"New York Times"-Legende Sulzberger Der Mann, der Präsidenten das Fürchten lehrte

Er erhob die "New York Times" zur Institution: Der verstorbene Ex-Verleger Arthur Ochs Sulzberger kämpfte für Meinungsfreiheit, Milliarden und die Macht seines Familienclans. Sein Sohn und Nachfolger steht nun vor ganz anderen Herausforderungen.

Arthur Ochs Sulzberger (undatiertes Foto): Machte die "NYT" zum globalen Meinungsführer
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Arthur Ochs Sulzberger (undatiertes Foto): Machte die "NYT" zum globalen Meinungsführer

Von , New York


Es ist ein ziemlicher Brocken Papier. Die Printausgabe der "New York Times", die den US-Abonnenten an diesem Samstag vor die Tür gelegt wurde, umfasst 102 Seiten, von Politik über Kultur bis zu Immobilien. Dazwischen finden sich außerdem der "Book Review" (32 Seiten) und das "New York Times Magazine" (58 Seiten).

Da sage einer mal, das gedruckte Wort sei tot. Zwar ist die papierne "NYT" schlanker als früher und die Printauflage kleiner, während immer mehr Abonnenten zur aktuelleren Digitalausgabe wechseln. Doch keine Zeitung kann sich bis heute mit dem Gewicht messen, das die "NYT" hat. Auch im übertragenen Sinne.

Und das ist in erster Linie einem einzigen Mann zu verdanken. Arthur Ochs Sulzberger, der am Samstag mit 86 Jahren verstarb, machte die "NYT" als langjähriger Eigner und Verleger zum globalen Meinungsführer. Es ist ein Erbe, das sein Sohn Arthur Ochs Sulzberger Jr. seither mit durchwachsenem Erfolg schultert: Er hat den Verlag ins Web-Zeitalter gehievt - aber unter enormen Einbußen, nicht nur finanziell.

Wie sehr die Stimme des Print-Patriarchen auch in der Online-Ära noch nachhallt, zeigt sich allein daran, dass selbst das Weiße Haus kondolierte: "Arthur half mit, die 'New York Times' zu verwandeln", erklärte US-Präsident Barack Obama. "Er glaubte fest an die Bedeutung einer freien und unabhängigen Presse - eine, die keine Angst hat, die Wahrheit zu suchen, die Mächtigen zur Rechenschaft zu ziehen und die Geschichten zu erzählen, die erzählt werden müssen."

Die Ironie ist, dass sich diese Mächtigen immer noch dagegenstemmen - allen voran Obama.

1971 rief der Abdruck der "Pentagon Papers", jener Geheimakten über den Vietnam-Krieg, die US-Regierung gegen die "NYT" auf den Plan. Jetzt sind es lancierte Dokumente aus dem "Krieg gegen den Terror", wegen derer die Medien ins Fadenkreuz geraten, darunter wieder die "NYT".

Jüngster Verleger in der Geschichte der Zeitung

Dabei hatte Sulzberger erst ganz andere Sorgen, als er die Zeitung 1963 übernahm. Mit 34 Jahren war "Punch", wie er genannt wurde, der jüngste Verleger in der Geschichte der Zeitung, die sein Großvater Adolph Ochs, ein Sohn bayerischer Immigranten, 1896 gekauft hatte. Die war zwar damals schon politisch engagiert und hoch angesehen, aber betriebswirtschaftlich und finanziell labil - eine Lokalzeitung mit landesweitem Anspruch.

Sulzberger setzte, zum Unmut der Redaktion, drastische Sparmaßnahmen durch und brachte die "NYT" 1969 an die Börse, um sie finanziell abzusichern. Über Vorzugsaktien behielt die Familie die Kontrolle - und hält sie heute noch.

Später expandierte er. Neue Rubriken - Lokales, Sport, Lebensstil - erregten lange Spott: Sie seien der "NYT" unwürdig. Gleiche Skepsis erhielten der Wechsel von Schwarz-Weiß auf Farbe und eine nationale Ausgabe.

Den wahren Aufstieg zum Weltblatt schaffte die "NYT" jedoch durch journalistischen Mut. Immer wieder versuchte die Regierung, direkt Einfluss zu nehmen. Der Ex-Marineinfanterist Sulzberger blieb hart, nach außen wie innen, wo seine regelmäßigen Memos legendär waren.

1971 entblößten die "Pentagon Papers" die Vietnam-Lügen Washingtons. Richard Nixon zog bis vor den Supreme Court, um den auch in der Redaktion umstrittenen Abdruck zu stoppen. Sulzberger las die mehr als 7000 Seiten selbst, obwohl ihn seine Justiziare warnten, dass allein die Lektüre strafbar sein könnte. Er wollte persönlich Verantwortung übernehmen und garantierte der "NYT" so den Pulitzerpreis - einen von 31 unter seiner Ägide.

Ein wegweisender Erfolg: Seit damals hat keine US-Regierung die Veröffentlichung misslicher Dokumente mehr vorab verhindern können.

Stattdessen zieht Obama nun nachträglich gegen "Whistleblower" zu Felde, die - wie einst Daniel Ellsberg, der die "Pentagon Papers" lancierte, - Staatsgeheimnisse publik machen. Bekanntestes Beispiel sind derzeit die Ermittlungen gegen die Enthüllungsplattform WikiLeaks. Oft sind davon auch "NYT"-Reporter mitbetroffen.

Letzter mächtiger Verlegerclan der USA

Die Zeitung ist zwar deutlich zahmer geworden, könnte diese Schlachten heute aber sowieso kaum fechten, hätte Sulzberger sie nicht zu so einer festen Institution gemacht. Als er die "NYT" nach fast drei Jahrzehnten an der Spitze 1992 an seinen Sohn abtrat, war sie das Herz eines Multimediakonzerns mit einem Jahresumsatz von 1,7 Milliarden Dollar. 1997 wurde Sulzberger Jr. auch Chairman der Firma - der letzte Titel, den sein Vater noch innehatte.

Dem folgte aber eine viel akutere Krise - die der gesamten Printbranche. Die Auflage der "NYT" brach ein. Der Umsatz schrumpfte von 3,2 Milliarden Dollar (2007) auf 2,3 Milliarden Dollar (2011). Das Internet lockte Abonnenten wie Inserenten fort, auch die 1996 installierte Website konnte lange keiner zu Geld machen.

Erst jetzt zeigt sich Licht am Ende des Tunnels. Ende März erreichte die Auflage der "NYT" 1,6 Millionen Exemplare, 73 Prozent mehr als im Vorjahr - dank neuer Digitalabonnenten. Nur die Umsätze lassen bisher noch auf sich warten.

Anders als andere verschacherte sich die "NYT" aber bisher nicht an Private-Equity-Investoren oder Finanzhaie. Die Sulzbergers bleiben dabei und sind, seit die Bancrofts das "Wall Street Journal" 2007 an Rupert Murdoch verloren, der letzte mächtige Verlegerclan in den USA.

insgesamt 3 Beiträge
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WhereIsMyMoney 30.09.2012
1. optional
Es stimmt, die NYT lebt von ihrer Vergangenheit. Fairerweise muss man sagen, dass der ganze Journalismus tot ist. Es betrifft also nicht nur die NYT. Es gibt kaum jemanden der heutzutage wirklichen Journalismus betreibt. Man muss mindestens drei-vier verschiedene Meinungen zu einem Thema lesen, bevor man als Leser halbwegs eine Ahnung hat wie die Sache wirklich aussieht.
blattmacher_i 30.09.2012
2. Eine interessante Familie
Der Stiefvater des Verstorbenen und Gründer der NYT Adolph Ochs war ein Sohn Deutscher Juden, die 1848 in die USA kamen. Adolph lieh sich im Alter von 19 Jahren 250$ um eine Zeitung zu übernehmen. Daraus wurde ein Medienimperium, das nach wie vor von der Familie geführt wird. Sulzberger Spitzname war "Punch", der seines amtierenden Sohnes "Pinch". Seit 2009 arbeitet die nächste Generation bei der NYT: Arthur Gregg Sulzberger.
dunnhaupt 01.10.2012
3. Sulzberger = Salzburger
So wird Salzburger amerikanisiert ausgesprochen.
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