buch von Biller, "Im Kopf von Bruno Schulz", wurde von allen gelobt, zu Recht oder zu Unrecht, aber dieses Buch ist anders.

Ein Aufstand gegen die Moderne

Seltsam, merkwürdig und schließlich richtig unangenehm aber wird es, wenn beim Lesen der vielen Verrisse, die Maxim Biller mittlerweile kassiert hat - in der "Süddeutschen Zeitung", in der "Frankfurter Allgemeinen", im Bayerischen Rundfunk, im NDR, in der "Berliner Zeitung" -, am Ton, an der Verwirrtheit der Argumente, an einzelnen Formulierungen und dann auch in der Menge und Zusammenschau der Kritiken deutlich wird, dass es um etwas anderes geht, dass da ein Subtext ist, dass es nicht nur ein Moment der Abrechnung gibt mit einem, der schon immer gestört hat, sondern dass es sehr viel grundsätzlicher um eine Zäsur geht, die nicht nur literarisch, sondern im Kern politisch ist.

Es geht - zuerst einmal und eher oberflächlich, so formulieren es die Kritiker- um Regeln, die eingehalten werden müssen in der Klippschule der deutschen Germanisten, eine Geschichte zum Beispiel und eine Handlung, der man gut folgen kann. Es geht um das, was der Kritiker der "Frankfurter Allgemeinen" Wahrhaftigkeit nennt, und wenn er tatsächlich vom "Schönen und Guten" und auch vom "Wahren" redet, als sei es 1953 und nicht 2016, dann wird klar, dass hier ein Aufstand gegen die Moderne inszeniert werden soll, wie es zu unserem avantgardefeindlichen Zeitalter passt, mit seinem Schuhschachteldenken, seiner Freud- und Utopielosigkeit, mit dem Verwalten des eigenen Missstandes.

Der Punkt der Wahrhaftigkeit ist aber noch unter einem anderen Aspekt interessant: Maxim Billers Roman handelt vom Holocaust, er handelt von den Folgen dieses Urverbrechens des 20. Jahrhunderts für die Kinder der Überlebenden, die in der "Süddeutschen Zeitung" und der "Frankfurter Allgemeinen" wahl- und merkwürdigerweise immer mit Anführungszeichen "zweite Generation" oder "Second Generation" genannt werden, als sei hier irgendetwas relativ oder zu relativieren - der Roman handelt also von den existenziellen Verletzungen seiner Figuren, der Biller-Rap ist ein grotesker-verrückter Gegengesang des 20. Jahrhunderts, es ist großer Voodoo, und diesem so jüdisch jüdischen Roman die Wahrhaftigkeit abzusprechen, ist schon, hm, dreist.

Er nervt wie der Sex

Denn wie misst man Wahrhaftigkeit? Gibt es dafür ein im Taunus geeichtes Instrument? Wie misst man vor allem Wahrhaftigkeit, wenn es um den Holocaust geht? Was heißt es, wenn in der "Frankfurter Allgemeinen" steht: "Nichts ist legitimer, nichts aber auch frivoler", als die Beziehungen zwischen dem Holocaust und den Überlebenden und deren Kindern zu beschreiben? Wie, ganz ernsthaft, geht das, gleichzeitig legitim und frivol? Und wer vergibt das Zertifikat "legitim"? Ein Komitee deutscher Kritiker? Sind damit auch die Romane von Imre Kertész frivol? Sind die Romane von Primo Levi frivol? Und was heißt es, dass Billers Roman in "keinem anderen Kulturkreis als dem deutsch-jüdischen denkbar" sei? Was für ein Kreis wäre das? Wer steht drinnen, wer steht draußen? "Die Deutschen"? Und "die Juden"? Ich dachte, wir hätten eine gemeinsame Geschichte. Ich dachte, das ist der deutsche Nachkriegskonsens. Ist dieser Kulturkreis, der von Schuld und Verbrechen handelt, nicht unser "Kulturkreis"? Seit wann werden überhaupt wieder Kulturkreise gebildet, bei denen man wie bei der Reise nach Jerusalem einem den Stuhl unterm Hintern wegzieht?

All das wirkt wie eine Variation der legitimen, aber auch frivolen Frage von Peter Sloterdijk: "Was geschah im 20. Jahrhundert?" - und der Weigerung, darauf eine Antwort zu geben: Der Holocaust jedenfalls, das wird aus vielen Kritiken zu "Biografie" deutlich, er nervt inzwischen, er nervt genauso wie zerfetzte Lebensläufe zwischen Moskau, Prag, Hamburg und Berlin, er nervt wie kaputte Familien, die für Chaos sorgen und für alles, was das Leben sonst noch ausmacht, er nervt wie die Selbstfeier und Selbstdemontage der Billerschen Figuren, die vom Leben deshalb nicht genug bekommen können, weil der Tod sie immer und immer weiter hetzt, er nervt wie der Sex, von dem die Kritiker wiederum gar nicht genug kriegen können, so sehr beschäftigt er sie - aber das ist auch einfacher, als über den Judenmord zu reden, bei dem womöglich die eigenen Eltern oder Großeltern beteiligt waren.

In einem Meer von Mutlosigkeit

Die Kälte jedenfalls, die Empathielosigkeit, das Verdikthafte der Urteile dieser Oligarchen des literarischen Geschmacks zeigt, dass sie keine Lust mehr haben, sich das "Schuldmäntelchen" (F. Petry) überziehen zu lassen, auf keinen Fall von Maxim Biller. Sie finden die "jiddischen Brocken" störend, sie finden die Begriffe "der jüdischen Alltagssprache" störend, sie loben die toten jüdischen Schriftsteller und spielen sie aus gegen diesen lebenden. Da haben sie mal das pralle, grelle, geile jüdische Leben, auf das die Deutschen sonst so klezmerstolz sind, und dann gefällt es ihnen doch nicht, weil es so prall, so grell, so geil ist. Sie sehen Biller nicht als einen der ihren, sie müssen ihn klein machen und ihm sogar das Etikett Schriftsteller entziehen. Im Grunde aber rezensieren sie vor allem ihre eigenen Vorurteile.

Und so schafft der Roman "Biografie" etwas, im Negativbild, was das höchste Ziel jeden Romans ist: Er ist Spiegel seiner Zeit. In den Verrissen von "Biografie" zeigt sich die Blaupause eines reaktionären Kunst- und Gesellschaftsverständnisses. Oberfläche wird gegen Tiefe gesetzt, als sei Wagners Walhalla noch unzerstört, Chaos wird gegen Ordnung gesetzt, als ginge es um die Sicherung der Grenzen auch in der Literatur. Es ist, als habe das 20. Jahrhundert nie stattgefunden, kein Freud, kein Benjamin, kein Joyce, kein Dos Passos, nicht mal ein klein wenig Salinger oder Junot Diaz. Film ist bäh, Fernsehen ist bäh, Kunst und Literatur sollen wieder homogen sein, wie vor dem Sündenfall.

"Biografie" jedenfalls ist nicht "tot", wie es in der "Süddeutschen Zeitung" so pointiert und borderline geschmacklos stand, es gehört zum Wesen der Literatur, dass sie nicht für Kritiker geschrieben wird, die sich irren, sondern für Leser, die lesen. "Biografie" steht schon jetzt kühn und eigenwillig in einem Meer von Mutlosigkeit. Die Debatte um dieses Buch wiederum wird Germanistikstudenten der Zukunft beschäftigen, die nicht so borniert sind wie die heutigen Kritiker und die herausfinden wollen, was damals los war, im Deutschland 2016.

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Kolumne - Der Kritiker


insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
murksdoc 03.04.2016
1. Verwirrung
Darf man diese Art der Fiktion überhaupt diskutieren oder nur die Fakten nicht? Und woher weiss der Nicht-Historiker, was die Fakten sind und was die Fiktion? Ist es nicht eine fürchterliche Falle für den völlig Unbedarften, Fakten, die dieser weder "leugnen", noch "vergleichen", noch "verharmlosen" darf, mit fiktiven Geschichten zu vermischen? Damit setzt man den Laien mutwillig der Gefahr aus, unabsichtlich zum "Leugner" zu werden und die echte Faktenlage wird dadurch auch nicht besser. Oder gerade deswegen nicht.
flingern 03.04.2016
2. Vorurteile
Es gibt mindestens zwei Gründe, die „Besprechung“ von Billers Buch durch Diez mit wertneutraler Distanz zu lesen. Zum einen sind beide befreundet, und zum anderen wäre es am besten, man hätte Biller nie in der Neuauflage des Literarischen Quartetts oder anderenorts gesehen und gehört. Wenn und so wie Diez zu seiner Freundschaft mit Biller steht, dann will ich ihm das in der vollen Wertigkeit dieser Aussage gerne glauben. Es bleibt aber der Zweifel, ob diese Freundschaft nicht dazu geführt hat, nicht über das Maß an Kritik hinauszugehen, das wir öffentlich am ehesten gewohnt sind: Unter guten Freunden darf man ja auch mal Kritik üben. So, wie die deutsche Regierung an der israelischen Regierung z. B.. Da ich Billers Buch noch nicht gelesen habe, verbietet sich mir noch eine Bewertung des Werkes. Da ich indes zu jenen gehöre, die mit dem Namen Biller durchaus etwas anfangen können, glaube ich, dass es mir schwerfallen wird, seine „Biografie“ zu lesen, ohne mir ihn dabei leibhaftig vorzustellen. Selbst der freundschaftliche Duktus der Diez‘schen Besprechung indiziert eine Hektik, die beinahe so wirken könnte, als ob Biller sich selber ständig unterbräche. Dagegen spricht, dass das Wort „schonungslos“ bei Diez nicht auftaucht, obwohl Biller genau das im Diskurs mit anderen agiert. Ich stehe zu den vorgenannten Vorbehalten und bin gespannt, ob es gelingt, sie beim Lesen außen vorzuhalten. Und ich hoffe, dass sich die Mühe gelohnt haben wird, der ich mich -nun auf alle Fälle- zu unterzeihen gedenke. Bei den letzten Romanen von Huellebecq ist mir das leider nicht gelungen; - vielleicht aber deswegen, weil dessen Texte „nerven wie der Sex, von dem die Kritiker wiederum gar nicht genug kriegen können“.
Newspeak 03.04.2016
3. ...
Schriftsteller schreiben Bücher vor allem für sich (und die Miete) und manchmal gefällt es außerdem auch jemand anderem und manchmal nicht. Benötigt es diese Metatexte der Kritiker überhaupt? Reicht nicht eine Inhaltszusammenfassung und man überlässt es dem Leser, welche Meinung er sich bildet? Herr Diez fragt nach der Legitimation. Das ist legitim ;). Aber wo ist seine?
Miere 04.04.2016
4. Hat das Buch auch eine Handlung?
Oder ist die irgendwie vernachlässigbar, weil's nur um die Reaktion der Kritiker geht?
rivadavia 04.04.2016
5. Gegen den geschichtslosen Mainstream
Danke für die Rezension Danke Herr Dietz für die Anregung, werde mich mit Lust in Billers "Autobiographie" stürzen, denn oft sind Verrisse des Mainstreamliteraturbetriebs die beste Lektüreempfehlung. "Musik in jeder Zeile," wider den reaktionären Zeitgeist, ein Spiegel unserer Zeit, was will man mehr!
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