Schwules Museum Berlin: Zarte Fußballer und Frauen mit Bart

Von Ingeborg Wiensowski

Alles hell, alles groß: Das Schwule Museum ist umgezogen. Am neuen edlen Standort in Berlin-Tiergarten will es aus seiner trotzigen Ecke raus und sich thematisch breiter aufstellen. Und zeigt damit, dass es in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.

Am neuen Schwulen Museum in der Lützowstraße 73 in Berlin werkeln heute immer noch die Bauarbeiter, aber die Betreiber des Schwulen Museums sind trotzdem am 17. Mai, dem internationalen Tag gegen Homophobie und Transphobie, in ihr neues Domizil eingezogen und eröffneten ihr Museum. Natürlich mit Grußworten des Bürgermeisters, und in diesem Fall steht Klaus Wowereit diese Ehre der Eröffnung wirklich zu, denn sein offensives Statement "Ich bin schwul, und das ist auch gut so!" hat einiges zu einer unaufgeregten Normalität in Sachen Homosexualität beigetragen.

Trotz oft schwieriger Fördermittel-Suche hat das Museum seit seiner Gründung 1985 135 Ausstellungen auf die Beine gestellt, zu denen im vergangenen Jahr 17.426 Besuchern kamen.

Am neuen Standort in der Lützowstraße zwischen Potsdamer Straße und Lützowplatz werden noch mehr Besucher erwartet, denn das Museum hat seinen Schwerpunkt erweitert. Um LGBTIQ gehe es jetzt, sagt die Sprecherin Sylvia Arnaout auf Englisch und so schnell, dass man erst mal nachlesen muss: LGBTIQ ist die Abkürzung für LesbianGayBisexual TransIntersexQueer. Dafür hat das Schwule Museum statt vormals 600 jetzt 1620 Quadratmeter auf drei Etagen in der ehemaligen Druckerei, die mit rund 600.000 Euro eines Europäischen Fonds und von der Deutschen Klassenlotterie für die Bedürfnisse der neuen Mieter umgebaut wurde. Seit 2010 bekommt das Museum außerdem jährlich 250.000 Euro vom Kultursenat der Stadt Berlin.

Nicht nur schwule Männer

Im Erdgeschoss findet sich der Eingangsbereich mit großem Empfangstresen und kleinem Café, groß genug für Veranstaltungen und Film-Screenings. Von da aus geht es in die vier großen Ausstellungsräume mit insgesamt 700 Quadratmetern. In der ersten Etage sind die Büros und eine große Präsenzbibliothek mit 16.000 Titeln. Im Untergeschoss ist das riesige Archiv mit rund 50.000 Objekten untergebracht - natürlich in klimatisierten Räumen.

Solche Perfektion ist neu im Schwulen Museum. Bisher widmeten sich die Ausstellungen oft trotzig, frech und provozierend und meist auch betroffen, empört, protestierend den Rechten schwuler Männer und der Geschichte der Homosexualität. Aber die Zeiten ändern sich: Jetzt ist die Subjektivität einem profilierten, wissenschaftlichen Konzept und einem gesellschaftspolitischen Aufklärungswillen gewichen. Gerechtigkeit soll herrschen, alles muss vorkommen. So wurde die alte Dauerausstellung vom Mehringdamm archiviert, weil sie fast nur die Geschichte der Homosexualität unter Männern betraf. Stattdessen soll bis 2015 eine neue Schau zu LGBTIQ erarbeitet werden.

Bis dahin ist die Interimsausstellung "Transformation" zu sehen, eine chronologisch angelegte Schau zu "Wandlung, Erneuerung und Grenzüberschreitung" des großen gesellschaftlichen Themas der Geschlechterordnung und der Kämpfe um ihre Veränderung seit 1800 in Deutschland.

Ein Zeitungsbericht über die erste Geschlechtsumwandlung

Die Ausstellung beginnt mit mittelalterlichen Grafiken, die sich mit Darstellungen von Sodomiten, Sappho und ihren Freundinnen auf Lesbos auf die Antike beziehen. Immer kleben erklärende Texte auf Deutsch und Englisch neben den Exponaten. Komisch und amüsant sind zwei Wände mit "Starpostkarten" aus der Jahrhundertwende von Herrendarstellerinnen und Damenimitatoren - die man heute Drag-Künstler nennen würde. In Vitrinen liegen Bücher, Fotos und Dokumente, zum Beispiel ein Zeitungsbericht von 1932 über die erste Geschlechtsumwandlung. Viele der Bilder belegen die Tragik der Lebenswelten jenseits der herrschenden Hetero-Normalität: Niederlagen der Emanzipationsbewegung, Kriminalisierung, Flucht und Ermordungen während der Nazi-Zeit.

Im hinteren Raum geht die Schau mit den fünfziger Jahren bis heute weiter. Aids ist ein großes Thema, aber auch die öffentlichen Bekenntnisse prominenter Männer zu ihrer Homosexualität. Auch drei frühe SPIEGEL-Titelbilder sind ausgestellt - 1969 heißt es zum Beispiel "§ 175 - Das Gesetz fällt - bleibt die Ächtung?" und 1974 "Frauen lieben Frauen - Die neue Zärtlichkeit". Neu war diese damals nicht gerade, aber neu war es immerhin auf dem Titel eines Nachrichtenmagazins.

Auch die Situation von Schwulen in der DDR wird aufgearbeitet

Neu ist die Aufarbeitung der Situation von Schwulen und Transsexuellen in der ehemaligen DDR. Eine der beiden Sonderausstellungen heißt "Zwischen Tradition und Moderne - Frühe Gemälde von Jochen Hass 1950 bis 1955" - eine wirkliche Entdeckung. Hass, der in Ost-Berlin als Restaurator arbeitete, hat im sozial kontrollierten Gefüge der DDR sein Schwulsein zum Thema seiner Malerei gemacht. Seine Bilder, zum Beispiel die von zarten Fußballspielern, konnte er nicht ausstellen, malte sie trotzdem, für sich selbst und seinen Freundeskreis.

Die andere Sonderschau heißt "lesbisch. jüdisch. schwul". Sie beschreibt mit Texten, Porträts und Dokumenten 24 eigens für die Ausstellung recherchierte Biografien von meist in Vergessenheit geratenen lesbischen Jüdinnen und schwulen Juden in den zwanziger Jahren aus Kunst, Wissenschaft und Literatur. Alle haben einen Beitrag zur Emanzipation beider Gruppen geleistet, waren im Nationalsozialismus doppelt stigmatisiert und den Verfolgungen der Nazis ausgesetzt. Magnus Hirschfeld kennt man und Felice Schragenheim durch den Film "Aimee und Jaguar". Aber wer sind Felix Abraham, Fritz Flato, Richard Plant, Alice Ascher, Vera Lachmann oder Käte Laserstein? Schon um sie kennenzulernen, sei ein Besuch im Schwulen Museum dringend empfohlen.


Schwules Museum. Berlin. Lützowstraße 73.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. optional
marlene9000 16.07.2013
tolle sache mit dem museum!
2. Ja, eigentlich eine tolle Sache, aber...
behuf 16.07.2013
... wieso heißt es "schwul"? Entweder beziehen sich die Inhalte des Museums ausschließlich auf schwule Männer, dann ist der Name natürlich richtig, oder aber es wird (wie hier im Text dargestellt) das Thema von lesbischen Frauen in Geschichte und Gegenwart ebenfalls dargestellt, und dann ist der Name des Museums indiskutabel. Frauen sollen mal wieder "mitgemeint" sein, als Anhängsel funktionieren, sprachlich nicht existent? Das Schwule Museum sollte beim Thema "Männer" bleiben, um dem Vorwurf des Sexismus aus dem Weg zu gehen, oder sich eben umbenennen.
3.
Grestorn 17.07.2013
Das Wort "Schwul" ist im weiteren Sinne nicht exklusiv für Männer - auch wenn es natürlich ursprünglich so definiert ist. Im Englischen sagt man auch einfach "Gay", egal ob man von Frau oder Mann spricht. Man sollte es im Deutschen nicht unnötig kompliziert machen.
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