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Neuer "Titanic"-Chefredakteur: "Wir sind Parasiten des Elends"

2009 wird ganz schlimm: Finanzkrise, Bundestagswahl, armselige Politiker, verarmende Bürger. Wenigstens das Satireblatt "Titanic" leistet sich was: einen neuen Chef. Leo Fischer, 26, hat Brisantes vor - und verrät exklusiv auf SPIEGEL ONLINE die Geheimnisse der Satire 2.0.

Das Jahr 2009 wird für Deutschland das schwerste Jahr seit dem Krieg. In Berlin regiert die Rezession. Das Vertrauen ist weg. Und schlimmer noch: Das Geld ist es auch. Symptome des kollektiven Verfalls zeigen sich überall: Im Fernsehen wird nur noch gestorben. Ministerin von der Leyen wird irrtümlich aus einer Mülltonne gezogen, und in Amerika herrscht ein Minderheitenpräsident.

Satiriker Fischer: TV-Rezepte und Busenvergleich
Thomas Hintner

Satiriker Fischer: TV-Rezepte und Busenvergleich

Vor den Küsten unserer Kolonien lungern Piraten, und bis Captain Hook endlich dem Internationalen Strafgerichtshof übergeben wird, hat sich Bundeskanzler Steinmeier sicher noch ein paar Dutzend Mal im Tarnanzug fotografieren lassen. Der Strom der Elendsflüchtlinge aus den ärmsten Regionen der Erde reißt nicht ab: Noch immer ziehen viel zu viele Ostdeutsche in den Westen. Allzu laxe innerdeutsche Grenzkontrollen machen es möglich.

Doch wo so viel Schatten dräut, verbirgt sich auch ein wenig Sonne – sind doch schlechte Jahre wie das kommende traditionell gute Satirejahre! Satiriker sind ein bisschen wie Parasiten: Sie ernähren sich von menschlichem Leid; sie wachsen überall da, wo auch Verfall, Unrecht und Korruption blühen. Der ein oder andere hat sie schon mal augenzwinkernd mit Volksschädlingen verglichen.

Junge, Junge, das sind Pläne!

Die Verjüngung in der "Titanic"-Redaktion macht es möglich, mit den Tugenden der neuen Generation – Dummheit, Selbstüberschätzung und Habgier – unsere Zeitschrift auch 2009, im 30. Jahr ihres Bestehens, ganz vorne zu positionieren. Dazu wird "Titanic" einen dreifachen Weg beschreiten:

  • Weg vom Internet: Wir prognostizieren, dass sich die ganze Euphorie um das Internet in ein, zwei Jahren endlich wieder legen wird und die Menschen ihre Bildschirme dann gründlich satt haben. Wir sehen das Internet inzwischen als bloßen Heimwerkermarkt für Terroristen und bereiten uns daher frühzeitig auf die Offline-Ära vor. Unsere Web-Präsenz wird schon seit Wochen sukzessive zurückgebaut; am Ende soll nur mehr ein Link zum "Focus" übrigbleiben.
  • Weg von den jungen Leuten: "Titanic" möchte verstärkt Witze für eine vergreisende Gesellschaft machen. Spott über unfähige Zivis und viel zu schnelle Treppenlifte sind schon jetzt fester Bestandteil der neuen Rubrik "Titanic Senior".
  • Weg von gesellschaftlichen Problemen: In letzter Zeit haben sich unsere Autoren auf das allzu bequeme Geißeln politischer Missstände eingeschossen. Wir wollen verstärkt wieder profane Alltagsprobleme zum Thema ätzender Kritik machen: etwa, dass unser Art Director immer viel zu spät zum Friseur geht.
  • Grillfrisuren zum Selberbasteln

    Sich wandeln heißt auch, auf den Kunden zuzugehen. Wie eine repräsentative Erhebung unter drei Lesern ergab, wird "Titanic" vor allem als "zu brisant", "zu informativ" kritisiert. Unsere Leser möchten gerne weniger Analysen und Enthüllungen, sondern lieber mit weichen Themen "abgeholt" werden: mit TV-Rezepten und Busenvergleich, mit den hundert besten Videorecordern im Test und dreißig Grillfrisuren zum Selberbasteln. Dem kommen wir gerne nach.

    Aber auch unsere Leser müssen sich verändern, wenn sie überleben wollen. Mit dem Konzept "Satire 2.0" wollen wir sie von tumben Konsumenten zu tumben Mitproduzenten aufwerten. Unsere Artikel können nun mit Nutzerkommentaren versehen und zwischen Lesern ausgetauscht werden – alles, was sie dazu brauchen, sind ein Kuli und eine Schere.

    "Titanic" will aber auch politischer werden. In diesem Jahr haben wir mit der fiktiven Person Thorsten Schäfer-Gümbel erfolgreich unseren eigenen Kandidaten in den hessischen Wahlkampf geschleust. Im nächsten Jahr wollen wir eine Bundestagswahl ausrichten, die ein Kandidat unserer Partei "Die Partei" gewinnen soll.

    Getragen von dem Gedanken, dass die Probleme unserer Freizeitgesellschaft nur durch das sture Beharren auf einfache Lösungen und wütenden Aktionismus gelöst werden können, und in dem Willen, auch das Millionenheer der Protestwähler als Stimmvieh abzugreifen, haben wir zudem eine "Verfassungsfeindliche Plattform" (VFP) innerhalb der "Partei" gegründet.

    Diese Plattform, die bereits in einer Kleinen Anfrage des Bundestags als harmlose Splittergruppe einer "Spaß-Partei" diffamiert wurde, hat ein einziges Ziel: Sie möchte vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Das hat logistische Gründe – die Dokumentation der "Partei"-Aktivitäten ist nämlich mühsam und zeitraubend. Mit dem Verfassungsschutz steht jedoch ein staatlicher Dienstleister zur Verfügung, der auf Anfrage alle wichtigen Entscheidungen einer "Partei" protokolliert.

    Würde und Bürde

    Zu diesem Zweck setzt sich die VFP für die Reform des umstrittenen ersten Artikels des Grundgesetzes ein. Zurzeit gilt die Menschenwürde nämlich schrankenlos, ohne Ansehen der Person. Die VFP ist der Ansicht, dass Würde ein zu hohes Gut ist, als dass sie den Menschen einfach nachgeworfen werden sollte. Würde muss man sich verdienen – das hat nicht zuletzt das würdelose Demutsgebaren vieler Politiker im Zuge der Finanzkrise schlagend bestätigt. Die VFP möchte daher einen Bürgertest einführen, in welchem sich jeder volljährige Deutsche als seiner Würde würdig erweisen muss.

    Man merkt es gleich: Die Späße werden ernster. Befreit auflachen oder erleichtert abschmunzeln ist von gestern. Nötig wird das kalte, bittere Lachen des vom Leben Enttäuschten, das heisere Keckern von Eigenbrötlern und Sonderlingen.

    Wenn wir es schaffen, die Vorurteile dieser ständig wachsenden Zielgruppe zu bedienen, könnte "Titanic" ein strahlend heller Leuchtturm für den bundesdeutschen Journalismus insgesamt werden – ein Leuchtturm, betrieben natürlich mit Energiesparlampen. Der Umwelt zuliebe.

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    insgesamt 44 Beiträge
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    1. Titanic als Knecht des Kapitals
    McWeb 17.12.2008
    Ich habe die versteckten Seitenhiebe auf die LINKE bzw. den Spitzenkandidaten der SPD in Hessen im Artikel wohl registriert. Jetzt ist also auch die Titanic Teil der großen Medienverschwörung gg. den moralisch überlegenen, anständigen Teil der Gesellschaft. Schämt Euch!
    2. einschicken
    sfb 17.12.2008
    Zitat von McWebIch habe die versteckten Seitenhiebe auf die LINKE bzw. den Spitzenkandidaten der SPD in Hessen im Artikel wohl registriert. Jetzt ist also auch die Titanic Teil der großen Medienverschwörung gg. den moralisch überlegenen, anständigen Teil der Gesellschaft. Schämt Euch!
    :-):-):-) Der ist gut; den würde ich gleich einschicken!
    3. Endlich...
    hijodemadre, 17.12.2008
    Ich kann den Ansatz von Titanic nur unterstützen! Wir haben in der Zeit steigender Aktienkurse von 2004 bis etwa Mitte 2008 schließlich genug gelacht. Es ist nicht nur richtig, sondern auch lobenswert, daß das führende Satiremagazin in der Weltwirtschaftskrise und kurz vor dem dritten Weltkrieg ernsteren Humor bietet und kundenorientier wird. In dieser Zeit ist es eine Bürgerpflicht, daß jedes Lachen im Halse stecken bleibt. Und es war höchste Zeit, daß ENDLICH einmal jemand auf den Massengeschmack eingeht. Danke Herr Fischer und alles Gute für die wg. 3. Weltkrieg kurze Zukunft.
    4. Nichts Neues unter der Sonne....
    t.mahony 17.12.2008
    Der Artikel ist gut geschrieben und es gibt einige Seitenhiebe und Abstrusismen und dennoch......die Tradition des netten und satirisch reflektierten Nichteinmischens wird auch mit Leo Fischer fortgesetzt. Wie auch immer; ich werde weiterhin den Internet-Auftritt der Titanic mit regem Interesse verfolgen. Den Kauf der Print-Ausgabe werde ich auch weiterhin nicht bei meiner Budget-Planung beruecksichtigen.
    5. Das Abo muss her
    uachtaran, 17.12.2008
    "In diesem Jahr haben wir mit der fiktiven Person Thorsten Schäfer-Gümbel erfolgreich unseren eigenen Kandidaten in den hessischen Wahlkampf geschleust." Großartig. Ich hol mir jetzt endlich das Titanic-Abo, verdammt noch mal.
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