Street-Fotograf André Wagner Schwarz, weiß, Brooklyn

Der New Yorker Street-Fotograf André Wagner dokumentiert mit einer Leica das Leben in Brooklyn. Nach den Gewalttaten gegen Schwarze in Ferguson und Charleston entwickeln seine Alltagsszenen eine ungeahnte Brisanz.

Andre D. Wagner/ Papillion Art

Von , New York


Das Foto entstand per Zufall, im vergangenen Jahr in einer U-Bahn-Station: ein Cop, übermächtig füllt sein Rücken das Bild aus. Vor ihm: ein junger Schwarzer im Kapuzenpulli, perspektivisch viel kleiner, redend, sein Blick geht gen Boden.

Eine willkürliche Szene an einem willkürlichen Tag in New York - und doch sagt sie alles über den Konflikt zwischen US-Polizisten und Afroamerikanern, über Weiß und Schwarz, Macht und Ohnmacht.

"Das Alltagsleben kann uns viel über die Lage im ganzen Land erzählen", sagt Wagner, selbst ein Schwarzer. "Ich muss das gar nicht politisch definieren. Ich bin dieser schwarze Junge."

U-Bahn-Begegnung: Bild aus Wagners Serie über den Brooklyner Stadtteil Bushwick
Andre D. Wagner/ Papillion Art

U-Bahn-Begegnung: Bild aus Wagners Serie über den Brooklyner Stadtteil Bushwick

Zugleich frustriert es ihn, wenn die Leute ihm und seiner Arbeit Etiketten aufkleben. "Ja, ich bin schwarz, ja, ich fotografiere schwarzes Leben in Brooklyn", sagt er. "Aber ich bin doch so viel mehr als das."

Wagner, 29, sitzt in einem Café im tiefsten Brooklyn. Seine Kamera liegt vor ihm, ohne sie geht er nirgends hin: eine Leica M6 aus den Achtzigern, mit 28-mm-Weitwinkelobjektiv und Schwarz-Weiß-Film (Kodak Tri-X). Ein Liebhaberstück - und Wagners Arbeitsgerät.

Sein fotografisches Werk - noch jung, aber schon gepriesen wie das eines Veterans - lässt sich so auch besser über diese Kamera erklären und die anachronistische Arbeitsweise, die sie erfordert. Während die Selfie-Generation das Netz mit digitalen Beliebigkeiten voll plakatiert, verlangsamt Wagner den Prozess und entzieht ihn dem Social-Media-Hype: Pro Film hat er nur 36 Aufnahmen, die er auch noch selbst in der Dunkelkammer entwickelt - oft erst Monate später.

So entstehen Bilder, die einen Moment einfrieren, ihm aber auch eine archivarische Aura geben. "Ich dokumentiere die Zeit", sagt Wagner. "Das ist meine Aufgabe als Street-Fotograf."

Verwitterte Würde: Straßenszene aus Wagners Fotoserie über Brooklyn
Andre D. Wagner/ Papillion Art

Verwitterte Würde: Straßenszene aus Wagners Fotoserie über Brooklyn

Und diese Zeit ist in den USA eben bedeutungsschwer. Sanford, Ferguson, Charleston: "Black Lives Matter" lautet der Slogan, der entstanden ist aus Protest gegen die zahllosen schwarzen Todesopfer, ob durch Selbstjustiz, Polizeigewalt oder einen rechtsradikalen Jung-Nazi.

Black lives, schwarze Leben: eine Mutter im Supermarkt, die Tochter auf dem Arm. Vater und Sohn auf dem Fahrrad. Eine alte Dame in verwitterter Würde. Und immer wieder Kinder, draußen und in der U-Bahn. Alltagssituation, die durch die Blicke der Menschen bedeutungsvolle Tiefe bekommen.

Dass daraus nun seine erste Solo-Ausstellung wurde, in Los Angeles, schockiert ihn fast: "Das war wirklich überwältigend", erinnert er sich an die Eröffnung. "Tell It Like It Is", lautet der Titel: Sagen, wie es ist. Denn dies ist ja sein Leben: Die Fotos sind Wagners "Tagebuch", wie er sagt, sie protokollieren die Welt, wie er sie jeden Tag durchstreift, von Brooklyn nach Manhattan und wieder zurück, die Leica fest im Griff.

Geplant hat er das nie. Aufgewachsen in Omaha im Midwest-Staat Nebraska, spielte Wagner früher Basketball und wollte Sozialarbeiter werden. Das brachte ihn 2011 nach New York. Nebenher jobbte er in einem Atelier, wo er eine andere Liebe entdeckte - und sein Studium prompt abbrach: "Ich wusste, dass ich fotografieren wollte."

Lautlose Klicks

Die Leica besorgte er sich über eine Sammlerin. "Sie ist längst ein Teil von mir", sagt Wagner. Am liebsten wandert er durch Bushwick, ein Latino- und Schwarzen-Viertel in Brooklyn, wo er lebt. Die Kamera in Hüfthöhe, nur kurz hebt er sie zum lautlosen Klick, ohne den Schritt zu verlangsamen.

Was dabei herauskommt, sieht er in der Regel erst viel später, in der Dunkelkammer. Und immer wieder entdeckt er dann Details, die er im Straßenstress nie bemerkt hätte - ein aus der Zeit gehobener Kommentar auf das schwarze Leben. Noch besser gesagt: auf das Leben generell, egal welcher Farbe: "Je länger wir uns in solchen Kategorien sehen, umso größer werden die Unterschiede zwischen uns", sagt Wagner. "Und wir werden nie zusammenfinden."

Wobei ihm auch das dann schon wieder zu viel der Analyse ist: "Alles, was ich will, ist rausgehen und fotografieren. Das ist mein Leben."


André Wagner: "Tell It Like It Is", Gallery Papillion, 4336 Degnan Boulevard, Los Angeles CA 90008, noch bis 5. Juli 2015



insgesamt 12 Beiträge
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kasam 02.07.2015
1. Jedes Bild
das spontan geschossen wird und dann noch in schwarz-weiss ist eine Dokumentation der aktuellen Zeit, war es immer schon. Das ist nichts neues. Das meiste jedoch ist in der Zeit belanglos--wir leben ja in dieser Gegenwart. Die über 1500 Bilder die in usa gefunden worden sind (von ca. 1920), das sind Zeitgebundene-Dokumente der Vergangenheit die erhebliches Interesse wecken.
ladozs 02.07.2015
2. Interessant
anschauen sind die Fotos.Es sind aber die Menschen auf diesen Bildern, die Interesse auslösen und nicht der Fotograf, der das Leid ablichtet.Neumodisch verharmlosend nennt man das dann Street-Art! Ähnlich wie die Amateuraufnahmen auf Flickr von obdachlosen Menschen,die durchaus ihren Reiz haben,letztendlich aber nur den "Aussätzigen" in seiner Not vorführen.
bienenstecher 02.07.2015
3. Oh Em Ge!
Eine schwarze Frau, die ein Kind in einem Laden trägt! Was für ein Grauen!
Susiisttot 02.07.2015
4. Das wichtigste war vermutlich die
mal ehrlich, was ist an den Bildern nun besonders? Vivian Maiers Bilder, die sind gut, aber das hier finden sie doch nur wirklich zu Tausenden im Netz. Aber gut, der ist ein Schwarzer und dann noch mit einer Leica.
gis 02.07.2015
5. Gute Bilder,
aber ich sehe keine leidenden Menschen. Normales Großstadtleben halt.
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