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New Yorker Straßen-Comedy: Hosen runter, Passanten munter

Von Christoph Cadenbach

Sie faken ein U2-Konzert mitten in New York, shoppen in Zeitlupe und fahren in Unterhose U-Bahn: Die Comedy-Truppe "Improv Everywhere" hat ihre Bühne in die Öffentlichkeit verlegt. Mit Massen-Streichen ringt sie Großstädtern ein Lachen ab - bald auch in Deutschland.

Eigentlich ist die Grand Central Station kein Ort des Stillstands. Der New Yorker Hauptbahnhof gehört mit seinen 60 Gleisen und den vielen tausend Tagesreisenden zu den hektischeren Orten in einer an Hektik eigentlich kaum noch zu überbietenden Stadt. Aber an diesem kalten Samstagnachmittag ist auf einmal Pause: Draußen weht der eisige Januarwind um das klobige Jugendstil-Gebäude, drinnen, in der Eingangshalle, scheinen 200 Menschen zu Statuen gefroren.

Sie stehen da, das Handy am Ohr oder die Hand zum Gruß in die Luft gehoben und bewegen sich einfach nicht. Verdutzte Passanten kratzen sich am Kopf, inspizieren vorsichtig die ungewohnte Situation. Dann beginnen sie zu lachen.

" Improv Everywhere" (IE) nennt sich die Comedy-Truppe, die zu dem Massen-Streich aufgerufen hat. Und nicht nur den gehetzten Pendlern scheint es zu gefallen: 1,5 Millionen Menschen klickten das Videodokument der Aktion auf Youtube an – allein an den ersten fünf Tagen. Vergangene Woche gab es Nachahmer in Toronto und London: Am Trafalgar Square kamen rund 1000 IE-Anhänger zusammen, um für fünf Minuten kollektiv in Schockstarre zu fallen.

Geistiger Vater der Open-Air-Comedy ist Charlie Todd, ein New Yorker Schauspiellehrer. "Unser Ziel ist es, die Menschen zum Lachen zu bringen", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Er wolle Situationen schaffen, die man sein Lebtag nicht vergisst.

Viele seiner Aktionen wie "Frozen Grand Central" oder die "No Pants"-Touren, bei denen zuletzt fast 900 New Yorker ohne Hose U-Bahn fuhren, erinnern an die 2003 bekannt gewordenen Flash-Mobs: Hunderte Menschen verabredeten sich damals im Internet zu öffentlichen Nonsens-Aktionen (Kissenschlachten, kollektives Gackern). Doch Todd legt Wert auf Eigenständigkeit. "Improv Everywhere" gebe es seit 2001, stellt er klar. Auch seien die "missions", wie er die Streiche nennt, weniger spontan, sondern von langer Hand geplant. Und oftmals spielen nur ein paar gute Freunde mit. Wie beim gefakten U2-Konzert.

Bono und Band waren gerade in der Stadt, ihr Gig hoffnungslos ausverkauft. Todd und ein paar Kollegen zogen sich lederne Rockstarklamotten über, stiegen mit E-Gitarren und Schlagzeug auf ein Hausdach und gaben nur wenige Stunden vor dem Original ein gestelltes U2-Konzert zum Besten. Unten auf der Straße provozierten sie einen Fanauflauf – Verkehrsstau inklusive.

Größeren Schaden – weder volkswirtschaftlichen noch menschlichen – verursacht Todd normalerweise nicht. "Bei unseren Streichen geht es nicht darum, Leute zu demütigen und lächerlich zu machen", sagt er. Das unterscheidet IE von pubertären MTV-Formaten wie Jackass oder Punk'd. Todd braucht kein Schoko-Eis aus Windeln essen oder sich den Hintern zusammenpiercen lassen, um für Lacher zu sorgen. Seine besten Scherze überzeugen gerade, weil sie das Normale und Alltägliche überspitzen.

Ein einzelner Mensch mit Kopfhörern im Ohr, der im Park Gymnastik treibt, würde wohl niemanden auffallen. Sind es aber mehrere hundert, die wie ferngesteuerte Hampelmänner synchron hüpfen, verdichtet sich die Situation für den Beobachter zu einem absurden Ornament. Was der Außenstehende nicht weiß: Die Parkturner hatten zeitgleich ihren MP3-Player eingeschaltet und hörten einen Track mit gesprochenen Handlungsanweisungen, den sie zuvor von der IE-Homepage herunter geladen hatten. Das "MP3-Experiment" ist lustige Massenhypnose im Digitalzeitalter - und vielleicht auch ein wenig Gesellschaftskritik.

McDonald's, Starbucks oder die Baumarktkette Home Depot, wo Todd seine "Agenten" in Zeitlupe shoppen ließ – oft sind es Konsumtempel, die als Scherz-Bühne herhalten müssen. Auch der Name "Improv" (improvisieren), der schnell als "improve" (verbessern) falsch gelesen werden kann, legt eine unterschwellige, politische Agenda nahe. Todd sagt nur: "Jeder soll sich seine eigenen Gedanken machen. Ich komme von der Comedy und will amüsieren."

Todds erste "mission" entstand aus purer Not heraus. Vor wenigen Monten erst war er aus dem beschaulichen Chapel Hill in North Carolina nach New York gezogen, wollte Schauspieler werden, wie so viele seiner Freunde auch. Sie teilten sich verranzte Wohnungen in Brooklyn und Queens, spielten ab und zu auf unbedeutenden Off-Off-Broadway-Bühnen und hielten sich mit Nebenjobs als Büroaushilfen über dem teuren Großstadtwasser. Dann gab Todd für einen Abend den Ben Folds.

Mann mit 70 Missionen

Mit zwei Freunden war er ins West Village gefahren, einen Trinken gehen. Das Geld war knapp wie immer. Doch manchmal macht Mangel kreativ und hilft dabei, die eigene Scham zu überwinden. Todd entschloss sich, den Sänger und Pianisten Ben Folds zu mimen. Die Rechnung ging auf: Drei Stunden später saß Todd am Tresen, von Frauen umringt, und trank auf Kosten des Hauses. "Von diesem Zeitpunkt an wusste ich: Auf Angebote warten hat keinen Sinn. Besser kann ich mir meine eigene Theaterbühne schaffen", sagt er.

Todd entdeckte das "Upright Citizens Brigade Theatre", eine Komikerschmiede. Er nahm Unterricht und wurde später selber Lehrer. Seine Spezialität: Improvisations-Sketche, am liebsten in aller Öffentlichkeit. Nebenbei trieb er "Improv Everywhere" voran, arbeitete an der Website und hat bis heute mehr als 70 Missionen angeleitet. Die US-Presse wurde auf ihn aufmerksam. Todd war bei Conan O'Brien eingeladen. Das "New York Magazine" und der "Rolling Stone" berichteten über ihn. Amerika schreibt noch immer und am liebsten Aufstiegsgeschichten.

Todds weltweiter Siegeszug begann Anfang 2008. Auf seiner Internetseite richtete er " Improv Everywhere Global" ein. Rund 330 lokale Gruppen haben sich seitdem zusammengefunden, auch in Deutschland gibt es die ersten: Hamburg hat 14 Agenten, Berlin bereits 16. Auf eine "mission" hat man sich bisher noch nicht einigen können. Aber lange dauern wird es hoffentlich nicht mehr.

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New Yorker Straßen-Streiche: Shoppen - oben ohne

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