"New York Times" Umzug in eine ungewisse Zukunft

Die "New York Times" gibt ihr Redaktionshaus von 1913 auf und zieht in einen futuristischen Wolkenkratzer von Star-Architekt Renzo Piano. Das voll vernetzte Gebäude soll die Online-Zukunft der Traditionszeitung symbolisieren. Die alte Garde reagiert mit gemischten Gefühlen.

Von , New York


Er ist "leicht, intuitiv und flexibel" und kostet im Einzelhandel rund 900 Dollar: Der neue Bürostuhl für alle Mitarbeiter der "New York Times" ist ein cleveres, aber nicht gerade billiges Stück Ergonomie. Hergestellt von der Edeldesignfirma Knoll, kann er sich dafür aber auch "den allermeisten Körpertypen anpassen", prahlt ein internes Verlagsmemo. Das Sitzmöbel hat sogar einen Namen: "Life".

Frisches Leben erhofft sich auch die "Times", wenn sie ab Dienstag ihre alte Stammredaktion aufgibt und einen futuristischen Wolkenkratzer des Star-Architekten Renzo Piano in Manhattan bezieht. Zwar plant der Verlag einen "nahtlosen Umzug ohne Störung der Tagesoperationen", wie es Umzugsbeauftragte Kathleen McElroy sagt. Doch der Sprung vom stuckbestückten Redaktionspalazzo von 1913, in dessen Keller früher die Druckerpressen rumpelten, hinüber zu Pianos gleißendem Glasturm ist mehr als ein logistischer Kraftakt.

Nur Tage vor der "Times"-Hauptversammlung - bei der dem Familienclan der Sulzbergers, der die Verlagsmehrheit hält, ein Shareholder-Aufstand droht - ist dies ein symbolischer Schritt in eine ungewisse Zukunft. Der 850 Millionen Dollar teure, total vernetzte "Times Tower", ein realisiertes Pixel-Design, steht für den zwiespältigen Aufbruch in eine Ära, in der die Grenze zwischen Print und Internet verwischt und viele Zeitungen um ihre Existenz fürchten.

Keiner entrinnt diesem Aufbruch. An jedem Schreibtisch erwartet die Redakteure nicht nur ein obligatorischer "Life"-Stuhl, sondern auch ein völlig ungewohntes Arbeitsumfeld, in dem die Tradition dem Fortschritt weicht. So darf "kein privates Mobiliar" vom alten ins neue Haus mitgebracht werden ("Kühlschränke, Sofas"), Print- und Online-Redakteure sitzen gemeinsam in einem voll computerisierten Newsroom, und selbst die "bargeldlose Cafeteria" hat kabellosen Internet-Anschluss. Die "Old Gray Lady" mutiert vollends zur "Multi-Plattform".

Lichte Flure, rote Wände

Alles an und im "Times Tower", der samt Mast eine Höhe von 348 Metern erreicht und ein durchdachter Öko-Bau ist, zeugt vom Zukunftsanspruch der "Times". Die Fassade ist aus Eisenglas und transparenten Keramik-Röhren (energiesparend). Das Atrium ist sechsstöckig. Der Innenhof bietet mit neun Papierbirken plus Moosgarten Raum "für kontemplative Momente".

Pianos Entwurf setzte sich gegen die VIP-Konkurrenten Norman Foster, Cesar Pelli, Frank O. Gehry und David Childs ("Freedom Tower") durch. "Der wichtigste Konzern-Skyscraper in Manhattan seit 1965", jubelte der frühere "Times"-Architekturkritiker Herbert Muschamp. Sein Kollege Paul Goldberger vom "New Yorker" kritisierte den Turm dagegen als "fast schon fipsig" und von "seltsamer, dünner Farblosigkeit" - ein Vorwurf, den sich auch das redaktionelle Produkt mitunter anhören muss.

Die "Times" breitete sich über die untersten 27 Etagen aus, der Rest der 150.000 Quadratmeter wird vermietet. Herz der Redaktion ist ein dreistöckiger, geradezu industrieller High-Tech-Newsroom "für alle Plattformen". Die Flure sind licht, die Wände knallrot - als "Tribut an die Führungskraft der 'Times'", so David Thurm, der Bauleiter des Verlags, in einem Video an die Belegschaft, auf dem Kopf einen blauen "Times"-Plastikhelm.

"Das neue Gebäude ist großartige Architektur", findet der frühere Vize-Chefredakteur Arthur Gelb, einer der alten Garde. "Aber ich habe keine Ahnung, wie die 'Times' darin funktionieren wird." Gelbs Zukunftsvision: "Eines Tages werden wir alle unsere Zeitung elektronisch lesen. Macht mich das glücklich? Nein, denn ich habe mein ganzes Leben mit der wunderbaren Vergangenheit der gedruckten Zeitung verbracht. Aber man kann es nicht aufhalten."

"Multimedia für alle"

Bezeichnend: Als allererstes zieht am Dienstag - zwei Jahre später als geplant - die Online-Abteilung mit rund 40 bisher versprengten Mitarbeitern um, die damit endlich auch an die begehrte New Yorker Ur-Vorwahl 212 des Verlags angeschlossen werden und einheitliche Visitenkarten bekommen. "Die Company konsolidiert ihren Look", sagt McElroy dazu.

Nach den Web-Leuten rückt der Rest der Redaktion im Newsroom an. Der Newsroom, in dem Print-Reporter neben Online-Producern sitzen werden, soll bis Mitte Juni komplett sein. Jeder Desk hat ein Gigabit-Ethernet-Link, ein IP-Telefon und ein integriertes Voice-E-Mail-Chat-System. "Ein Multimedia-Umfeld für alle", nennt das Bob Kraft, der IT-Chef des Verlags.

"Wir tun unser Bestes, den Unterschied zwischen den Plattformen zu reduzieren", sagte Chef vom Dienst Jonathan Landman dem "New York Observer". Diese "Integration", so Wirtschaftschef Larry Ingrassia, solle "in die DNA aller" eingehen, "damit wir von Anfang an nachdenken, was wir im Web machen". Ingrassias Business Desk übt das schon länger, indem die Reporter parallel Print- und aktuelle Online-Texte, Video und Audio produzieren.

Mit dem Umzug startet die "Times" außerdem eine Reihe ambitionierter Online-Projekte. Darunter den "City Room", eine Website für Kommunalpolitik, Nahverkehr, Justiz und Schulen, mit Blogs, Fotos und Videos - "das kühnste Online-Projekt, das der Metro Desk unternommen hat", so Lokalchef Joe Sexton. Und für die Präsidentschaftswahl 2008 wurde als zentrales Informationsdepot eine interne Website eingerichtet - genannt "Politik-Wiki".

Boykott der Vorstandswahl

Vize-Chefredakteurin Jill Abramson sieht das als ein Zeichen. "In den vergangenen zwei Jahren habe ich gesehen, wie sich die Einstellung der Redaktion gewandelt hat", sagte sie dem "Observer". "Der Biorhythmus orientierte sich an der Zeitung, am platonischen Ideal einer Zeitungsgeschichte." Dies sei nun vorbei.

Ob das die Shareholder beruhigt, ist fraglich. Bei der Hauptversammlung am 24. April wollen mindestens zwei mächtige Aktionärsgruppen die Vorstandswahl boykottieren. So beklagt die Shareholder-Vereinigung ISS die "schlechte Performance" des Verlags und verlangt ein Ende der Zweiklassen-Aktienstruktur, das den Sulzbergers die Stimmenmehrheit gibt: "Eine starke Botschaft ist nötig, um Änderungen herbeizuführen. Den Shareholdern bleiben kaum Optionen, ihre Meinung zu äußern."

Die "Times"-Aktie hat in den vergangenen zwei Jahren um rund 35 Prozent nachgegeben. Schon voriges Jahr enthielten sich 28 Prozent der Aktionäre aus Protest der Stimme, darunter auch das Wall-Street-Haus Morgan Stanley, dessen Portfolio-Manager Hassan Elmasry, einer der schärfsten "Times"-Kritiker, rund sieben Prozent aller Verlagsaktien hält.

Print unter Denkmalschutz

Die Konzernspitze lehnt Änderungen an der Aktienstruktur ab. Auf Druck der Shareholder hat sie aber die Dividende erhöht, unprofitable TV-Lokalsender abgestoßen und das Salär des Managements gestutzt. Auch werden bis April nächsten Jahres 250 Stellen gekürzt und das Format der "Times" verkleinert, um im Jahr 42 Millionen Dollar einzusparen. Dem fallen auch fünf Prozent des News-Inhalts zum Opfer.

Und so ist der Umzug bittersüß: Manche trauern den alten Zeiten hinterher - und der alten Heimat an der 43rd Street. Reporter David Dunlap, ein Redaktionsveteran, hat zum Abschied einen 64-seitigen Hochglanz-Nachruf auf das geliebt-gehasste Haus gebastelt, durch dessen dritten Stock schon mal die Mäuse flitzten. "Ich freue mich auf den Umzug", sagt er. "Aber ich bin auch etwas ambivalent."

Ironie der Geschichte: Rechtzeitig zum Umbau als "hochmodernes Bürohaus" wurde ein Großteil des historischen Print-Gebäudes am Times Square unter Denkmalschutz gestellt.



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