Neues Genre Fashion-Film Rauchen, Saufen, Schaulaufen

Bechernde Kids, schnelle Schnitte, heiße Stoffe: Eine neue Kunstform revolutioniert die Modebranche. Fashion-Filme sind weit mehr als Werbung, längst hat sich ein eigenes Genre entwickelt. Der Trend zum kreativen Filmen wird auch auf der Berlin Fashion Week zu sehen sein.

Cristian Straub

Karl Lagerfeld hat einen Film gedreht. Darin tragen schöne Frauen teure Kleider und sagen Sätze wie: "Ich verspreche dir, wir werden Spaß haben". Neben ihnen sitzen hübsche Burschen. Sie sagen Sätze wie: "Patentante, hast du Bargeld für mich?"

Das Ganze kommt daher wie die Pilotfolge einer Soap Opera mit Starbesetzung: Für die Produktion wurden unter anderem die französische Schauspielerin Anna Mouglalis und Topmodel Kristen McMenamy verpflichtet. Neben Teilen seiner aktuellen Kollektion versucht der Designer, große Gefühle zu zeigen. Seine Darsteller streiten sich um Geld und Macht, sehnen sich nach leidenschaftlicher Liebe - und das über 25 Minuten.

Lagerfelds cineastischer Ausflug ist eine der aufwendigsten Produktionen in einem neuen Genre: dem Fashion-Film. Auf der Kinoleinwand oder im Fernsehen wird "The Tale of a Fairy" deswegen nicht zu sehen sein - das Modemärchen ist für die Homepage von Chanel konzipiert.

"Ein Fashion-Film kann vergleichsweise günstig produziert werden und erreicht ein viel größeres Publikum als eine Zeitschriftenanzeige", sagt Gerd Müller-Thomkins, Chef des Deutschen Mode-Instituts. Das neue Phänomen sei wesentlich von der Wirtschaftskrise befördert worden. "Geld, was vorher für Anzeigen bezahlt wurde", so Müller-Thomkins, "steckt man nun lieber in die Produktion von hochwertigen Filmen." Zudem könnten die Unternehmen so neue Zielgruppen ansprechen und sich unabhängig von großen Werbeträgern präsentieren.

Seit gut zwei Jahren wächst das Genre, inzwischen werden täglich neue Filme online gestellt. Die in der Regel nur bis zu fünf Minuten langen Videos dürfen dabei vor allem eins nicht sein: langweilig. Denn Netz-Konsumenten sind ungnädig. Was nicht gefällt, wird weggeklickt.

Zwischen Schulhof und Laufsteg

Fashion-Filme revolutionieren die mediale Selbstdarstellung der exklusiven Modehäuser. Sie sind extravagant und brechen mit Konventionen. Setzen sich mit aufwendigen Filmtechniken, Spiegeleffekten und lässiger Musik von einfachen Werbeclips ab. Regeln, wie ein Modefilm auszusehen hat, gibt es - noch - nicht. Ähnlich wie bei den ersten Musikvideos in den achtziger Jahren gilt: Die Macher können sich austoben, die künstlerische Freiheit ist groß.

Die Konkurrenz unter den Filmemachern allerdings auch. Das spiegelt sich in der Vielfalt der Produktionen wider. Prada versuchte als erste Luxusmarke, Teile einer neuen Kollektion in Form eines Modefilms der breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Der Fashion-Film "Trembled Blossoms" setzt auf hochwertige Animation und aufwendige Motion Capture Technologie.

Weitere bekannte Marken und Namen folgten dem Mailänder Modehaus. "Iris" ist ein verstörendes Schnittexperiment von Musikvideoregisseur Barnaby Roper. Drehbuchautor Harmony Korine, der schon für das skandalträchtige Minderjährigendrama "Kids" das Buch schrieb, sorgte mit seinem Fashion-Film "Act da Fool" für Aufsehen. Hier hängen afroamerikanische Teenager auf dem Schulhof ab, trinken, rauchen und sprühen Graffiti - gekleidet in Teile der Herbstkollektion 2010 des US-Labels Proenza Schouler.

Der Fashion-Film ist ein Experimentierfeld zwischen Kunst und Kommerz. Es geht nicht nur um die Präsentation von Mode - ein Lebensgefühl soll transportiert werden. Die emotionalisierten Werbebotschaften polieren derweil das Image der Unternehmen auf. Mit Prominenz funktioniert das besonders gut. Stars, die sonst in der ersten Reihe am Laufsteg sitzen, begeben sich nun ans Filmset der Designer.

Mehr als nackte Brüste

Eine der ersten war Gwyneth Paltrow. Regisseur Dennis Hopper hat mir ihr im Jahr 2008 einen Kurzfilm für das Modehaus Tod's gedreht, der sogar auf den Filmfestspielen in Cannes laufen sollte. In den Hauptrollen werden sowohl Paltrow als auch die "Pashmy Bag" des Labels angekündigt.

Bisher hat die Fotografie maßgeblich die Darstellung der Branche geprägt. Nun filmen immer mehr Fotografen an ihren Sets oder wagen sich an die Produktion von eigenständigen Clips. Berühmtestes Beispiel dafür ist der britische Fotograf Nick Knight. In der Modeszene gilt er als Pionier für die Nutzung des Internets als Modeplattform.

Auf der Seite SHOWstudio macht Knight Trends und Produktionen der breiten Masse zugänglich. Aber nicht nur das, der Fotograf teilt sein Material mit den Kollegen. Eines seiner aktuellen Projekte heißt "Editing Kate". Knight fotografierte Kate Moss für die italienische Vogue - und ließ dabei eine Videokamera laufen. Dann lud er Filmbegeisterte dazu ein, die Aufnahmen zu Fashion-Filmen zu verarbeiten. Der erste Clip von Cutter Jamie Harley ist bereits zu sehen, weitere sollen in den nächsten Wochen folgen.

Regisseure wie Cristian Straub macht diese Entwicklung nicht unbedingt glücklich. "Alle Fotografen haben mittlerweile Digitalkameras, die auch filmen können", sagt der 33-Jährige. "Das ist eine große Konkurrenz." Knight sei natürlich eine Ausnahme, aber generell meine nun jeder, er könne plötzlich kurze Filme drehen. "Vieles wird als Kunst verkauft, was am Ende eher ein sexy Clip ist," so Straub. "Sich räkelnde Frauen, die gelegentlich ihre nackten Brüste zeigen, machen keinen Fashion-Film aus."

Zur Not geht's in den Wald

Bisher gibt es nur wenige, die mit den Modefilmen Geld verdienen können. Im Gegensatz zu den USA, Großbritannien und Frankreich ist in Deutschland das Geschäft erst im Entstehen. Für experimentelle Videos fehlt oft das Budget. Gefilmt wird trotzdem. "Wer kein Geld hat, geht zum Drehen in den Wald," sagt Straub.

Auch der junge Regisseur, der kommende Woche auf der Berliner Fashion Week seinen Film für die deutsche Designerin Esther Perbandt vorstellen wird, muss um die Finanzierung seiner Projekte kämpfen. Straub hat in Hamburg Film studiert, wollte immer Autorenfilme drehen. Seine Entscheidung nicht mehr in deutschen Fernsehsendern für einen Debüt-Film betteln zu gehen, sondern für das Internet zu produzieren, bereut er aber nicht. "Fashion-Film ist das spannendste Genre, das es derzeit gibt," sagt Straub.

Gerade hat er die Filmreihe "Dervishes In Space" veröffentlicht. Neben seiner Produktionsfirma führt er außerdem einen Fashion-Film Blog. "Du kannst alles auf einmal sein", verkündet Straub. "Kommerzieller Produzent aber auch Filmemacher und Künstler." Von aufwendigen Produktionen großer Häuser wie Chanel und Prada kann Straub derzeit nur träumen.

Doch die Clips der unabhängigen Filmemacher laufen im Netz manchmal ebenso gut - Hauptsache, sie sind ausgefallen.



insgesamt 4 Beiträge
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mr.yellow-blue 04.07.2011
1. titellos
Ist nur folgerichtig bei zunehmender Sinnentleerung des Lebens. Am Ende steht die Hülle. Naja, schön anzusehen ist es schon. Mal sehen, wann die Dialektiker angetrappst kommen und der Faschismusvorwurf fällt.
Gani, 04.07.2011
2. Erklärbär hat gesprochen
Prima, das du uns normalos endlich erklärt hast das alles neue nur unausgegorener Mist ist. Wenn wir dich und deine Deutungshoheit nicht hätten...
.Wajakla. 04.07.2011
3. Geschmack
Welch ein Glück, dass wir nicht in ihrer Idealgesellschaft leben, wo Geschmack offenbar vorgeschrieben sein soll. Dem obersten Poster sei das gleiche gesagt ... "sinnentleertes Leben" ist halt ihr Eindruck von dem Ganzen, aber zukünftig unterlassen Sie es bitte, derart dreist die lediglich andere Lebensweise anderer Menschen zu kritisieren.
santos_ 04.07.2011
4. .
Zitat von sysopBechernde Kids, schnelle Schnitte,*heiße Stoffe: Eine neue Kunstform revolutioniert die Modebranche. Fashion-Filme sind weit mehr als Werbung, längst hat sich ein eigenes Genre entwickelt. Der Trend zum kreativen Filmen*wird*auch auf der Berlin Fashion Week zu sehen sein. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,768642,00.html
Schön anzuschauen aber im Prinzip doch nichts weiter als ein Musikvideo nur das hier anscheinend nicht der Künstler im Vordergrund steht.
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