"New York Times" Die schwierige Geburt eines Scoops

Es war einer der Scoops des Jahres. Am Freitag veröffentlichte die "New York Times" eine Enthüllung, die Millionen Amerikaner erzürnte: Jahrelang hatte der US-Geheimdienst NSA im Anti-Terror-Kampf gegen seine eigenen Bürger spioniert. Doch es gibt eine Geschichte hinter der Geschichte.


Hamburg - Ohne richterliche Kontrolle fingen die Abhör-Experten der mächtigsten Lausch-Behörde der Welt grenzüberschreitende Telefonate und E-Mails ab. Hunderte, vielleicht tausende von Bürgern wurden Opfer der Praxis, obwohl der NSA per Gesetz nur Operationen im Ausland gestattet sind. Die Ermächtigung hatte den Lauschern US-Präsident George W. Bush persönlich gegeben, in einer bisher hochgeheimen Anweisung aus dem Jahr 2002.

Die Nachricht platzte mitten in eine der heißesten politischen Debatten: Eigentlich sollte der Senat am Freitag der Verlängerung des Patriot Acts zustimmen, jenes Gesetzes, das den US- Behörden weit reichende Ermittlungsspielräume auf der Jagd nach Terroristen gewährt. Doch die geplante Verlängerung könnte scheitern: Die Senatoren lehnten mit 52 zu 47 Stimmen eine Beendigung der Debatte um das Gesetz und etliche gaben zu, dass die Enthüllung des New Yorker Blattes bei ihrer Entscheidung eine Rolle gespielt hätte.

Doch es gibt eine Geschichte hinter der Geschichte: In einer ungewöhnlichen Erklärung, die dem Scoop folgte, erläuterte Bill Keller, Executive Editor des Blattes, die Entstehung der Geschichte. Danach hielt das Blatt den Artikel auf Bitten der US-Regierung ein Jahr lang zurück. Das Weiße Haus habe befürchtet, eine Veröffentlichung könnte Ermittlungen gegen Terroristen unterminieren und Verdächtige warnen.

Die Redaktion hatte daraufhin Passagen aus dem Artikel entfernt und zusätzliche Recherchen angestellt. Laut Keller waren die Redakteure schließlich zu dem Schluss gekommen, dass sie den Artikel ohne Schaden für laufende Anti-Terror-Ermittlungen publizieren konnten.

Die Erklärung sorgte umgehend für heiße Debatten im politischen Washington und scharfe Attacken von konservativen Kommentatoren: "Times Exposed" – "Times enttarnt" titelte die "New York Post", Lieblingsblatt des konservativen Medien-Tycoons Rupert Murdoch. Zuvor hatte Amerikas Chef-Blogger, Matt Drudge, seinerseits aufgedeckt, dass der Co-Autor der "New York Times"-Geschichte vor Monaten ein Buch-Manuskript zum gleichen Thema eingereicht hatte, das im Januar erscheinen soll. Dieses Buch soll Passagen enthalten, die aus der "New York Times"-Geschichte entfernt wurden.

Die konservativen Kritiker, zutiefst verärgert über die Abstimmungsniederlage, verdächtigen die "New York Times", die Geschichte gezielt bis zur Senatsabstimmung zurückgehalten zu haben. Laut "Washington Post" hatten die Autoren darauf gedrängt, die heiße Geschichte schneller zu veröffentlichen, wurden aber immer wieder gebremst.



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