Neustart gescheitert Was Idioten aus der Welt gemacht haben

Die sogenannten Abgehängten haben gegen die Eliten gewählt - und es hat sich nichts geändert. Außer, dass wir jetzt lernen müssen, mit dem ganzen Hass und Ekel umzugehen, der plötzlich in der Welt ist.

Gemeinsam auf dem sinkenden Schiff
DPA

Gemeinsam auf dem sinkenden Schiff

Eine Kolumne von


"Übernimm die Kontrolle" heißt es gerade in einer Werbung und meint damit: Frauen, übernehmt die Kontrolle über die Haarstoppeln an euren Beinen - mit diesem großartigen Scheißgerät. Übernehmt die Kontrolle über euren Körper, formt das Ding, es ist der einzige Einfluss, der euch noch zusteht als verdammtes Individuum. Ansonsten seid ruhig, wir wissen alles, wir überwachen euch, wir kontrollieren euch, haltet die Klappe, hasst euch ein wenig, während wir weiter die Welt ruinieren.

Wer ist WIR? Egal. Gestern Monsanto, Nestlé, heute Amazon, Hauptsache Profit, und ihr da unten, wart ihr abgelenkt? Haben wir gut gemacht. Hut ab. Irgendwann in naher Zukunft wird sich Europa neu sortiert haben. Der Brexit ist durch, eine Hälfte der Bevölkerung in Großbritannien ist zufrieden. Die sogenannten Abgehängten, die Arbeitslosen, die mit dem Einkommen, das für nichts reicht außer einer Unterkunft in einem Sozialblock, die Kranken, die Schwachen - die haben es denen da oben mal richtig gezeigt. Und da sitzen sie nun.

In Frankreich, Italien, überall sitzen sie, unter rechten oder linken Regierungen, unter Nationalisten, Faschisten. Da haben sie die letzten Jahre damit verbracht, einander zu hassen, Revolution zu brüllen, Scheiß Eliten zu brüllen oder: wir wollen Demokratie.

Die Revolution hat nirgends stattgefunden

Aber - alles ist geblieben, wie es war. Die Erde auf Schleuderkurs. Überwacht werden sie alle, gefickt werden sie alle, egal unter welcher Regierung, egal, unter welcher Form der Demokratie oder Autokratie, unter welchem irren Nationalisten, der vor dem Abgang noch ein wenig Mist anrichten will.

Der große Neustart hat nirgends stattgefunden. Kein "Wir überdenken das System unserer Regierungsvertreter, der Steuern". Kein "Wir dezentralisieren die Macht, machen sie transparenter, verstaatlichen Banken", nichts. Alles geht weiter, mit dem kleinen Unterschied, dass die Bevölkerung sich zu misstrauen gelernt hat. So viel Hass und Ekel, soviel Abscheu ist da sichtbar geworden in den letzten Jahren, wie kann man damit nebeneinander weiterleben?

Wie kann man es ertragen, zu wissen, dass die Hälfte der Leute, die man aus dem Dorf kannte, mit denen man vielleicht sogar verwandt ist, Homosexuelle hasst, Frauen verachtet, alle Nicht-Bio-Eingeborene ablehnt. Wie kann man damit umgehen, dass die anderen einen verachten für den Gutmenschenscheiß, wie sie es nennen, mit dem naiven Traum von Gleichheit-Freiheit-Brüderlichkeit.

Wie können wir uns nur wieder vertragen?

Was macht man, wenn man weiß, dass die Hälfte der Leute, mit denen man auf den Tod wartet, absolute Arschlöcher sind. Wie kann man all die Verletzungen, das Geschrei, die Brutalität und Blödheit vergessen, die immer von den anderen ausging, die immer falsch lagen. Jaja, wir haben eine tolle Bildung heute und supi Medizin, die Lebenserwartung ist weltweit gestiegen. Trotzdem werden wir ratlos Zeuge beim Verschwinden der Natur und der Tiere, der Idee von Aufschwung und Fortschritt. Das System Gier hat gewonnen.

Und jetzt sitzen wir an einem Therapietisch und müssen sehen, wie wir bis zu unserem Lebensende wieder Frieden schließen, wie wir das Geschrei vergessen, die Beleidigungen, den Sabber, die Brutalität, die von oben nach unten weitergereicht wurde.

Wie können wir uns wieder vertragen mit den Brexit-Wählern, den Reichsbürgern, Identitären, Chemtrailspezialisten, den Orbán-Wählern, den Putin-Buddys, den Erdogan-Fans, und die sich mit uns, den anderen, der anderen Hälfte, die auch nicht recht hat - und wenn, ist es egal. Wie können wir uns wieder vertragen, um eventuell gemeinsam aufzuräumen, was Vollidioten aus der Welt gemacht haben, die nicht wir sind, die wir unseren Müll getrennt und das Licht ausgeschaltet haben? Wir sitzen an einem Therapietisch und wissen nicht weiter.

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle


insgesamt 379 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
opinio... 06.05.2017
1. Beschreibung
Könnte passen, aber wie machen wir die Welt besser? Weniger Menschen, weniger Macht für Menschen, mehr Vernunft? Aber woher die nehmen(
syracusa 06.05.2017
2. einzige Lösung: Gemeinsinn und Allmende
Liebe Frau Berg, ich stimme Ihnen in allen Punkten zu. Aber ich vermisse ein wenig konkrete Vorschläge dafür, wie wir die Gesellschaft wieder zusammen bringen können. Ich habe da aber einige Ideen. Früher hatten wir Religionen und religiöse Rituale, die die Gesellschaften zusammen gehalten haben. Die Menschen sind heute aber viel mobiler, und die Gesellschaften werden heterogener. Religion dient heute nicht mehr dem Zusammenhalt, sondern ist eine weitere Ursache der Spaltung. Wir müssen uns also neue Instrumente überlegen, die über soziale Grenzen hinaus Zusammenhalt schaffen können. Dazu kann grundsätzlich jede Form der Allmende dienen, also von gemeinschaftlich betriebenen und gemeinschaltlich genutzten Gütern. Entgegen der Propaganda der Marktliberalen dienen diese Allmendegüter der Mehrung der Freiheit und nicht deren Minderung, weil sie die Bürger von existentiellen Ängsten befreien und damit deren Handlungsspielräume erweitern. Das sind bei uns schon seit jeher die Bildung und die Verkehrsinfrastruktur, auch wenn diese in den letzten Jahrzehnten durch marktradikale Ideologen mehr und mehr der Allmende entzogen und privatisiert werden. In Deutschland haben sich die Gründen und Teile der SPD die steuerfinanzierte Bürgerversicherung zum Ziel gesetzt. Eine vom Einkommen unabhängige und für alle garantierte Gesundheits- und Alterssicherung würde die individuelle Freiheit und den allgemeinen Wohlstand stark mehren und den Bürgern die wichtigsten existentiellen Ängste nehmen. Das bedingungslose Grundeinkommen wäre auch so eine freiheitsschaffende Allmende, aber die halte ich nur für eine ferne Utopie, die schon gar nicht auf nationaler Ebene eingeführt werden kann. Gehen wir also langsam voran: Bürgerversicherung, Rekommunalisierung der Stromversorgung, kommunale Cafés, und neue Rituale. Das schafft Gemeinsinn.
diavolinetto 06.05.2017
3. Wer ist denn der Idiot?
Was will uns der Künstler denn sagen? Dass er/sie auch keinen Durchblick hat? Das ist angekommen, hilft aber auch nicht weiter. Dass eine Unterschicht aus verschiedenen Gründen irrational handelt, ist eine erwartbare Größe. Aber wer macht wen zur Unterschicht? Und nimmt die Reaktion billigend in Kauf? Und wer zwingt uns denn dazu, die vermeintlichen 50% der vermeintlichen Gegenseite gleich als Idioten und "Arschlöcher" zu betrachten? Sind das vielleicht ein und dieselben?
allessuper 06.05.2017
4. DANKE, Frau Sibylle
inzwischen halte ich die Nase zu und die Luft an, und zwar bis zu Ihrer nächsten Kolumne. Dazwischen ist es zu schlimm! Ich hoffe, Sie werden vielfach übersetzt, damit unsere Nachbarn wissen, dass wir hier nicht nur Idioten haben. Danke, danke, danke.
jojack 06.05.2017
5. Populismus entsteht nicht aus dem Nichts
Populismus hat Ursachen, die über Hasspostings auf Facebook, Breitbart News und russische Hacks hinausgehen. Der Brexit war konkret das Ergebnis von zwei Ursachen: erstens, eine verschleppte Demokratisierung der EU, die immer wieder angekündigt wurde, aber immer wieder nur zu mehr Bürokratie und Zentralismus geführt hat. Und zweitens, der Flüchtlingskrise von 2015, welche die EU anstatt mit konsequenter Grenzsicherung lieber mit Umverteilungsdrohungen beantwortet hat. Menschen sind wie sie sind. Sich über Idioten aufzuregen oder Populisten, die diese Idiotie ausnutzen, ist Zeitverschwendung. Was hilft, ist konkrete Gründe für Unzufriedenheit anzugehen. Wo blieben denn die Reformen der EU?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.