Neues Kulturmagazin Ein Freund, ein guter Freund

Mit dem Start des Magazins "Der Freund" der beiden Popliteratur-Stars Christian Kracht und Eckhart Nickel wagt sich der Axel Springer Verlag auf das problematische Feld der Kulturzeitschrift. Profit spielt dabei keine Rolle. Dem ungewöhnlichen Ansatz der beiden Autoren kann das nur gut tun.

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"Freund"-Herausgeber Christian Kracht: Kultur zwischen Katmandu und St. Tropez
DDP

"Freund"-Herausgeber Christian Kracht: Kultur zwischen Katmandu und St. Tropez

Berlin - Der Journalistenclub im 19. Stock des Berliner Axel-Springer-Gebäudes hat so ziemlich alles, was ein weltgewandter Dandy braucht. Holzgetäfelt sind die Wände, selten berührte Bücher verstauben langsam in den Regalen über dem dezent flackernden Kamin. Der Blick durch die Panorama-Fenster geht weit in alle Richtungen der Hauptstadt. Auf dem Boden dämpft feinste Auslegeware auch jeden noch so schweren Schritt, und die gemütlichen Ledersessel laden zum Genuss kubanischer Zigarren und edler Cognacs ein, diskret gereicht von freundlichen Hostessen.

Ein Blatt von Welt

Ein besserer Ort hätte sich schwer finden lassen, um am vergangenen Mittwoch einem ausgewählten Kreis von Schriftstellern, Journalisten und anderen Kulturträgern ein Projekt vorzustellen, das gar nicht so recht ins Portfolio des Axel Springer Verlags passen will. Viermal im Jahr wird der Großverlag ein Literaturmagazin namens "Der Freund" veröffentlichen. Als Herausgeber fungiert Christan Kracht, bekannter Weltenbummler und Pop-Literat ("Faserland"), als Chefredakteur der ebenfalls popliterarisch bewährte Eckhart Nickel.

Das Konzept des Blatts ist so exklusiv wie der Stil seiner beiden Macher: Wahlweise für zehn Euro, 13 US-Dollar oder 1400 Yen entsteht das Literaturblatt nicht in den Neonlicht durchfluteten Hallen des Berliner Verlagshauses oder in einer Altbauwohnung in Berlin-Mitte. Kracht und Nickel produzieren ihr Heft in einem Hotel in Katmandu/Nepal, in dem sie sich nach eigener Aussage "manchmal" selbst aufhalten. Und anstatt sich wie sonst üblich mit Anzeigen für Luxusmarken das Heftbudget aufzubessern, will das Gespann Kracht/Nickel ganz ohne Werbung und auch ohne ein einziges Foto auskommen.

 Christian Kracht und "Freund"-Chefredakteur Eckhart Nickel (l.): Über Geld spricht man nicht
DDP

Christian Kracht und "Freund"-Chefredakteur Eckhart Nickel (l.): Über Geld spricht man nicht

So war es wohl nur logisch, dass bei der Presseparty kaum über Geld geredet wurde. 70.000 Hefte sollen als Erstauflage gedruckt worden sein, raunt man in der Medienszene. Der Verlag schweigt dazu. Schnöder Mammon spiele bei dem Projekt kaum eine Rolle, will ein anderer Verlagsmitarbeiter wissen, schließlich stehe der Vorstandvorsitzende Mathias Döpfner fest hinter dem Team.

Allein das Image des Literatenblatts zähle für den Springer-Verlag, der die jungen Autoren an sich binden wolle. Einzig der neue Chefredakteur der "Welt" konnte in seiner Einleitungsrede eine gewisse Verwunderung nicht verbergen. "Ich dachte immer, meine Zeitung sei das einzige Non-Profit-Projekt bei Springer", witzelte der gerade aus der Schweiz in der Berliner Chefetage angekommene Roger Köppel. "Doch nun haben wir ein zweites."

Redigieren in St. Tropez

Und so wird man in den kommenden zwei Jahren immer wieder lange Texte durch die Welt schicken. Irgendwo zwischen der Hamburger Elbchaussee, den Nobel-Cafés in St. Tropez und illustren Hotel-Bars in Katmandu werden Kracht und Nickel die Beiträge ihrer internationalen Autoren redigieren. Einzig den Druckort konnte das Team nicht selber bestimmen. Statt das Heft passend zum kapriziösen Ansatz irgendwo in der Südsee oder in Afghanistan auf Papier bannen zu lassen, wählten die Verlagsmanager eine kleine Provinzdruckerei in Westfalen.

Star-Interviewer und "Freund"-Autor Moritz von Uslar: Journalismus unter Freunden
DPA

Star-Interviewer und "Freund"-Autor Moritz von Uslar: Journalismus unter Freunden

Dort, im westdeutschen Industriegebiet von Selm, ist die kosmopolitische Lebenswirklichkeit von Kracht und Co. zwar noch nicht angekommen, doch "die Provinzler hatten einfach das günstigste Angebot", so einer der Springer-Manager. Danach klagt der Nadelstreifen-Wirtschaftler über seine letzte Reise zur Redaktion nach Nepal und die Schwierigkeit, die beiden "Freund"-Macher zu erreichen. Die Herren sind eben viel unterwegs.

Wie der stets verschüchtert wirkende Christian Kracht, dessen Vater als Generalbevollmächtigter von Axel Springer lange die Geschicke des Verlags lenkte, diesen Traum-Deal für jeden Literaten ergattert hat, blieb auch an diesem Abend ein Rätsel. Er selbst hielt sich wie immer bedeckt. Während die Gäste auf erhellende Kommentare zur kulturellen Position der neuen Zeitschrift warteten, berichtete Kracht nur kurz von seiner letzten Reise zu einem Filmfest in Nordkorea. Weitere Fragen wurden lässig übergangen, das Heft erkläre sich schlicht selbst.

Die üblichen Verdächtigen

Von Kracht ganz ohne erklärende Bonmots zurückgelassen, blieb den Anwesenden nichts anderes übrig, als in die Sessel zurückzusinken, ein wenig Hirschrücken zu kosten und das Heft einfach selbst zu lesen. Allein die Liste der Autoren imponiert: Beiträge vom niederländischen Star-Architekten Rem Koolhaas, von Gayatra Devi, der letzten Maharani von Jaipur oder vom russischen Konzeptualisten Wladimir Sorokin liest man in deutschen Magazinen selten - vor allem nicht in solch opulenter Länge. Hinzu kommen jene Autoren, die dem Projekt wohl seinen Namen gaben, die üblichen Verdächtigen aus dem Freundeskreis von Kracht und Nickel: der mittlerweile in die Schweiz verzogene Benjamin von Stuckrad-Barre, der "SZ"-Autor Moritz von Uslar, der Feuilletonist Niklas Maak.

Popliterat Benjamin von Stuckrad-Barre: Schöner schreiben ohne Fotos
DPA

Popliterat Benjamin von Stuckrad-Barre: Schöner schreiben ohne Fotos

Neben der Autorenauswahl zeugt auch das Design des Hefts von Selbstbewusstsein. Reduktion aufs Maximum heißt das Stilprinzip; Art-Direktorin Tina Obladen hat die Gestaltung auf Lexikonniveau entschlackt. Die Seiten sind meist in drei Spalten aufgeteilt, die Typografie ist simpel, und nur ab und an hat sich eine kleine Zeichnung von Nickel in einen der langen Texte eingeschlichen. Was in US-Magazinen wie dem "New Yorker" oder in Fachzeitschriften wie "Foreign Policy" Schule gemacht hat, steht dem "Freund" ebenfalls sehr gut.

Jetzt, da in vielen Verlagskassen Ebbe herrscht, setzt sich "Der Freund" bewusst vom Mainstream der verkaufsorientierten Produkte ab. Und auch wenn so mancher Neider am Ende des Abends im Journalistenclub und nach diversen Rotweinen zum so typisch deutschen Nörgeln ansetzte, verdienen Blattmacher und Verlag für ihren Mut Respekt. Die nächsten Monate werden zeigen, ob das Konzept "Kumpels schreiben für Kumpels" aufgehen wird. Der Versuch ist es auf jeden Fall wert - vielleicht auch nur, um neue Freunde zu gewinnen.



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