Neues ProSieben-Casting Germany's next Ofenrohr

Die neue Heidi Klum heißt DJ Bobo. Seine Mission: in der ProSieben-Sendung "Germany's Next Showstars" die deutsche Antwort auf Paul Potts oder Susan Boyle finden. Perfektes Fernsehen für alle, die beim Zuschauen gern wegschauen.

Von Peer Schader


Reinhard und Leela sind in ihren Fünfzigern, sie tragen gern farbenfrohe Kleidung und haben sich bei einem Tantra-Seminar in der Toskana kennengelernt. Da hat es ganz schön geknistert zwischen den beiden, aber Reinhard war mit seiner Beziehung da - also ist dann nicht mehr gelaufen. Jetzt tanzen die beiden eben zusammen. Verkleidet als riesige graue Würmer, die auf der Bühne eine Art Paarungsritual aufführen und dabei aussehen wie zwei betrunkene Ofenrohre.

"Das ist eine optisch-visuelle Geschichte", sagt Reinhard. Kunst eben. So was versteht natürlich nicht jeder.

Obwohl: Mit optisch-visuellen Geschichten kennt sich ProSieben ja aus. Bis vor kurzem suchte der Sender am Donnerstagabend Deutschlands bestaussehende Bohnenstange. Da ist es bis zum Wurm ja nicht mehr weit. Oder wie's der Sender jetzt in Anlehnung an den Klumschen Quotenhit formuliert: "Germany's Next Showstars".

Es ist ein bisschen in Mode gekommen, vor alles, was sich aus eigener Kraft bewegen, tanzen oder wenigstens ordentlich blamieren kann, eine sogenannte Jury zu setzen, die nachher die Entscheidung treffen muss, welches die beste lokale Tanzsportgruppe, der netteste Sportverein oder der tollste Straßenmusiker ist, der die Kappe alleine nicht vollkriegt. Der Sieger muss anschließend eine Weihnachts-CD aufnehmen und wird entweder durch sämtliche deutschen Fernsehshows gereicht (wie Paul Potts) oder verschwindet für immer im ZDF-"Fernsehgarten" (wie der Gewinner der ersten Staffel vom RTL-"Supertalent", diesem, äh - Dings).

Schuld sind mal wieder die Briten, bei denen kürzlich die neueste Staffel der Show für Allzweckbegabte, "Britain's Got Talent", zu Ende gegangen ist. Rechtzeitig übrigens, um die vollständige Aufmerksamkeit des Publikums auf die mindestens ebenso absurde und gleichwertig unterhaltsame Spesenaffäre des Parlaments umzulenken. Klar, dass die deutschen Sender so was auch gerne hätten. Also: eine ähnlich erfolgreiche Show - nicht unbedingt den Spesenskandal. Hauptsache, es kommt ein Star wie Susan Boyle dabei heraus, der dann nicht mal gewinnen muss.

Damit das klappt, hat RTL fürs "Supertalent" einfach noch mal Dieter Bohlen verpflichtet, und ProSieben versucht's mit dem Dieter seine Erzrivalin, "der bekanntesten und wohl beliebtesten Werbe-Ikone Deutschlands" Verona Pooth (Herr Kaiser von der Hamburg-Mannheimer nicht eingerechnet), Ex-"TV total"-Praktikant Elton und - DJ Bobo.

Ja, lachen Sie nur. Der Bobo ist kein Bohlen, außer vielleicht, was seinen Erfolg mit Musik angeht, die so trashig ist, dass es schon wieder cool ist, sich als Fan zu bekennen. Sonst aber ist "der Bobo" ein netter Kerl, der Humor hat und auch mal über sich selbst lachen kann. Wozu es in seiner ersten Fernsehshow leider nicht allzu viel Gelegenheiten gibt. Mit großer Ernsthaftigkeit hat sich DJ Bobo vorgenommen, der fairste Juror Deutschlands zu werden. Weich, aber gerecht. Sein Aufruf an die Bewerber von "Germany's Next Showstars" lautet: "Lasst uns gemeinsam Geschichte schreiben!"

Es ist nicht ganz klar, welche Geschichte er damit meint, aber die Wahrscheinlichkeit, dass die nächste Europatour von DJ Bobo in der Erinnerung der Deutschen irgendwann mal zwischen der Wirtschaftskrise und der Wahl zum 17. Deutschen Bundestag stehen wird, ist doch eher unwahrscheinlich.

Genau darum geht es aber für die Sieger: Sie dürfen mit "ihrem Idol" DJ Bobo auf die Bühne. "Mit ihm zu arbeiten, von ihm geformt zu werden, die Einflüsse von ihm zu erfahren", das sei ein großer Traum, äußerte sich einer der Kandidaten vor Beginn der ersten Castings. Der Mann scheint echte Fans zu haben.

Über zwei Stunden räumte ProSieben am Donnerstag für den Auftakt von "Germany's Next Showstars" frei, für Schlangentänzer, Feuerschlucker, Fahnenschwenker, Halbnackttänzer und ganz süße Kinder, die zusammen "I'm So Excited" sangen und damit ziemlich genau die Stimmung der Jury getroffen haben müssen. "Das habt ihr sehr schön gemacht!", lobte DJ Bobo den ganzen Abend. "Die Leistung war ultraprofessionell." Und: "Da geht doch die Sonne auf." Seine Jurykollegin Pooth zog nach: "Super!", "Mir hat's gut gefallen", "Ich brauch nicht weiter nachzudenken."

Ja, manchmal reicht es eben, einfach zu reden, um sich das Denken zu sparen.

"Germany's Next Showstars" war also perfektes Fernsehen - für alle, die beim Zuschauen endlich mal aufschreiben wollten, was schon seit Tagen erledigt sein sollte: das Paket von der Post abholen, die Versicherung anrufen, den Fernseher abstauben. Aus dem Augenwinkel ließ sich nebenbei prima überprüfen, dass man beim Auftritt der singenden Zwillinge, der Karatetruppe oder der hawaiianischen Frauentanzgruppe nichts verpasste. Es ist nicht so, dass das alles schlecht wäre. Nur eben auch sehr egal. Deshalb lässt sich "Germany's Next Showstars" vom Publikum auch leicht als das entlarven, was es für den Sender ist: eine Überbrückungsmöglichkeit bis zum Beginn der nächsten "Popstars"-Staffel, die ihrerseits wiederum eine Überbrückungsmöglichkeit bis zur nächsten "Topmodel"-Staffel ist.

"Wir sind immer für Überraschungen zu haben", versprach Verona Pooth am Donnerstag einer Kandidatin, die nach ihrem ersten Auftritt weggeschickt wurde, aber fand, sie habe noch eine zweite Chance verdient. "Ich bin's nicht", konterte Bobo leicht genervt.

Na, dann viel Spaß in den kommenden Wochen. Aber ohne uns.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
DeeKay 05.06.2009
1. Fernsehen...
Beim Lesen dieses Artikels wurde mir wieder einmal klar, warum ich seit 4 Jahren keinen Fernseher mehr habe! ;-) Danke, Spiegel!...
frubi 05.06.2009
2. Nicht noch eine....
Können diese Sendeformate nicht einfach dazu verpflichtet werden, dass Sie aufhören zu suchen wenn Sie jemanden gefunden haben? Also komplett aufhören. Früher gab es zwischen diesen Castings ja immer eine Pause bis zur nächsten Staffel aber diese Pausen werden jetzt mit Castingshows gefüllt. AHHHHHHH. Und eine schöne Doku über das Tianamen-Massaker läuft bei der ARD um 23:30. Bei NTV und N24 wiederholen sich die Dokus alle 2 Monate. Man muss nach Qualitätsfernsehn mitlerweile mit der Lupe suchen während einem die Scheisse um die Ohren fliegt. Die letzte TV-Überraschung war für mich Eisfußball mit Raab. Nur leider wird man bei Raab-Events auf Pro7 immer mit Werbung im Überfluss gefoltert.
aeolos75 05.06.2009
3. D.J.Bobo
Das D.J.Bobo sich für sowas hergibt echt schade, von Verona ist mans ja gewohnt da wundert einen nichts mehr. Naja ich schaue weiterhin weg. :D
Raymon 05.06.2009
4. und....
OHNE mich! Danke, der Artikel spricht wiedereinmal direkt aus der Seele der Opfer des Privatfernsehens...
buerger2008 05.06.2009
5. was für Perspektiven
Die Pooth geht mir auf den Sack! Die Stimme, deren Auftreten und deren dekadentes Promi-Leben mit ihrem schönen Pleite-Franco (schon schlimm genug, dass er zig Personen "abgezockt" hat und sich nun ein schönes Leben macht) Die "Tussi" ist so was von künstlich, da könnte man doch auch eine künstliche Palme ins Studio stellen. Die hat Null Humor, Null Ausstrahlung und macht doch nur das, was ihr Kohle bringt. Der Elton sollte mal aus seiner Pubertät raus. Wer ständig nur den dummen August spielt, wird über kurz oder lang auch so wahrgenommen und entsprechend behandelt werden. Er hat mehr Potential als nur "Schwanzvergleich und Komasaufen". Schade, so verliert er mit der Zeit seine Sympathiepunkte, die er sich it seiner "trotteligen" Art erspielt hat. Er wird langweilig! Enttäuscht bin ich vor allem vom Bobo. Über die Musik mag man streiten, ist schliesslcih Geschmackssache. Aber er kann Massen unterhalten. Und - was ich noch wichtiger finde - er ist ein richtiger sympatischer Mensch geblieben. Schade, dass er sich nun für Pro7 zum Vorzeigeaffen macht. Bin vielleicht der einzige der so denkt, aber seine Glaubwürdigkeit ist m.E. dahin. Er hat es doch gar nicht nötig, auf diese Weise seine Bekanntheit zu erhöhen. Er sollte lieber weiter seine sozialen Projekte durchführen - still und leise, aber wirkungsvoll. Dann kann man auch weiter zu ihm hochschauen. Alles in allem eine traurige Entwicklung, die derzeit im Fernsehen abläuft. Hirnlose Unterhaltung möchte ich das nennen. Farblos, auf Fehler der Deppen basierend, möchten sich einige in Szene setzen und abkassieren. Alle jene, die z.B. die Nehmer-Moral der Manager lauthals beschreien, sollten sich mal Gedanken machen, was in ihrer Umwelt noch so passiert. Aber sollen all die Deppen zu solchen Castings laufen, so trennt sich die Spreu vom Weizen. Aber dann nicht über die Klassengesellschaft jammern!
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