Neuer TV-Kommissar Kurtulus "In Deutschland herrscht 'Tatort'-Hysterie"

2. Teil: "Grundsätzlich sehe ich sehr wenig fern"


SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Kurtulus: Als Ermittler muss man einige Tricks kennen und sich derer auch bedienen, die ich natürlich nicht verrate. Cenk Batu ist aber fernab von James Bond. Ein Abhörmikrofon am Revers oder eine Kamera am Schlüsselbund - das gehört zu den Basics, wenn man überlegt, was Handys heutzutage alles können.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass die verstorbene Schauspielerin Evelyn Hamann einen nicht unwesentlichen Anteil an der Entwicklung Ihrer Karriere hatte?

Kurtulus: Evelyn ist meine Entdeckerin! Ich war Regieassistent bei einer Folge von "Adelheid und ihre Mörder" und hatte die Chance in einer Szene, sieben Sekunden mit ihr im Bild zu sein. Mein Wunsch, Schauspieler zu werden, war groß, aber davon wussten nicht viele. Drei Monate später bekam ich einen Anruf von Jürgen Wolffer, Intendant des Theaters "Winterhuder Fährhaus", der mir eine Rolle anbot - ich war überwältigt. Er sagte: "Frau Hamann spielt die Hauptrolle, und sie hat Sie empfohlen."

SPIEGEL ONLINE: Ihr Vater verließ 1973 seine Heimat, um als Lehrer Türken in Deutschland Türkisch beizubringen. Wie haben Ihre Eltern reagiert, als Sie nach dem Abitur auf gut Glück versuchten, Schauspieler zu werden?

Kurtulus: Wer in den Achtzigern und Neunzigern als Türke in Deutschland Abitur gemacht hat, entschied sich oft, Maschinenbau oder Medizin zu studieren ...

SPIEGEL ONLINE: ... also einen Beruf zu erlernen, den man auch in der Türkei ausüben kann.

Kurtulus: Richtig. Die erste Einwanderer-Generation wusste nie, ob die Familie in Deutschland bleibt. Der Gedanke, zurückzukehren, war immer da. Erst recht nach Übergriffen wie in Hoyerswerda, Solingen und Mölln. So dachten meine Eltern auch - und haben mich trotzdem immer unterstützt und mir großes Vertrauen entgegen gebracht. Daraus wuchs Selbstvertrauen und es kostete sie nicht mal was.

SPIEGEL ONLINE: Was glauben Sie, warum sie das taten?

Kurtulus: Mein Vater war Lehrer. Seine Berufsauffassung war es, Kinder auf die Welt von morgen vorzubereiten, nicht gebetsmühlenartig die binomischen Formeln in sie reinzuprügeln. Diese liberale Erziehung kam mir zugute.

SPIEGEL ONLINE: Wie leben Ihre Eltern heute?

Kurtulus: Sie sind als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen, haben aber dann feststellen müssen, dass sie kein Leben auf Montage führen, sondern irgendwo auch Deutsche geworden sind. Meine Eltern führen das klassische Rentnerleben der ersten Generation: Den Sommer verbringen sie in der Türkei, essen Tomaten ohne Salz und Zwiebeln wie Äpfel - und im Winter leben sie in Deutschland. Sie vermissen ihr deutsches Zuhause, wenn sie lange in ihrer türkischen Heimat sind.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind mit Désirée Nosbusch verlobt. Man sieht Sie nur selten gemeinsam, hört und liest nichts über Sie. Warum halten Sie Ihr Privatleben so immens privat?

Kurtulus: Über Privates zu sprechen empfinden wir als persönlichen Ausverkauf. Als Künstler verkaufe ich meine Kunst, meine Ideen, meine Erfahrungen. Über Désirée und mich kann ich nur sagen: Wir sind zusammen, weil wir uns lieben und Zweisamkeit leben wollen, aber nicht, um uns gegenseitig zu vermarkten.

SPIEGEL ONLINE: Eine Homestory aus dem Hause Kurtulus-Nosbusch ist also ausgeschlossen?

Kurtulus: Wir verstehen, dass es Menschen gibt, die sich für unser Leben interessieren, aber ich will mit jeder neuen Figur, die ich spiele, meine Zuschauer überraschen. Je mehr man über mich weiß, desto weniger Platz lasse ich dem Zuschauer für seine Phantasie. Brad Pitt ist ein toller Schauspieler, er hat gute Filme gemacht. Man kann in jeder Zeitung jeden Tag etwas über ihn lesen. Aber wissen Sie noch, welche Rollen er spielte?

SPIEGEL ONLINE: Sie haben kürzlich gesagt, Sie haben den Status, den der "Tatort" beim deutschen Publikum hat, unterschätzt. Die Eigenheiten ihrer Hamburger "Tatort"-Vorgänger - das Duo Manfred Krug und Charles Brauer sowie Robert Atzorn - kannten Sie also gar nicht?

Kurtulus: Ich habe mitbekommen, dass Krug und Brauer gesungen haben. Aber grundsätzlich sehe ich sehr wenig fern. Es interessiert mich nicht, wie sie es gemacht haben, für mich stand im Vordergrund, wie ich es machen würde. Ich war von der Kraft, die der "Tatort" hat, sehr überrascht. Es herrscht ja - im positiven Sinne - fast schon eine Hysterie im Land. Es gibt Leute, die sich ein Kino mieten, um den "Tatort" zu sehen.

SPIEGEL ONLINE: Es lässt Sie also auch kalt, wie Cenk Batu am Ende im Ranking der insgesamt 15 "Tatort"-Kommissare dasteht?

Kurtulus: Ob Cenk Batu ankommt, wie viel Ablehnung oder Begeisterung er hervorruft, kann ich ohnehin nicht beeinflussen. Ich kann nur eins mit Sicherheit sagen: Erst wenn ich an etwas glaube, kann ich es glaubhaft rüberbringen, und glauben Sie mir: Cenk Batu kann es sich als Kriminalhauptkommissar nicht leisten, Ihnen die Zeit zu stehlen.

Das Interview führte Julia Jüttner


"Tatort - Auf der Sonnenseite", 26.Oktober, 20.15 Uhr, ARD



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