New Yorker Whitney Biennale Full Metal Monstrum

Kunst und Kanonen: In einem monströsen Armee-Bau hat die wichtigste Schau zeitgenössischer Kunst in den USA eine neue Heimat gefunden. Mit kritischen Werken arbeiten die Künstler gegen die martialische Umgebung an.

Aus New York berichten Nicole Büsing und Heiko Klaas


"Nein, da ist keine Kunst drin! Das ist ein ganz normales Büro!" Der bullige Hausmeister mit dem Militärhaarschnitt in der "Park Avenue Armory" wird nicht müde zu betonen, dass in seinem Büro keine Kunst zu sehen ist. Ungefähr alle 30 Sekunden dreht jemand enttäuscht wieder ab. Keine noch so kleine Videoinstallation? Nein! Das kommt davon, wenn Kunst sich auf unbekanntes Terrain vorwagt. Als Amerikas wichtigstes Barometer für die aktuelle Produktion in den USA lebender Künstler gilt die Whitney Biennale. Für ihre 74. Ausgabe hat sie sich nun eine zweite Heimat gesucht, die es in sich hat: Das altehrwürdige Armory-Gebäude an der noblen Park Avenue, ein neogotisches Monstrum voller skurriler und eklektizistischer Dekorelemente, nur wenige Hundert Meter vom modernistisch-schlichten Whitney Museum entfernt. 35 der insgesamt 81 Biennale-Teilnehmer stellen hier aus oder werden in den nächsten Wochen mit Performances, Konzerten, kulinarischen Events oder Filmabenden ihren Auftritt haben.

Die Whitney Biennale 2008 wendet sich weitgehend vom greifbaren, kunstmarkt- und auktionstauglichen Objekt ab, viele Arbeiten sind aus einfachen, billigen oder recycelten Materialien. Das Monumentale, das die amerikanische Kunst lange beherrscht hat, wird abgelöst von einer anti-spektakulären, manchmal disparaten Bastel-Ästhetik, vorübergehenden Eingriffen und temporären artistischen Statements. "Nothing lasts forever", scheint die Botschaft der beiden jungen Kuratorinnen Henriette Huldisch und Shamim Momin zu lauten.

Militärischer Bombast

Doch gerade in dem 1880 errichteten Armory-Gebäude, einem alten Armee-Bau, hat die Kunst es nicht leicht, sich gegen militärischen Bombast zu behaupten. In den Gängen stehen Kanonen herum, in Vitrinen sind Schaufensterpuppen in Kadettenuniformen zu bewundern, Schlachtengemälde und Porträts verdienter Offiziere dominieren das Holz- und Marmorambiente.

Die Künstler versuchen mit aller Kraft, dagegen anzuarbeiten. Olaf Breuning, der in New York lebende Schweizer, stellt augenzwinkernd eine Armee kleiner Plastikroboter mit rotierenden Blinklichtern in einen holzgetäfelten Saal. DJ Olive baut in einem Jagdzimmer mit Elchköpfen an den Wänden eine Art Notlazarett auf. Unter der Plane eines Bambuszeltes kann der Besucher sich hier bei entspannter Musik auf einem Feldbett ausruhen. Und Mungo Thomson präsentiert seinen kurzen Stummfilm "Silent Film of a Tree Falling in the Forest" in einem Abstellraum ganz am Ende der imposanten "Drill Hall", einem riesigen, überdachten Exerzierfeld, an dem "Full Metal Jacket"-Regisseur Stanley Kubrick seine Freude gehabt hätte. Thomsons Film zeigt das langsame Einknicken eines Baumes unter der Kraft der Säge; eine Metapher auf durch militärischen Drill gebrochene Rekruten.

So wie er legen viele der Künstler, die mit Film- und Videoarbeiten vertreten sind, ihre Finger in die Wunden des seit dem 11. September 2001 traumatisierten Amerikas. Der Israeli Omer Fast lässt in seiner Videoarbeit "The Casting" einen jungen Army-Sergeant von den tödlichen Schüssen erzählen, die er versehentlich auf einen jungen Iraker abgegeben hat. Die Mexikanerin Natalia Almada schneidet in ihrem einstündigen Video "To the Other Side" O-Töne von aufgegriffenen mexikanischen Flüchtlingen und US-Grenzpatrouillen gegeneinander. Filmemacher Spike Lee ist mit einem Dokumentarfilm über die Zerstörung von New Orleans durch den Wirbelsturm Katrina vertreten.

Keine Trendshow für hochpreisige Frischware

Ansonsten aber sperrt sich die Kunst auf dieser Biennale gegen allzu eindeutige Versuche der Interpretation, der ideologischen oder ästhetischen Inanspruchnahme. Lässt man sich auf die Auswahl der beiden Kuratorinnen ein, bestimmen Heterogenität, fragmentarische Ansätze und gebrochene Wirklichkeiten die aktuelle Szene. Galerie- und sammlerkompatible Medien wie Malerei und Fotografie führen hier - vielleicht zu Recht - ein Schattendasein. Die Begehrlichkeiten des Kunstmarktes, die Biennale zur Trendshow für hochpreisige Frischware zu machen, umschiffen die Kuratorinnen elegant. Lediglich ein paar prominente Namen wie John Baldessari, Karen Kilimnik oder Matt Mullican sind vertreten.

Dafür herrscht an jüngeren Aufsteigern kein Mangel: Phoebe Washburn - sie war zuletzt auch mit einer Installation in der Deutschen Guggenheim Berlin zu sehen - zeigt eine komplizierte, ökologisch aber sinnlose Apparatur zur Chrysanthemen-Produktion. Die aus Argentinien stammende Mika Rottenberg verwebt in ihrem auf einem Bauernhof spielenden Video "Cheese" die Märchenwelt von Rapunzel mit der Hippie-Utopie der autonomen Selbstversorgung. Beides eher spielerisch-humorvolle Arbeiten, die ohne den erhobenen Zeigefinger der Ökoaktivisten auskommen.

Die großen Probleme unserer Zeit als hübsch-ästhetische Spielereien? Hat die Kunst ihren kritischen Stachel verloren? Henriette Huldisch, die aus Deutschland stammende Co-Kuratorin der Schau, sieht das entspannt: "In einer Zeit, in der zeitgenössische Kunst offenbar überhaupt keine Feinde mehr hat, überrascht das nicht weiter", sagt sie. "Allzu oppositionell vorgetragene Gesten laufen doch heute Gefahr, zur reinen Selbstvergewisserung zu verkümmern. So, als würde man sich ständig selbst auf die Schulter klopfen."


"Whitney Bienniale 2008", 6. März bis 1. Juni 2008 im Whitney Museum, New York; 6. März bis 23. März in der Park Avenue Armory, New York.



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