Neues Elternmagazin "Nido" Eine schrecklich adrette Familie

Wo Babys sind, da sind süße Bärchenfratzen auch nicht weit. Furchtbar, findet Zeitschriften-Wunderkind Timm Klotzek - und bringt mitten in der Medienkrise ein Lifestyleheft für junge Papas und Mamas auf den Markt. Nur: Wer kauft ein Magazin, das so hübsch, hip und harmlos ist?

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Okay, klare Ansage. "Ich will wieder arbeiten", prangt in großen Lettern vom Titelblatt. Klein daneben ein trotziges: "Mal Zeit für mich". Offenbar hat da jemand das Gefühl, zu kurz zu kommen. Und offenbar findet das jemand anders doof und hat sich die beiden Schlagzeilen ausgedacht, um dem Frust den Kampf anzusagen. Dieser Doof-Finder heißt Timm Klotzek, sitzt im schicken Berliner Büro der Zeitschrift "Stern" an der Spree und präsentiert mit leicht unterkühltem Vaterstolz sein jüngstes Kind: Es ist ein neues Magazin für Eltern, getauft auf den Namen "Nido", italienisch und spanisch für Nest.

Drei Tage lang schickte der Verlag Gruner + Jahr Klotzek auf eine Roadshow durch die Republik, damit er der Presse sein "Nido" zeigen konnte. Man könnte fragen: Ist das nicht etwas viel Aufwand für ein Elternmagazin, das zudem dieses Jahr nur zweimal als Testballon erscheinen soll (diesen Freitag und im Oktober)? Aber dieser Tage ist alles anders, denn es ist ja Krise. Und die Verlagsbranche ist besonders nervös, weil die derzeitige Anzeigenflaute nur ein Strukturproblem verschärft: Leser und Anzeigenkunden wandern ab ins Internet.

Also rast auch beim Großverlag Gruner + Jahr ("Brigitte", "Geo", "Financial Times Deutschland") der Rasenmäher durch die Redaktionen, auch das Flaggschiff "Stern" spart. Dieses Jahr wird das Hamburger Haus wohl kein einziges neues Heft auf den deutschen Markt bringen, abgesehen eben von "Nido". Umso wichtiger also, den kostbaren Nachwuchs angemessen vorzustellen. Vor allem wenn der Mann hinter dem neuen Magazin den Managern der verzagten Branche bewiesen hat: Da geht doch noch was.

Klotzek war die letzten Jahre so etwas wie das whiz kid des deutschen Zeitschriftengeschäfts. Als Chefredakteur von "Neon" schreibt er mit seinem Kompagnon Michael Ebert eine Erfolgsgeschichte in dem an Erfolgsgeschichten derzeit so armen Magazinsegment. Erst diese Woche verzeichnete das Heft entgegen dem Branchentrend erneut Auflagenzuwächse: 226.381 Exemplare verkaufte "Neon" zuletzt. Und an wen?

An Menschen zwischen 20 und 35 Jahren, "die erwachsen sind, sich dafür aber eigentlich noch zu jung fühlen", so die PR-Prosa von Gruner + Jahr dezent. Kritiker sind da scharfzüngiger. "Eigentlich sollten wir erwachsen werden", stand zu Anfangszeiten auf dem Cover jedes Hefts; vielleicht war dieser so jämmerliche wie ehrliche Generationsslogan doch zu brutal und wahr, um dauerhaft zu bleiben. "Neon"-Leser blickten "lieber in das Magazin als dem Ernst des Lebens ins Auge", befand die "taz" einmal. Eigentlich gelten Heftmacher und Leser manchen Leuten also zwar als irgendwie kritisch. Eigentlich aber auch als irgendwie notorisch angepasste, apolitische Nabelschauer.

"Neon"-Macher Klotzek sieht das naturgemäß anders. Für die zeitgeistige - präziser: zeitfühlige - Befindlichkeitsshow verwendet er gern den Begriff "Lebensgefühl-Journalismus".

Nun muss sich, wer sich so etwas auf die Fahnen schreibt, wohl auch einfühlen können in das Leben seiner Leser. Klotzek ist jetzt 36 Jahre alt und mehrfacher Vater. Das klingt dann doch ziemlich erwachsen, und da fügt es sich, dass sein Magazin "Nido" jetzt Eltern mit Lebensgefühl-Journalismus beglücken soll, genauer: junge, gut ausgebildete und verdienende Eltern, mit Kindern bis zu sechs Jahren.

Rund eine Million soll diese Zielgruppe laut Verlag umfassen, so viele sind das nicht. "Eine spitze Zielgruppe", wie auch die Manager wissen. Dennoch: Mindestens 60.000 Exemplare soll "Nido" verkaufen, 200.000 gehen in Druck, 3,90 Euro kostet das Heft.

Das Geld sollen Deutschlands Mamas und Papas allerdings nicht für Tipps zum Breichen- oder Buggykauf ausgeben, sondern für Geschichten, die allein ihr Gehirn und ihren Geschmack ansprechen. "'Nido' ist elternzentriert und nicht kinderzentriert", sagt Klotzek erst einmal eine Formel auf, die ihm dann aber doch ein wenig zu sehr nach Marketingsprech klingt. Also legt er nach: "Wer will als Eltern schon immer nur Bärchenfressen und Halbmondgesichter mit Knubbelnasen sehen?" Und im Editorial der ersten Ausgabe steht der schöne Satz: "Wir sind eine Familie, aber wir sind nicht gaga."

Ein bisschen klingt das nach journalistischer Ausweitung der Ego-Zone. Erst mal mit "Neon" schön hedonistisch durch die Postadoleszenz geschlurft, dann - nach kurzer Babystresspause - mit "Nido" durch die Elternschaft. Und tatsächlich wirkt das Cover der ersten Ausgabe, als habe man zwei typische "Neon"-Fotomodels (Männlein, Weiblein, beide hübsch, hip und harmlos) in ein Bett bugsiert - und dann ein Kindermodel (hübsch, hip und ein bisschen frech) dazugelegt. Aus zwei mach drei, fertig ist die coole Kleinfamilie.

Keimzellige Bionade-Bürgerlichkeit

So etwas Ähnliches hatte bereits ein anderes Magazin vor kurzer Zeit versucht, das "wir" hieß, aus dem Haus der "Süddeutschen Zeitung" stammte und erstmals im November 2008 erschien; es dürfte zugleich die einzige Ausgabe gewesen sein. Die Verkäufe entsprachen wohl nicht den Erwartungen des Verlags, 50.000 hatte man absetzen wollen - sogar 10.000 weniger, als "Nido" anpeilt.

Diesen Misserfolg will Klotzek nicht kommentieren. Das mag kollegiale Höflichkeit sein, die er sich aber auch gönnen kann: Denn er hat's besser gemacht als die Konkurrenz. "wir" wirkte, als würden ein paar schreibende Jungväter etwas erratisch übers Vatersein sinnieren. "Nido" bietet dagegen einige sehr gelungene Artikel, eine Reportage über Adoption in Kolumbien etwa, einen Report über Erziehungskonzepte in Westafrika, ein hübsches Interview mit Daniel Cohn-Bendit über Vaterschaft ist auch dabei. Vor allem aber punktet das Heft optisch: Das Layout ist zeitgemäß elegant, die Fotostrecken sind aufwendig und intelligent inszeniert.

So schön der erste Eindruck, so ernüchternd der zweite. Schrecklich eng wirkt er häufig, der Familienbegriff von "Nido". Hartz-IV-Alleinerziehende? Nö. Patchwork-Familien? Eher nicht. Wohin das Auge im Heft wandert, es erblickt allzu oft keimzellige Bionade-Bürgerlichkeit, wie sie der Berliner Ex-Szene-Bezirk Prenzlauer Berg die letzten Jahre stilbildend geprägt hat.

Wahnsinnig geschmackssicher sieht da alles aus, eine Modestrecke zeigt stylische Eltern, wie sie mit ihren stylischen Kindern zu deren Lieblingssongs abtanzen, eine andere Traum-Kinderzimmer, die wirken, als hätte Pippi Langstrumpf mal fix Innenarchitektur studiert. Selbst ein dröges Thema wie Risikolebensversicherungen ist so aufgemacht. Auf dem dazugehörigen Bild stürzt ein hipper Papi von der Leiter in den Tod - mitsamt Oberarmtattoo.

"Wille zur Qualität"

Solch mainstreamige Coolness atmen dann auch viele Artikel: eine eher uninspiriert referierende Titelstory über die Rückkehr in den Job, ein bisschen Nacktes ("Guter Sex trotz kleiner Kinder"), dann Nutzwert mit Gefühlsgehalt, etwa zur bangen Frage: weiter die geile Altbaubude mieten oder doch die spießige Doppelhaushälfte kaufen?

Das hat natürlich alles seine Zielgruppen-Logik, es geht ja um Anzeigen, also um: Geld. Warum nicht die für Werbekunden so attraktiven "Neon"-Leser rüberholen, die sich gerade ein Kind angeschafft haben? Und noch ein paar andere junge, gutverdienende Familiengründer dazu? Denn die, weiß Klotzek, zeichne ein "Wille zur Qualität" aus. Die wollten halt immer nur das Beste für das Kind, das sei fein für "die Industrie", sprich: die Anzeigenkunden. Außerdem befänden sich ja gerade junge Familien mit Kleinkindern "rein biografisch in einer ungeheuren Anschaffungszeit", will meinen: Sie kauften zum Beispiel ganz oft eine neue Küche, und die Küchenhersteller freuen sich dann, wenn sie in einem Magazin für junge Eltern inserieren können.

So kommt es dann, dass "Nido" die "Neon"-isierung der Elternzeit konsequent durchzieht, selbst wenn Verlag und Klotzek betonen, dass "Nido" nicht aus "Neon" entstanden sei, beide gehörten ja zur "Stern"-Familie. So eine Ausrichtung "kann man dem Heft aber nicht vorwerfen", findet Klotzek, "das ist klassische Zeitschriftenkonzeption". Und da wirkt er dann kaum wie der oberste Journalist einer Zeitschrift, sondern eher wie ein Verlagsmanager. Denn übersetzt heißt das: Es geht um Geld, so ist die Welt, live with it.

Da wäre er dann vielleicht wirklich angebracht, der alte Vorwurf gegen die "Neon"-isten: irgendwie kritisch. Aber auch irgendwie notorisch angepasst und apolitisch.



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