Neuer TV-Kommissar Kurtulus: "In Deutschland herrscht 'Tatort'-Hysterie"

Merhaba, liebe "Tatort"-Freunde! Bald feiert Mehmet Kurtulus als erster türkischstämmiger Kommissar seinen Einstand beim deutschen Kult-Krimi. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über das Wagnis der neuen Rolle, Dauerregen-Drehs im Unterhemd und einen großen Fehler Brad Pitts.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kurtulus, Ihre Ernennung zum "Tatort"-Ermittler hat für viel Wirbel gesorgt. Wie bewerten Sie es, dass im Jahr 2008 ein türkischstämmiger Kommissar immer noch nicht selbstverständlich ist?

Kurtulus: Ich hätte mich jedenfalls mehr gefreut, wenn man Cenk Batu als neuen Hamburger "Tatort"-Kommissar vorgestellt hätte, nicht als den "ersten deutsch-türkischen Ermittler". Das ist ganz schön entlarvend. Interessant ist auch, dass sogar die französische Presse schrieb: Das Flaggschiff "Tatort" hat jetzt einen türkischen Kapitän, in Deutschland entwickelt sich etwas. Ich sehe mich aber keineswegs als Galionsfigur der deutschtürkischen Gesellschaft.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Türkisch im Film ist miserabel. Ist das realistisch?

Kurtulus: Ja, absolut. Die dritte Generation unter anderem der Türken hier in Deutschland ist eine verlorene, identitätslose Generation - und das drückt sich ganz klar auch in ihrer Sprache aus. Viele können oft weder Deutsch noch Türkisch, sprechen ein Mischmasch. Ihnen fehlt die Verbindung zur Türkei und gleichzeitig zu Deutschland. Ihre Eltern sind Türken, aber sie selbst kennen die Türkei höchstens aus dem Urlaub.

SPIEGEL ONLINE: Sie gehören zur zweiten Generation, wie würden Sie die beschreiben?

Kurtulus: Wir sind eine Art Brücken-Generation: Meine Eltern sind sehr türkisch und ein bisschen deutsch, ich bin türkisch und deutsch und die dritte Generation ist deutsch und ein bisschen türkisch.

SPIEGEL ONLINE: Dramaturgisch wird mit "Tatort"-Kommissar Cenk Batu, einem verdeckten Ermittler, etwas Neues gewagt: Es gibt keine typischen Szenen im Polizeipräsidium, keine Kaffeemaschine im Großraumbüro, kein Besuch in der Pathologie. Stattdessen ist Batu - mit einer Ausnahme - in jeder Szene zu sehen. Was bedeutet diese Dauerpräsenz für den Schauspieler Mehmet Kurtulus?

Kurtulus: Dass das Publikum mit mir Vorlieb nehmen muss (lacht). Das Konzept ist so angelegt, dass der Zuschauer nur das mitkriegt, was auch Batu mitkriegt, dadurch machen wir ihn zum "Insider". Natürlich bedeutet das am Set: viel Arbeit, viel Konzentration, wenig Schlaf. Jeder Film ist ein psychischer und physischer Marathon - aber das ist mein Beruf. Und den liebe ich sehr.

SPIEGEL ONLINE: Wie bereiten Sie sich für diesen Marathon vor?

Kurtulus: Ich werde während der Dreharbeiten so gut wie nie krank. Meine Psyche signalisiert meinem Körper: Wenn Du da morgen nicht stehst, steht da keiner - eben weil Du jede verfluchte Minute im Bild bist (lacht). Manchmal nehme ich bei meinem Körper auch einen Kredit und sage: Gib mir das jetzt mal, ich zahle Dir das dann zurück. Und dann steht man morgens um vier bei Dauerregen im Unterhemd am Hafen, ohne zu frieren.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben extra ein Polizei-Praktikum absolviert. Was haben Sie dort gelernt?

Kurtulus: Ich habe in der Vergangenheit mit dem Drogendezernat in Istanbul zusammengearbeitet. Die emotionale Intelligenz der Ermittler, ihre Menschenkenntnis und Auffassungsgabe - das hat mich beeindruckt.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst dürften genügend Einsichten ins Drogenmilieu gewonnen haben, als Sie noch im Hamburger Szenestadtteil St. Georg lebten, oder?

Kurtulus: Und wie! Das fand alles vor meiner Tür statt. Ich kenne Rohypnol-Leichen, ich kenne Menschen, die an der Ampel im Stehen "schlafen". Und doch hat mich die Detailarbeit der Ermittler sehr beeindruckt. Hinzu kam ein Polizeiprogramm mit Mitarbeitern des Geheimdienstes, Medizinern, Top-Ermittlern und dem KSK in Frankfurt. Ich habe unterschiedlichste Methoden kennen gelernt.

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Mehmet Kurtulus: Vom Regieassistent zum "Tatort"-Kommissar

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