New Yorker Kunst in Berlin Big Apple in der Auster

Was haben Geishas in Trainingshosen und das Eisbärbaby Knut mit den USA zu tun? Die Antwort gibt die überraschende Ausstellung "New York. States of Mind", mit der das Berliner Haus der Kulturen der Welt wiedereröffnet wird.

Von Jenny Hoch


Wer in New York City einen Donut kauft oder eine Dose Bier, bekommt gewöhnlich beides in eine braune Papiertüte gepackt. Überall in der Stadt sieht man deshalb um die Mittagszeit Geschäftsleute, aber auch Touristen oder Obdachlose an ihren Tüten nesteln. Die "brown paperbag" ist auf diese Weise zum Alltagsgegenstand par excellence geworden - aber auch zum Symbol für Amerikas Doppelmoral. Denn Alkohol darf man in den USA zwar nicht öffentlich trinken, aber die Obrigkeit drückt ein Auge zu, wenn die Pulle in einer Tüte versteckt ist.

So eine Paperbag steht nun auch im frisch sanierten Berliner Haus der Kulturen der Welt, das heute mit einem Festakt von Kulturstaatsminister Bernd Neumann wiedereröffnet wird. Sie steht dort als Kunstwerk des französischen Ready-Made-Erfinders Marcel Duchamp, und bildet den kunstgeschichtlichen Anfang der Ausstellung "New York. States of Mind". Die Beschäftigung mit Alltagsgegenständen, wie sie Duchamp als Erster betrieb, ist seitdem zu einem Charakteristikum für New Yorker Kunst geworden.

In ihrer Unaufgeregtheit ist die zerknitterte und vom Künstler signierte Tüte aber auch insgesamt emblematisch für das New-York-Festival mit seinem enormen Kunst-, Film-, Musik-, Literatur-, Performance- und Diskussionsprogramm, das die Wiedereröffnung begleitet.

Denn die "schwangere Auster", wie der modernistische Bau an der Spree von den Berlinern genannt wird, seitdem ihn die US-Regierung 1957 der Regierung von West-Berlin schenkte, gebiert dieser Tage unzählige kleine und große Perlen des New Yorker Kunst- und Kulturlebens, die sich allesamt eher mit dem Alltag als mit dem überlebensgroßen Mythos der Stadt auseinandersetzen.

Fernab von XXL-Phantasmen

Um Bewusstseinszustände geht es in der Ausstellung "New York. States of Mind" insofern, als dass wohl keine andere Stadt auf der Welt existiert, mit der man ein vergleichbar an- und erregendes Lebensgefühl verbindet und die so sehr Sehnsuchtsort ist. New York steht für extreme Urbanität, für kulturelle und ethnische Vielfalt, für entfesseltes Geschäftemachen und wilde Partys, aber auch für ungeheure Armut und brutale Verbrechen. Die Geschichte der Metropole ist legendär, ebenso wie ihre Kunstszene. Kurz: Es gibt nichts, was es in New York nicht gibt, und das Problem dabei ist, um ein Zitat von Karl Valentin abzuwandeln, dass eigentlich schon alles über diese Stadt gesagt und geschrieben worden ist – und zwar von allen, die dafür in Frage kommen.

Es ist also kein einfaches Unterfangen, in Europa eine Kunstausstellung über New York zu machen, ohne die immergleichen Klischees vom "Big Apple", vom "Melting Pot" oder von der Stadt, die niemals schläft, zu bedienen. Kurator Shaheen Merali ist deshalb klug genug, keine XXL-Phantasmen zu reproduzieren, die Mythenbildung überlässt er dem Filmprogramm, in dem New-York-Klassiker wie "Blue in the Face", "Der Pate", "Taxi Driver" oder "New York Stories" natürlich nicht fehlen dürfen.

Seine kleine, aber sehr feine Ausstellung spürt lieber multiplen Zugehörigkeiten nach, sie zeigt, wie Menschen mit unterschiedlichem kulturellen und ethnischem Hintergrund (in den USA wird das "Identitäten mit Bindestrich" genannt, also african-american, asian-american, latin-american, usw.) ihre Erfahrungen künstlerisch umsetzen. Wenn man sich vor Augen führt, dass Weiße im Jahr 2000 nur noch 35 Prozent der Bevölkerung New York Citys ausmachten, während sie 1973 noch 63 Prozent stellten, dann bekommt dieses Ausstellungskonzept auch im immer noch an weiße Mehrheiten gewöhnten Europa eine zwingend politische Dimension.

Geishas mit "Blingbling"-Appeal

Das Themenspektrum wird gleich am Eingang abgesteckt: Vom Foyer aus ist in direkter Sichtachse David Hammonds "African-American Flag" zu sehen. Der Künstler hat die amerikanische Flagge in schwarz, rot, grün, den Farben des Repatriation Movements des Jamaikaners Marcus Garvey reproduziert und spielt so auf die Bedeutung des Bürgerrechtsbewegung für die Geschichte Amerikas an. Dass die Flagge nicht heroisch im Ventilator-Wind flattert, sondern still und eher unauffällig herunterhängt, könnte Ausdruck der entspannten Selbstverständlichkeit sein, mit der Themen wie Rassismus, Diskriminierung und Anderssein hier verhandelt werden sollen.

Es geht in dieser Ausstellung nicht darum anzuklagen, sondern im Geiste Edward Saids, der von einer Fotografie aus der "Seminar/Lecture"-Reihe des Österreichers Rainer Ganahl die Szenerie zu überblicken scheint, darauf hinzuweisen, dass die Bilder, die die westliche Welt sich von anderen Kulturen macht, nichts weiter als romantisierende oder schlicht falsche Konstrukte sind.

Interessant sind in diesem Zusammenhang zum Beispiel die HipHop-Geishas von Iona Rozeal Brown. Die Künstlerin malt in ihrer Serie "a³…blackface" japanische Geishas mit den für sie charakteristischen Frisuren im Stil traditioneller japanischer Holzschnitte, fügt ihnen aber dunkel angemalte Gesichter, Trainingshosen und große "Bling"-Klunker hinzu, also die Attribute der ursprünglich afro-amerikanischen HipHop-Kultur.

Demut vor dem Sternenbanner

Wie festgefügt kulturelle Stereotype sind und wie wenig flexibel unsere Vorstellung von dem ist, was zusammenpasst und was nicht, darauf verweist auch der junge Künstler Kehinde Wiley aus Los Angeles. Nicht ohne Ironie bedient er sich der westlichen Bildtradition, indem er Büsten schwarzer Männer in Kapuzenpullis oder Tanktops modelliert, den Gestus antiker Skulpturen aber beibehält.

Nicht wenige Arbeiten thematisieren die Situation nach den Anschlägen vom 11. September, in der New York City sich plötzlich in der ungewohnten Rolle des Opfers wieder fand. Der deutsche, in New York lebende Künstler Hans Haacke stellt in seiner bekannten Collage "Star Gaze" einen direkten Zusammenhang zwischen amerikanischen Produkten und dem Folterskandal von Abu Ghureib her, indem er das ikonische Foto des Häftlings mit der Kapuze mitten in eine Aufnahme des Times Square mit seinen blinkenden Werbebannern montiert. Damit nicht genug: Die nicht identifizierbare Person hält den Blick unter der Kapuze, die aus dem Stoff einer amerikanischen Flagge gefertigt ist, gesenkt. Sie ist gezwungen, vor den "Stars and Stripes" dem Sternebanner, Demut zu zeigen.

In einem separaten Raum zeigt Jon Kessler seine alptraumhafte Installation "The Palace at 4. A.M." Man betritt sie durch eine kleine Öffnung in einer flimmernden Monitor-Wand und befindet sich sogleich in einem verwirrenden Kabinett der unaufhörlichen Bildproduktion. Kameras, Monitore, Kabel, Poster von Irak-Soldaten, GI-Joe-Figuren und Postkarten der Twin Towers, die auf ein mechanischen Gerät gespannt sind, verbreiten eine unheimliche Atmosphäre. Dazwischen, man traut seinen Augen kaum: das Eisbärbaby Knut. "Mich erinnert dieses wunderbare kleine Baby, dass groß und aggressiv wird, an ein bestimmtes Land", ist der lakonische Kommentar des Künstlers. Tatsächlich: Zähmbar ist wohl keines von beiden - weder das Tier noch das Land, das sich Amerika nennt. Und das hat, bei aller berechtigten Kritik, auch seine Richtigkeit.


"New York. States of Mind", Haus der Kulturen der Welt, Berlin. 23. August bis 4. November

Katalog: "New York. States of Mind. Art in the City", Hg. von Shaheen Merali, Saqi Verlag, 359 Seiten, 24,80 Euro

Reader: "NYC. Das vermessene Paradies. Positionen zu New York", Hg. von Bernd M. Scherer/Detlef Diederichsen. Verlag Theater der Zeit, 280 Seiten, 15 Euro



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