Neues Magazin "Monopol" Mehr Leben!

Passend zum Frühling kommt Bewegung in den deutschen Blätterwald: Mit "Monopol" bringen die Eheleute Amélie von Heydebreck und Florian Illies ein lustvoll-edles Magazin für den kulturinteressierten Großstädter heraus, dem das Feuilleton zu grau ist. Sehr lobenswert, wenngleich noch ein bisschen blutleer.


Neues Magazin "Monopol": Generation Golf goes Hartz III

Neues Magazin "Monopol": Generation Golf goes Hartz III

Die Zeiten sind grau und trist, sollte man meinen. Sie riechen, trotz Frühlingsbeginn, so gar nicht nach Aufbruch. Wirtschaftskrise, Rentenkürzung und Terrorgefahr bestimmen die Agenda 2004, und nie sah der Bundeskanzler älter aus als heute. Doch plötzlich sprießen sie aus dem festgetretenen Boden wie Krokus und Osterglöckchen - neue, edel aufgemachte Zeitschriften. Sie heißen "Dummy", "Voss", "Zoo" und "Deutsch" oder auch schlicht "Cicero".

Heute nun erscheint "Monopol" mit einer Startauflage von 60.000 Exemplaren zum ersten Mal, ein "Magazin für Kunst und Leben", das ab sofort alle zwei Monate für sieben Euro an den Kiosken verkauft soll.

Als Herausgeber firmiert ein junges Ehepaar: Amélie von Heydebreck und Florian Illies. Nebst einer Chefin vom Dienst und einem Verlagsleiter, der zugleich Anzeigenchef ist, bilden sie schon das komplette fest angestellte Personal dieser publizistischen Neugründung, die einer Ich-AG im Kleinkollektiv nicht unähnlich ist. Generation Golf goes Hartz III.

Keine Angst vor geistiger Überforderung

Bestsellerautor Illies, notorischer Porträtist seiner Nutella-geprägten Generation, Ex-"FAZ"-Redakteur und bis Ende 2002 Leiter der "Berliner Seiten" des Frankfurter Blatts, will jene Zielgruppe ansprechen, die sich etwa bei den fast täglichen Vernissagen in Berlin-Mitte einfindet: Kunstinteressierte und dem schönen Leben Zugewandte, aber auch Rechtsanwälte, PR-Leute und Zahnärzte, die das Feuilleton der "FAZ" eher meiden, weil es schon mal akute intellektuelle Minderwertigkeitsgefühle auslösen kann.

Und wirklich: "Monopol" macht keine Angst vor geistiger Überforderung und anderen unangenehmen Lektüre-Nebenwirkungen. Die 130 Seiten liegen gut in der Hand, und anders als bei "Cicero", dem in der vergangenen Woche gestarteten "Magazin für politische Kultur", fehlt jener pompöse Anspruch, endlich mal wieder richtig und allumfassend die Welt zu erklären. Ein "Monopol" auf die Wahrheit gebe es nicht, behaupten die Herausgeber absolut wahrheitsgemäß in ihrem gut 13-zeiligen Editorial. Da sei jeder sein eigener Monopolist.

Vielmehr wolle man die "Schnittstellen zwischen Kunst und Leben" suchen. Suchen wir also. Und lesen: Ein Porträt des jungen polnischen Malers Zbigniew Rogalski, ein Interview mit Alt-68er-Luder Uschi Obermaier, eine Reportage über den im Oktober 2001 ermordeten kenianischen Künstler Tonio Trzebinski, eine kritische Bewertung des Generaldirektors der Berliner Museen, Peter-Klaus Schuster, einen leicht obskuren Bericht über merkwürdige Bräuche im Lande Vanuatu und eine Rezension der Tagebücher von Harry Graf Kessler.

Wir suchen und lesen, doch was finden wir?

Herausgeber Illies: Ich-AG im Kleinkollektiv
DDP

Herausgeber Illies: Ich-AG im Kleinkollektiv

Wir lesen Nick Hornbys Bücherempfehlungen und Wolfgang Joops Bekenntnis eines teuren Bilderkaufs, Christoph Schlingensiefs Testbericht von der Fahrt mit einem BMW X 3 in Dubai samt Eltern auf der Rückbank und einen langen Text über die Auto-Designschule in Pforzheim - jeweils unterbrochen von opulenten Bildern, Fotografien und Anzeigen, Kurzrezensionen und Glossen, Interviews und Auktionshinweisen, "Previews" und "Reviews". Wir suchen und lesen, doch was finden wir?

So angenehm der schwingende und alle Ressort-Einteilungen verschmähende Rhythmus des Heftes ist, der zum Blättern geradezu einlädt, so nachdrücklich stellt sich die Frage: Warum? Warum das lesen, warum auch das noch lesen?

Zwei Texte ragen heraus: Peter Richters feuilletonistischer Essay über die "Stoßstangen-Gotik" der Pforzheimer Automobil-Designer, der kunsthistorisches Bewusstsein mit Esprit und Anschauung verbindet: "Als Wiedergänger Leonardo da Vincis entwerfen sie hier wunderliche Apparate, die einerseits von einem entschiedenen Willen zur Schönheit befeuert sind und andererseits als Kriegsmaschinen für den harten Daseinskampf auf den Straßen dienen sollen."

Auch Florian Illies' Text über "Graf Cool", den Bohemien und Dandy, Diplomat und Kunstliebhaber Harry Graf Kessler, der mit Winston Churchill zur Schule ging, mit Hofmannsthal und Rodin befreundet war und 1937 im französischen Exil völlig verarmt aus dem Leben schied, macht Lust auf mehr. Doch leider atmen die meisten Artikel eher zu wenig Leben und Leidenschaft.

Manches verharrt im wohltemperierten Mittelmaß des Gutgemeinten

Viele wirken ein bisschen blutleer und aseptisch, gerade so, als habe man sich ganz besonders angestrengt, irgendwo eine Schnittstelle zwischen Kunst und Leben zu finden.

Der Verriss der "3. Berlin Biennale" etwa ist zwar sehr begrüßenswert (wenn auch ziemlich spät dran), verfällt aber streckenweise selbst in jenes ungelenke akademische Deutsch, das am Beispiel des schaurig theoretisierenden "Kommunikationsgebrabbels" der Biennale-Kuratorin doch so hart und gerecht kritisiert wird.

Und wirkliches Leben kommt auch nicht in die Luxusbude, wenn Uschi Obermaier noch mal aufzählen darf, mit wem sie damals im Bett war: Jimi Hendrix, Mick Jagger, Keith Richards...

Viele Texte staken noch zu vorsichtig, fast brav durch die zu erobernde Kunst- und Lebenslandschaft. Sie wollen das Interessante und Aufregende, verharren aber zu sehr im wohltemperierten Mittelmaß des Gutgemeinten. Das Besondere, womöglich Experimentelle wird hier eher prätendiert und mehr behauptet als entschlossen in die Tat umgesetzt.

Selbst der neunzigjährige Mäzen und Kunstliebhaber Heinz Berggruen, der in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" das neue Zeitschriften-Projekt ausgiebig lobte, bat um ein wenig mehr Mut zu Meinung. Und tatsächlich: Was bei "Cicero" zu viel Grundsatz und Zusammenhang, das ist hier zu wenig. Denn auch Kunstkritik im strengen Sinn ist bei "Monopol" durchaus Mangelware - ein Umstand, der auch nicht durch insiderhaftes Name-Dropping wettzumachen ist.

Insgesamt stellt sich am Ende der typische Arte-Effekt ein: eine tolle Sache, gut, wichtig und jeder Unterstützung wert. Aber einschalten, vulgo kaufen und lesen, das sollen gefälligst all die anderen Kulturbanausen. Welchen Rat hätte hier wohl Goethe parat gehabt? Keine Frage: "Mehr Leben!"



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