Hundertster Mega-Wolkenkratzer Ein Riese in Size Zero

Ein Haus wie ein Ausrufezeichen: In New York hat Rafael Viñoly den Wolkenkratzer "432 Park Avenue" fertiggestellt. Kritiker feiern das Gebäude wegen seiner Eleganz - doch auch eine schlimme Bausünde geht auf das Konto dieses Architekten.

Von Ulrike Knöfel

AFP

Grazil, gar fragil könnte man das neueste New Yorker Hochhaus nennen. Adresse: 432 Park Avenue, bestes Manhattan also. Dort ragt nun über vergleichsweise kleiner quadratischer Grundfläche der jüngste Turm der Metropole empor. Und er steht da mit so kantiger, vor allem so dünner Figur, dass man Size Zero vermuten würde oder ein in Architektur übersetztes Streichholz. Richtig vertrauenerweckend ist diese Form nicht. Man meint, ein Windhauch könne das Gebilde umfallen lassen.

"432 Park Avenue" ist 426 Meter hoch und damit weltweit der hundertste echte Wolkenkratzer, so haben es die Spezialisten des ehrwürdigen, in Chicago ansässigen Gremiums Council on Tall Buildings and Urban Habitat verkündet: Um bei diesen Fachleuten als echter Wolkenkratzer, also als "superhohes" Hochhaus zu gelten, muss eine Höhe von 300 Metern erreicht werden. Vor fünf Jahren schafften das erst 50 Gebäude, jetzt hat sich die Zahl verdoppelt.

Natürlich sind 426 Meter kein echter Rekord, gerade entsteht in Saudi-Arabien ein Ein-Kilometer-Bau. Dieser Turm in New York aber ist immerhin der zweithöchste in dieser legendären, stets nach oben strebenden Stadt nach dem One World Trade Center, außerdem der dritthöchste der USA. Und er soll weitgehend als reines Wohnhochhaus genutzt werden - als solches wäre es sehr wohl das höchste der Welt. Gebaut wurde seit 2012, vor Kurzem dann schon die Fertigstellung, auch wenn die Luxusapartments noch nicht bezogen wurden.

Die Höchsten der Welt

Quelle: http://skyscraperpage.com/diagrams/?searchID=206; Stand: Mai 2015

Zeigen, dass man ihn nicht kleinkriegt

Man beneidet die künftigen Bewohner des Streichholz-Penthouses aber eher nicht, schließlich liegt ihr Zuhause bis zu 392 Meter hoch. Zuständiger Architekt war Rafael Viñoly, geboren in Uruguay und seit vielen Jahrzehnten in den USA lebend.

Im Wettbewerb für das neue World Trade Center unterlag er 2003 der Konkurrenz, doch nun hat er mit Hilfe von Stahlbeton sein eigenes Ausrufezeichen in die Stadt gesetzt; der Bau ist wegen der besonderen gedehnten Proportionen der auffälligste. Eine Statement-Architektur für Manhattan also, und fast könnte man meinen, Viñoly habe der Welt auf diese Weise zeigen wollen, dass man ihn nicht kleinkriegt.

Viñoly hat aber auch Bausünden auf dem Gewissen: Ein anderer von ihm errichteter Turm gilt als einer der unansehnlichsten Neubauten der Welt. Es handelt sich um einen 160 Meter hohen, 2014 vollendeten Klotz mitten in London, der wegen seiner kompakten Form "Walkie Talkie" genannt wird - dieser Entwurf wurde 2015 sogar mit dem "Carbuncle Cup" bedacht, einem Anti-Architekturpreis, der jährlich für das hässlichste Gebäude in Großbritannien vergeben wird. Klingt lustig, ist aber auch bitter - denn die Schmach mit der kuriosen Auszeichnung mag in Vergessenheit geraten, die Architektur aber bleibt.

Viñoly trifft so oder so aber offensichtlich den Geschmack der Bauherren, er darf ihre Träume verwirklichen. Und man sieht: Wenn man das geschafft hat, ist leider fast alles möglich. Das sollte man sich vergegenwärtigen, wenn man die Prognosen für die nächsten Jahre und Jahrzehnte liest. In den kommenden fünf Jahren wird sich die Zahl der superhohen Hochhäuser erneut verdoppeln, auf dann 200 Wolkenkratzer. 2030 - auch nicht mehr so lange hin - werden es 800 sein.

Verdichtung mag notwendig sein, reine, gebaute Höhenrekorde sind es dagegen nicht. Doch die Architekten betonen das Vertikale auch noch auf eine fast absurde Weise, sie erwecken gern den Eindruck, sie könnten die Wolken aufspießen. "432 Park Avenue" erzeugt diese Wirkung sogar trotz Flachdach. Sichtbar ist diese Symbolik aber auch bei Projekten wie Renzo Pianos Londoner Hochhaus namens "Scherbe", das zwar nur 310 Meter misst, sich aber besonders scharfkantig in den Himmel bohrt.

Auch der spitz zulaufende 828-Meter-Turm Burj Khalifa in Dubai, der noch das höchste Haus der Welt ist, wird von diesem ästhetischen Trend geprägt, und demnächst kann man diese unmissverständliche Architektursprache beim neuen Nähnadel-Wolkenkratzer in der saudi-arabischen Hafenstadt Dschidda begutachten; sein offizieller Titel wird "Turm des Königreiches" lauten.

Die Erkenntnis ist: Die neuen "superhohen" Hochhäuser schonen weder die Umwelt noch das Auge. Manche schmerzen gar.

Zum Thema Architektur in New York haben wir zwei Multimediastorys:



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 22 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
herzbube 20.01.2016
1. Wolkenkratzer
Warum wird bei Spon immer nur von internationalen Hochhäuser z.B. aus NY berichtet? Auch in Deutschland haben wir wunderschöne. Diese werden hier aber regelmäßig unterschlagen: Warum?
cindy2009 20.01.2016
2. die Höhe macht es aus
Wieviele Wolkenkratzer gibt es denn in Deutschland? Haben Sie den Artikel gelesen?
KobiDror 20.01.2016
3. Statik
Das Gemecker über die spitz zulaufenden Wolkenkratzer ist ziemlich naiv. Im günstigsten Fall kann man ein Haus vertikal ohne Verjüngung bauen. Wenn man die Proportionen umkehrt, dann wirken am Fundament Kräfte, die nicht mehr aufgefangen werden können. Kann man übrigens mit Bauklötzen hervorragend nachstellen. Unten breit und oben dünn hält viel besser als unten dünn und oben breit.
juergenhesse 20.01.2016
4. Hoffentlich keinen Herzanfall!!
Hier, in Kanada wurde gerade eine Studie veroeffentlich, die die Ueberlegungs Quoten fuer Menschen, die in Hochhaeusern leben und einen akuten Herzanfall haben. Das Fazit: Bis zur 5ten Etage 35%, ueber der 10ten Etage keine Ueberleben Chancen. In den hoeheren Etagen, da wohl sehr teuer, werden die Leute wohl mit ihren eigenen Doktor leben. Die Gruende? Erschwerter Zugang zum Gebaude wegen Sicherheitsvorkehrungen, schwieriger Zugang zu denFahrstuehlen, manchmal passen die Hilfgeraete nicht in die Kabine, schwer zu findene Apartmente. Good luck you highdweller, you need it.
Brillenschlumpf 20.01.2016
5. @4 Zahlen bitte
Sehr geehrter Herr Hesse, können Sie die absoluten Zahlen nennen? Wieviele Menschen, die in einer 100. Etage leben sterben pro Jahr durch Herzversagen?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.