Neues Lifestyle-Blatt "Liebling", wir kommen groß raus

Von wegen Größe zählt nicht: Die wieder aufgelegte Lifestyle-Zeitung "Liebling" ist einen halben Meter hoch, 180 Seiten dick und randvoll mit dem Glauben an die Macht der Schönheit. Macht das Leser glücklich?

Von Daniel Haas


"Wenn man das Magazin in der Hand hat, will man es nicht mehr weglegen", erklärte Herausgeber Markus Peichl in einem Interview. Kann man auch gar nicht: Der Coffeetable, auf dem diese Zeitschrift Platz hat, muss erst noch erfunden werden. Einen halben Meter hoch und dick wie eine Wochenendausgabe der "FAZ" ist "Liebling" das großspurigste Print-Projekt seit langem.



Das Magazin gab es schon einmal, nach ein paar Ausgaben wurde es auf Eis gelegt. Jetzt kehrt "Liebling" unter der Regie von "Tempo"-Erfinder Peichl als Kulturblatt zurück. Heute erscheint die neu gestaltete Zeitung bei ausgesuchten Zeitschriftenhändlern, von März 2008 an will man jeden Monat an den Start.

Die Unhandlichkeit gehört zum Stilprinzip: "Liebling" ist kein Gebrauchsblatt für die schnelle U-Bahn-Lektüre, den Job sollen die Kollegen von "Vanity Fair" und "Park Avenue" machen. Es ist opulent illustrierte Zeitgeistprosa, ein Lifestyle-Roman. In Peichls Worten: die Verbindung von "Visualität und Erzählung".

Kultiviert und arriviert

Und was wird so erzählt auf 180 Seiten, von denen aus Finanzierungsgründen ein opulenter Teil auf luxuriöse Werbekunden entfällt? Ein schönes, anspruchsvolles Märchen. Es glaubt an die Zauberkraft der Kultur, ihr sinnstiftendes Potential, und ans Design als Verkörperung nicht nur des Schönen, sondern auch des Guten. "In Zeiten der Veränderung geben Kunst, Kultur und Mode uns Zuversicht", heißt es im Editorial - wenn das kein bürgerlich-wertkonservatives Credo ist.

Das Programm wird eingelöst: Ob der Designer Herbert Winkler für die Frakturschrift schwärmt oder Chefredakteur Götz Offergeld das Modehaus Martin Margiela für seine Klassizität rühmt, ob Autorin Eva Munz eine Hommage an die aussterbende Art der First Lady schreibt, Eckhart Nickel ein feinsinniges Capriccio über die Seife verfasst oder DJ Westbam seine Club-Erlebnisse mit Bayreuth vergleicht - durch die edel gestalteten Seiten weht das Parfum ästhetischer Versöhnung. "Nicht rich lautet die Devise", so Peichl im Gespräch mit "w&v", "sondern rich at heart".

Hoffentlich hören das nicht die Werbekunden: Die wollen nämlich neuerdings auch mit Independent-Titeln wie "Qvest", "Deutsch" und eben auch "Liebling" die sogenannten luxusaffinen Konsumenten ansprechen. Zwischen 25 und 40 sind diese Leser und Leserinnen, sie gehen zum Billigmodehaus H&M (für das in "Liebling" gleich zwei Doppelseiten reserviert sind), kaufen aber auch bei Joops Trendlabel Wunderkind (ebenfalls zwei Werbeseiten).

Braucht keiner. Zum Glück

Sie interessieren sich für den Regisseur Wayne Wang und finden den Popstar Jarvis Cocker cool (beide werden aufwendig in "Liebling" vorgestellt). Und sie gehen auch mal ins Theater, allerdings mehr unter dem People-Aspekt. Die drei Fotoseiten von Berliner Schauspielern sind deshalb eine so konsequente wie originelle Sache.

Vor allem aber surfen sie im Internet, weshalb es ganz am Ende eine verschämte Web-Seite mit skurrilen Surftips gibt. "Lieb-Link" heißt die Rubrik, und sie macht das Dilemma - und die Chance - von Titeln wie "Liebling" deutlich: Das Netz hat einen Paradigmenwechsel in der Informationskultur eingeläutet, und spätestens wenn das iPhone und ähnliche High-End-Geräte flächendeckend zum Einsatz kommen, wird auch hierzulande der Umgang mit journalistischen Medien noch einmal kräftig umgekrempelt werden.

Die Web-Referenz ist überflüssig, sie widerspricht der selbst ausgegebenen Doktrin, illustrierte Literatur zu sein. "Liebling" ist unpraktisch und überflüssig, wobei hier Überfluss gemeint ist: an Platz, Text, Bildern, Gestaltung. Eine Leinwand, auf der Journalisten ihre Idee von Kulturkritik ausmalen. Unhandlich und deshalb griffig in der Idee: eine Zeitung, die keiner braucht.

Nach all den beinahe-journalistischen Magazinen ist es genau das, was wir brauchen.



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