Neues Deutschlandgefühl Wir sind Kanzlerin

Und Fernsehen bildet doch: Wer den gestrigen Tag überwiegend vor dem Bildschirm verbracht hat, dem war bald klar: Hier fand nicht die Kanzlerwahl statt, sondern der Triumph der deutschen Frauenbewegung. Die frohe Botschaft: Eine kam durch.


Angela Merkel ist "die neue Ikone der Frauenpower-Bewegung" (Sat.1), "knapp 87 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts", wie Petra Gerster in den "heute"-Nachrichten für die Nachwelt festhielt.

Kein Wunder, dass Merkels Ehemann Joachim Sauer den geschichtlichen Moment lieber zu Hause auf dem Fernseh-Sofa verfolgte.

Kanzlerin Merkel: "Ich bin glücklich"
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Kanzlerin Merkel: "Ich bin glücklich"

"Ohne die 25-jährige Frauenpolitik von uns Grünen wäre eine Bundeskanzlerin immer noch undenkbar" - so bescheiden hatte die gerade abgewählte Ex-Regierungspartei den historischen Augenblick gleich per Zeitungsannonce besetzt. Wie Golda Meir, Indira Gandhi, Margaret Thatcher und Sirimavo Bandaranaike ohne die Hilfe der deutschen Grünen erfolgreiche Premierministerinnen werden konnten, wird nun allerdings ein ewiges Rätsel bleiben.

Der Sieg der Frauenbewegung ist allerdings auch noch auf einem anderen Feld unübersehbar geworden, auf dem Schlachtfeld der Gefühle. Der deutsche Mann, der Macho, die Leitfigur, das Mannsbild, der eiserne Kanzler - er weint inzwischen ganz ungehemmt und in aller Öffentlichkeit. Er zeigt Emotion selbst beim Großen Zapfenstreich und schämt sich nicht einmal dafür.

Wenn Männer weinen

Es wurde viel geweint in den letzten Tagen dieses historischen Wechsels, wobei der arme Hans Eichel wieder einmal die unglücklichste Figur abgab. Auf dem SPD-Parteitag liefen ihm die Tränen des Abschieds herunter wie einem ausgemusterten kleinen Frosch, der noch einmal reflexartig die Backen aufgeblasen hatte, bevor er den geliebten, nun trockengelegten Teich für immer verlassen musste.

Doch man soll nicht spotten. Auch Gerhard Schröder weinte, Doris sowieso, und viele andere, die dabei ganz gerne im Hintergrund blieben. Und manch einer mag sich gefragt haben, ob auch das eine Erbschaft von "'68" ist, diese Verbindung von Sentimentalität und Utopie, gefühlter Revolution und emotionaler Betroffenheit.

Aber vergessen wir nicht: Damit angefangen hat Helmut Kohl, den seit vielen Jahren bei jeder passenden Gelegenheit die Rührung über den Lauf der Geschichte überfällt. Womöglich sind sich der Kanzler der Wiedervereinigung und die 68er ja auch näher, als sie glauben: Sie identifizieren sich mit der Geschichte und ihrem wunderbar abenteuerlichen, aber grundsätzlich tragischen Verlauf. Denn selbst die Sieger müssen eines Tages abtreten.

Nun kommt die Generation eines durchaus ostdeutsch geprägten Pragmatismus an die Macht, ohne Leitkultur, Theorie oder Vision, dafür mit dem Willen, praktische Probleme zu lösen. Ihr Motto heißt: Pendlerpauschale, Eigenheimzulage, Haushaltsloch - wir kommen, um zu kürzen und zu stopfen. Die Zeiten ideologischer Lagerkämpfe scheinen endgültig vorbei zu sein.

Die kleine Frau, in der ein großer Mann steckt

Als unfreiwillig selbstironische Erinnerung an die guten alten reaktionären Zeiten hatte die "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" Angela Merkel ganzseitig als Zigarren rauchende Wiedergeburt Ludwig Erhards porträtiert - die kleine Frau, in der ein großer Mann steckt.

Kein Zufall vielleicht, dass in diesen Tagen eine groß angelegte Fernsehdokumentation über die fünfziger Jahre läuft, über damals, als Bundeskanzler Konrad Adenauer noch sagte: "Was soll eine Frau im Kabinett? Dann kann man ja gar nicht reden!" Nun aber sind selbst schon die Frauenbeauftragten aller Bundesländer Teil der Zeitgeschichte, "Gender Studies" inklusive.

Niemand hat am gestrigen Tage zählen können, wie oft das Wort von der "ersten Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland" fiel, der "ersten Frau als Bundeskanzler", dem "ersten weiblichen Regierungschef in Deutschland" oder der "ersten Kanzlerin", die dazu auch noch aus dem Osten kommt, protestantisch ist, legendär tapfer mit ihrer Frisur ringt und einen Ehemann hat, der nicht einmal als Gast auf der Tribüne des Bundestags saß und sich auch fürderhin nicht umstandslos ins Damenprogramm einbinden lassen wird.

Das Wunder von Berlin

Unzweifelhaft aber ist Angela Merkel, frischgewählte Bundeskanzlerin, noch nie in ihrem Leben derart unablässig und aufrichtig bescheinigt worden, eine Frau zu sein. Eine echte, eine wirkliche Frau, eine Frau, die ihr "Frausein" bloß nicht verstecken solle. Im Gegenteil. Immer schön zeigen.

Ein kleines Wunder, das sich vor unser aller Augen abspielt. So wurde der Tag des offiziellen Regierungswechsels von Rot-Grün zu Schwarz-Rot auch der Tag ihres kombinierten Coming-out: als Frau und Bundeskanzlerin, als Ostlerin und Mensch. Und überhaupt. "Ich bin glücklich", sagte sie nach ihrer Ernennung durch den Bundespräsidenten in die TV-Mikrofone und lächelte dabei wie selten. "Ein schöner Tag."

Also doch eine Sensation in Deutschland.

Die Trauzeugin, Notarin und Mentorin dieses einmaligen Augenblicks war nicht zufällig Alice Schwarzer, die vom frühen Morgen an beim ZDF und bis zum Abend auf beinahe allen TV-Kanälen öffentlich Bekenntnis ablegte. Wie ein weibliches Pendant von Pater Basilius Streithofen, einst das wandelnde geistig-moralische Glaubenselixier von Helmut Kohl, sprach die streitbare Feministin der ersten Stunde ("Der kleine Unterschied und seine großen Folgen") über den bewundernswerten Gleichmut von Angela Merkel, mit der sie die angebliche "Hysterie in der Männerrepublik" ertragen habe, ohne ihr Ziel je aus den Augen zu verlieren.

Gewiss, eine "sexy Domina" à la Thatcher sei "Angie" nicht, weder Desperate Housewife noch eine blutrünstige Elisabeth von Berlin-Mitte. Dafür werde "Angela I." (RTL) keine "Politik der sozialen Kälte" betreiben, sondern Vernunft und Augenmaß walten lassen: wohlwollende Parteinahme bis an die Grenze journalistischer Unabhängigkeit am Tag des Triumphes.

"Ist die Macht nun weiblich?"

"Ist die Macht nun weiblich?", fragte Sandra Maischberger in ihrer Talksendung gegen Mitternacht und sorgte mit diesem ambitionierten Versuch einer Gender-mäßigen Grundsatzdiskussion unfreiwillig für die Erkenntnis des Tages.

In dem schier unbeschreiblichen Gesprächschaos, das Margarita Mathiopoulos, Esther Vilar, Renate Schmidt, Margarethe Mitscherlich, Heinz Eggert und Mathias Richling anrichteten, verdampfte alles politisch-philosophische Pathos, jeder weiterführende Gedanke, jeder Drang zu Tieferem oder Höherem, jeder Superlativ und Quotenrekord, sogar der späte Triumph der Frauenbewegung. Loriot hätte es nicht besser inszenieren können.

Was dem einsam sinnierenden Fernsehzuschauer blieb, war ein schlichter Nachtgedanke: an den Sieg der Republik, die erstaunliche Normalität des demokratischen Wechsels, ja sogar die Heiterkeit einer politischen Kultur, die besser ist als ihr Ruf.

"Dann regiert mal schön!", hätte Adenauer gesagt. Obwohl man mit Frauen ja eigentlich nicht reden kann.



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