Neues Esoterik-Magazin "Happinez": Heut' geh'n wir zum Schamanen!

Von Jenni Zylka

Den "Graben zwischen dem Geist und dem Herzen überbrücken" möchte "Happinez", die bunte Esoterik- und Wellness-Illustrierte aus dem Heinrich-Bauer-Verlag. Der Geist zumindest hat da nicht mitgemacht: Entstanden ist eine krude Mischung aus Binsenweisheiten, Sexualberatung und Kochrezepten.

"Happinez"-Cover: "Durch eine spirituelle Transformation praktisch ausgelöscht" Zur Großansicht

"Happinez"-Cover: "Durch eine spirituelle Transformation praktisch ausgelöscht"

Hilfe! "Happinez" ist da. Das Magazin für "Menschen, die interessiert sind am Entdecken ihrer Innerlichkeit". Das "den Graben zwischen dem Geist und dem Herzen überbrücken" möchte. Das die erste deutsche Ausgabe in rosaroter Blumen-Ästhetik dem Thema "Liebe" widmet, dabei Duftkerzen entzündet, Kristall-Wasserstäbe zum Übertragen von Heilkräften anpreist (49 Euro pro Stab) und in neun Rosa-Schattierungen bedruckte Bring-mehr-Liebe-in-Dein-Leben-Karten zum Heraustrennen dazulegt. Das dazu Fotos von lächelnden, Sandalen tragenden Frauen in Yogastellungen abbildet, die aussehen, als ob sie ein dringendes Bedürfnis quält - und letztlich in einer dermaßen großen Ansammlung von Eso-Binsenwahrheiten kulminiert, dass einem der Kopf schwirrt.

Chefredakteur des aus Holland importierten Lizenz-Magazins ist Uwe Bokelmann, der gleichzeitig die Bauer-Hefte "TV Hören und Sehen", "TV 14" und "Welt der Wunder" leitet. Erscheinen soll "Happinez" vierteljährlich, eine Test-Ausgabe ließ man "wegen der sehr guten Resonanz aus dem Anzeigenmarkt sowie Expertenkreisen" (Verlagsmitteilung) gleich ausfallen und platzt mitten in den boomenden Wellness-Markt.

Welche Experten den Daumen für das Magazin hoben, erfährt man nicht, aber einige ihrer Kollegen kommen in Ausgabe eins gleich selbst zu Wort: Was sagt "der amerikanische Bestseller-Autor und spirituelle Coach Gregg Braden"? "Unsere Gefühle sind so etwas wie der Schlüssel zum Universum." Aha. Was die Autorin von "Alchemie der Liebe"? "Wir alle tragen Monster in unserer Seele, die wir besiegen müssen, um der Liebe eine Chance zu geben." Oje. Und was meint "Happinez"-Kolumnist und Buchautor Eckhart Tolle ("Eine neue Erde"), dessen alte Identität "mit 29 durch eine spirituelle Transformation praktisch ausgelöscht wurde"? "Sobald wir nach dem Glück suchen, werden wir es nicht finden." Ach so.

"Eine nackte, kalte Form von Sexualität"

Durch wie viele Glückskekse sich die vom Heinrich Bauer Verlag ausgesuchte und esoterisch instruierte Redaktion sich für einen solchen Haufen wahlweise nichtssagenden oder hanebüchenen Mist wohl mampfen musste, möchte man gar nicht wissen. Möchten "wir" gar nicht wissen: In dem sogenannten "Mindstyle Magazin" gilt die erste Person Plural. Die Texte sind größtenteils in der "Wir"-Form geschrieben. "Wir" sehnen uns nach Liebe, "wir" gehen zu Schamanen, "wir" machen täglich Yoga, und statt Safer natürlich lieber Tantra Sex, denn Nicht-Tantra-Sex ist "eine nackte, kalte Form von Sexualität", echte Hingabe dagegen "ein wenig so, als sage man dem Universum: Ich bin offen für alles, was das Leben mir zu geben vermag".

Es ist schon beeindruckend, was der redaktionsinterne Mindstyle-Magazin-Zufallsgenerator, der mit den Keywords Liebe, Leben, Universum, Spiritualität, Reise, kaltgepresstes Öl, innerer Raum und Tantra gefüttert wurde, alles an - auf den ersten Blick - unterschiedlichen Texten ausspucken konnte. Immerhin waren sogar ein paar Kochrezepte dabei!

In der nächsten Ausgabe wird "Liebe" mit "Zeit" ausgetauscht, die Duftkerzen riechen nach Vergissmeinnicht, und Eckhart Tolle schreibt irgendetwas á la "Kräht der Hahn auf dem Mist/ dann verändert's sich Wetter/ oder 's bleibt wie es ist". Mal sehen, wie viele von "uns", von uns Frauen natürlich, denn Werbestrecken, Esofarben und Inhalt deuten auf eine Zielgruppe von Leserinnen über 30, dieser Unsinn tatsächlich interessiert. "Gerade in unsicheren Zeiten haben Menschen einen Wunsch nach positiver und inspirierender fundierter Unterhaltung. Mit 'Happinez' wollen wir ihnen genau das geben und die Leserinnen auf dem Weg zum ganzheitlichen 'Glücklich sein' mitnehmen", schwärmt Jörg Hausendorf, Geschäftsführer der Bauer Women GmbH. Die Suche nach Sinn und spiritueller Tiefe sei "ein fundamentales Bedürfnis unserer Zielgruppe".

"Wir" anderen lesen dann doch lieber den "Skeptiker".

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insgesamt 25 Beiträge
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1. Universalweltproblemlösungskonzept
deus-X-machina 10.06.2010
Die primäre Klientel ist klar: einsame und/oder vernachlässigte Frauen mittleren Alters die ihrem Leben so recht nichts abgewinnen können da auch die eigene Karriere nie so richtig in die Gänge kam. Erwartungen von verpasster Romantik mixen sich mit existenziellen Problemen. Aber schon naht die Lösung: Schwuppdiwupp ist ein Wundermittel oder Universalweltproblemlösungskonzept für all die Probleme gefunden. Man nehme: ein wenig asiatische Mystik (indianisch oder ozeanisch geht zur Not auch) und würze das ganze mit Viersatzstücken aus der Psychologie. Als wichtige Beilage gebe man zur Untermauerung des kosmischen Süppchens noch ein wenig Quantenphysik hinzu - die kapiert eh niemand aber klingt immer so schön wissenschaftlich und gebildet. Mit diesem Konzept in der Tasche kann man dann prima zu Reichtum, Gesundheit und nem George Clooney (alternativ Brad Pitt) als Gatten kommen. Funktionieren tut das schon - für die Autoren.
2. bin happy ...
chassespleen 10.06.2010
... über diesen Artikel! Die heutige Esoterik oder modischer "Spiritualität" ist teilweise schlimmer - und leider in breiten Gesellschaftkreisen akzeptierter - als die katholische Kirche. Herzlichen Glückwunsch Frau Zylka für diese journalistische Blüte im Esoteriksumpf!
3. Skeptiker? Nein Danke, das auch nicht.
Clint_Billton 10.06.2010
Liebe Frau Zylka, Ja, es gibt einen Esoteriksumpf wo viel Geld gemacht wird und viel Unsinn und Gelaber verbreitet wird. Daher sind solche Betrachtungen auch verständlich. Aber Esoterik ist so viel mehr, und damit meine ich nicht nur den wöchentlichen Meditations- oder Yogakurs von nebenan. Auch bei Esoterik gilt es eben, wie bei Vielem, die Spreu vom Weizen zu trennen. Ob es auch ein Magazin gibt wo dies geschieht weiß ich nicht, da ich kein (Papier)-Magazinkäufer und -leser bin. Den "Skeptiker", liebe Frau Zylka, würde ich trotzdem nicht empfehlen, denn er ist nur die andere Seite des Spektrums, nämlich das arme Zeugnis eines auf rückständig materialistischen Standpunkten verharrenden "Close-Minded Skepticism" wie er fast schon fundamentalistisch und dogmatisch von gewissen Gruppierungen ausgelebt wird (u.a. auch auf der angeblich so neutralen Wikipedia). Das führt Sie genauso in die Irre, glauben Sie mir. Bleiben Sie in der Goldenen Mitte, dem "open-minded skepticism" (den ich hier beim Spiegel aber in den letzten Jahren doch schmerzlich vermisse) - damit lebt sich's am besten. :-)
4. Hallo Frau Zylka,
ähmbe 10.06.2010
rosa-wölkchen-Schwebedienste gab´s schon immer; jetz gibt´s halt die "Esotera" als neue Wellness-Ausgabe zum bespaßen von Ehe-Frauen im mittleren Alter, die frei über ihr Taschengeld verfügen können. Da wird eben fein-stoffliche Energie (= redundante, aber wohlkingende Worthülsen, im Volksmund auch parfümierte Flatulenz genannt) gegen grob-stoffliche Energie (= Penunze, gemäß penuntia non olet) ausgetauscht. Ist halt so - Karma-Sutra, heißt das, glaube ich, in esoterischen Kreisen : Ich nehme Dein schlechtes Karma (= verabscheuungswürdiges materielles Gut) auf und Du bekommst dafür gutes Karma ...
5. Cms
Parzival v. d. Dräuen 11.06.2010
Zitat von Clint_BilltonLiebe Frau Zylka, Ja, es gibt einen Esoteriksumpf wo viel Geld gemacht wird und viel Unsinn und Gelaber verbreitet wird. Daher sind solche Betrachtungen auch verständlich. Aber Esoterik ist so viel mehr, und damit meine ich nicht nur den wöchentlichen Meditations- oder Yogakurs von nebenan. Auch bei Esoterik gilt es eben, wie bei Vielem, die Spreu vom Weizen zu trennen. Ob es auch ein Magazin gibt wo dies geschieht weiß ich nicht, da ich kein (Papier)-Magazinkäufer und -leser bin. Den "Skeptiker", liebe Frau Zylka, würde ich trotzdem nicht empfehlen, denn er ist nur die andere Seite des Spektrums, nämlich das arme Zeugnis eines auf rückständig materialistischen Standpunkten verharrenden "Close-Minded Skepticism" wie er fast schon fundamentalistisch und dogmatisch von gewissen Gruppierungen ausgelebt wird (u.a. auch auf der angeblich so neutralen Wikipedia). Das führt Sie genauso in die Irre, glauben Sie mir. Bleiben Sie in der Goldenen Mitte, dem "open-minded skepticism" (den ich hier beim Spiegel aber in den letzten Jahren doch schmerzlich vermisse) - damit lebt sich's am besten. :-)
Der Close-Minded Scepticism? Seit Jahrzehnten schau ich immer wieder mal, was die Esoteriker (allein der Begriff ist schon ein Euphemismus) so absondern. Aber CMS war immer schon mein Lieblingsargument dieser Szene. Ähnlich schön, wie der Vorwurf des Feminismus', dass Logik und Mathematik Auswüchse des rationalistischen Patriarchats seien. Was ich aber noch viel lieber all die Jahre beobachtet habe, dass sich da ganz viele Männer tummeln, die Frauen um ihr Geld bringen. Hinterfragt man deren Kalender- und Horoskopsprüche, bleibt nichts weiter als die berüchtigte Kaffeesatz-Leserei, welche aber immer geeignet ist, Geld abzugreifen. Da ist CMS selbstverständlich eine Chiffre, die erwachsenen Menschen vorgaukeln soll, andere wären noch nicht bereit für die "höheren Lehren" der Bewußtseinsöffnung und Feinstofflichkeit die allen Seelen den Weg in Sphären ungeahnter Selbstvervollkommnung eröffnen. Also viel Wortgeklingel. Liest man die letzten Bücher über Sekten, die von der Bundesregierung in Zusammenarbeit mit kirchlichen Experten rausgegeben wurden, ist eine Motivik nahezu bei jeder Sekte, ob sie noch besteht oder schon vergangnen ist, herauszuarbeiten. Die zu über 95% männlichen "Gurus" haben eine Möglichkeit gefunden, Geld, Sex und Anerkennung bis zum Abwinken einzufahren. In der esoterischen Szene findet man nicht groß andere Motive - nur dass diese nicht so rigide befördert werden, wie in den klassischen evangelisch geprägten Sekten. Nepper, Schlepper, Bauernfänger. Da kann man nur sagen, dass es gut ist, dass der Boom der Esoterik in den 90ern fast völlig endete.
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