Neues Medienportal Vocer: Jetzt mal ganz langsam...

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Gibt es eine "Slow Media Bewegung"? Die Macher des Medienportals Vocer.org glauben an den Bedarf an weniger kurzatmiger Medienberichterstattung. Ein "journalistischer Think Tank" soll Vocer sein, Kritik, Analyse und Vision zusammenführen - gründlich und vertieft. Ein guter Ansatz?

Sinnfällige Vocer-Illustration von Rita Kohel: Medien, mal von Nahem betrachtet Zur Großansicht
Rita Kohel

Sinnfällige Vocer-Illustration von Rita Kohel: Medien, mal von Nahem betrachtet

Vox, vocis ist das lateinische Wort für "Stimme, Laut" und das Substantiv zum Verb vocare, das wiederum "rufen, nennen" bedeutet: Was Vocer sein will, erklärt sich also schon aus der Herleitung dieses Kunstwortes. Vocer ist wohl "der, der Stimme verleiht". Und zwar der Medienbranche und allen, die sich damit beschäftigen.

Deren Geschäft ist es ja eigentlich, ständig Laut zu geben, und auch das eigene Tun, die eigene Entwicklung öffentlich zu reflektieren. Das passiert teils in den Medien selbst, teils in Fachmedien. Und zunehmend in Blogs unterschiedlicher Qualität, die ein Spektrum von akademisch-analytisch über kurz, aktuell und bissig bis zu visionär, halluzinierend oder hetzend bedienen.

Eine Plattform, die all das zusammenführt, was davon gut ist, soll es bisher nicht gegeben haben, wenn man den Machern von Vocer.org glaubt, das am 31. Januar seinen Betatest beendet und offiziell den Betrieb aufgenommen hat. Das Projekt ist schon deshalb ungewöhnlich, weil es sich als erstes deutsches Angebot seiner Art in Vereins-Trägerschaft (Verein für Medien- und Journalismuskritik e.V.) ausschließlich aus Beiträgen und Spenden einerseits, aus Förderung durch Stiftungen und die Bundeszentrale für Politische Bildung andererseits finanziert. Das macht frei vom Druck der Refinanzierungsnöte, von der Abhängigkeit von Werbung.

Es klingt aber auch nicht frisch und frech, sondern nach einer anderen Art von Abhängigkeit. Mit der Bundeszentrale, der Pressehaus-Stiftung der NRZ (Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung), der FAZ-Stiftung FAZIT und der Rudolf Augstein Stiftung im Rücken ist Vocer quasi zur Qualität verpflichtet.

Jede Menge Pfunde...

Die Macher stört das wohl kaum. Sie sehen Vocer als Plattform einer entschleunigten, vertieften Mediendebatte, die Redaktionsleiterin Carolin Neumann - sie arbeitet als freie Autorin auch für SPIEGEL ONLINE - als Ausdruck der "Slow Media Bewegung" verstehen will. Soll heißen: Durchatmen statt hyperventilieren, erst nachdenken, dann Urteile fällen, vertiefte, gern auch lange Analysen statt zeittypischer News-Häppchen-Stakkatos. Kurzum: ein Un-Blog könnte Vocer werden, ein Un-Twitter - und das Gegenteil von dem, was man Medien gemeinhin vorwirft. Dagegen ist absolut nichts zu sagen, aber es hat natürlich auch Konsequenzen.

Die weitgehende Loslösung von der Tagesaktualität ist erfrischend, aber die offenbar mit Freude gepflegte Langform macht die Sache natürlich auch gravitätisch. So mancher prominente TV-Journalist beweist da sicher gern, dass er oder sie auch die lange, schriftliche Form beherrscht.

Im günstigsten Fall entsteht damit eine bisher so nicht vorhandene Sammlung zitierfähiger Quellen, aus denen man in der Journalisten-Ausbildung sicher gern schöpfen wird, und bei denen sich die zu oft atemlosen Praktiker vielleicht mitunter ein Feedback auf der Metaebene abholen.

Man läuft mit so einem Konzept allerdings auch Gefahr, zu oft beim Grundsätzlichen zu landen. Eine weitere Gefahr ist auch, dass man klasse Masse produziert: Wer sich beispielsweise auf eines der "Dossiers" genannten Themenbündel einlässt, hat einiges vor sich. So bringt es das Dossier "Der neue Journalismus" derzeit auf 13 Beiträge mit insgesamt 197.670 Zeichen - das entspricht schon jetzt einem Taschenbuch mit 110 Seiten.

Qualitativ bewegt sich das meiste auf erfreulich hohem Niveau. Kein Wunder, ein Großteil der Beiträge sind Zweitveröffentlichungen aus renommierten Medien ("Zeit", "Süddeutsche" etc.), Buchauszüge oder Kongressreden. Selbst das dürfte aber, wie die Quantität, eher Garant dafür sein, dass die lesende Zielgruppe, die sich davon erreichen lässt, eher klein ausfällt. Vocer wird der Mediendiskussion außerhalb der Szene so keine Stimme verleihen. Wer hinhören wird, ist klar: Medienmenschen und solche, die sich mit Medien befassen.

...aber der Mix stimmt noch nicht

Damit ist die Seite in Gefahr, eher Bildungsangebot oder Fach-Feuilleton als Debattenraum zu werden. Abzuwarten bleibt, ob es Vocer gelingt, über die Abbildung von Meinungen und Analysen hinaus wirklich auch eine Debatte zu befeuern.

Was Vocer dazu noch fehlt, ist eine Art Moderation: Kurze, eben doch aktuell aufgehängte Kommentare, Diskussionen oder Leitartikelchen, die Themen anreißen, Kontexte klarmachen und immer wieder hinein führen in diese schon zum offiziellen Start mit 72 gewichtigen Beiträgen satt gefüllte Schatztruhe.

Dass es die jetzt gibt, ist zweifellos eine Bereicherung. Vocer führt all die kompetenten Stimmen zur Entwicklung und Zukunft der Medien in diesem Land zusammen und schnürt daraus eine Art virtuelles Kompendium, ein "modernes Kursbuch", wie Gründungsherausgeber Stephan Weichert sagt. Das hat es bisher nicht gegeben.

Wenn dabei nur heraus kommt, dass der nächste Fachartikel zu diesen Themen nicht wieder Jeff Jarvis oder einen anderen der vielen amerikanischen "Medien-Gurus" zitiert, sondern hiesige Kompetenz, wäre schon sehr viel gewonnen. Dann hätte sich Vocer seinen Namen allerdings verdient.

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