Newseum in Washington Journalismus, ein Helden-Geschäft

Diesen Freitag eröffnet in Washington das Newseum, das größte Medienmuseum der Welt. Es ist eine selbstverliebte Hommage an die goldenen Zeiten des US-Journalismus - die kritische Reflektionen oder den Blick in die Zukunft lieber vermeidet.

Von , Washington


Es ist gar nicht mehr so einfach, sich den Journalisten als einen glücklichen Menschen vorzustellen. Zumindest keinen, der selbst noch Zeitungen liest. Eine kleine Auswahl aktueller Schlagzeilen, allein in den USA: 111 Stellen weniger beim Magazin-Flaggschiff "Newsweek"! Die ehrwürdige "New York Times" im Würgegriff von Finanzinvestoren! Mehr Jugendliche sammeln ihre Informationen in Satire-Programmen wie der "Daily Show" als in Nachrichtensendungen!



Und wie war das noch mal mit dem Respekt? Bill Clinton ist gerade im Wahlkampf einer CNN-Reporterin fast ins Gesicht gesprungen: Journalisten ginge es heute nur noch um oberflächliche Information, schäumte Clinton. "Ihr solltet euch schämen!", sagte der Ex-Präsident.

Ein rauer Wind also für Medienmacher. Aber dann steht der Journalist in der Eingangshalle des Newseums in Washington und er weiß: Alles ist gut.

Schluss mit Schämen

Das liegt nicht nur am Gebäude. 450 Millionen Dollar teurer, edler Stein, beste Lage in der Hauptstadt; der Dachterrasse liegt das Capitol zu Füßen. Viel wichtiger aber: Hier im Newseum ist es vorbei mit dem Schämen. Hier ist es wieder eine Ehre, Journalist zu sein. Oder zumindest: US-Journalist.

Denn die sind in diesem Museum die unbestrittenen Helden. Sie berichten mutig im Zweiten Weltkrieg vom Dach Londoner Hörfunkgebäude, während ringsum deutsche Bomben einschlagen - wie Radiolegende Edward Murrow.

Sie schleichen sich in Irrenhäuser ein und entlarven schreiendes Unrecht - wie Elizabeth Cochrane, eine der investigativen Pionierinnen des 20. Jahrhunderts. Sie stürzen mit ihren Enthüllungen Präsidenten, berichten aus dem Dschungel in Vietnam, stehen live vor brennenden Gebäuden in Bagdad. Sie sterben für die Nachrichten (eine Ahnengalerie ist Journalisten gewidmet, die bei der Recherche umkamen).

Und irgendwie bringen sie zwischendurch noch die Berliner Mauer zu Fall. Zumindest entsteht dieser Eindruck, weil das Museum in der "Berlin Gallery" über den 9. November 1989 ein gewaltiges Original-Stück der Grenze samt Wachturm aufgebaut hat – und der Bericht zu den Ereignissen vor allem um die eitlen Erinnerungen der US-Nachrichtenlegende Tom Brokaw ("Live from Berlin") kreist.

Das ist alles auf sechs Stockwerken höchst amüsant anzuschauen und anzufassen. "Interaktiv" sollte das Museum sein, erklärt Vize-Direktorin Susan Bennett. Also bekommen die Zuschauer in einem der Kinos schicke 3-D-Brillen verpasst – und die Fliegerbomben, denen Murrow trotzt, rütteln sie so fast aus dem Sitz.

Ein TV-Helikopter hängt von der Decke der Eingangshalle. Der mit Einschusslöchern übersäte Wagen ist zu bestaunen, in dem sich "Time"-Reporter ins umkämpfte Sarajevo wagten. In virtuellen Fernsehstudios dürfen Besucher als TV-Anchor posieren. Auf Bildschirmen können Kinder eine heiße Story im Zirkus recherchieren.

Skandale? Im Seitenflügel

Nur: Das Museum soll nicht nur ein sechsstöckiges Motivationszentrum für Journalisten sein. "Besucher kommen als Touristen nach Washington. Aber wenn sie das Newseum besucht haben, gehen sie als wohlinformierte Bürger", behauptet das Motto in der Eingangshalle. Das ist ein Zitat von Al Neuharth. Der Gründer der knallbunten Zeitung "USA Today" hat mit seinem "Freedom Forum" den Bau des Journalismus-Tempels vorangetrieben – der bis vor fünf Jahren in weit kleinerer Form schon in Virginia residierte.

Nicht ohne Ironie, denn manche Medienbeobachter werfen Neuharth vor, mit dem Häppchen- und Grafikjournalismus von "USA Today" den Niedergang der US-Printmedien beschleunigt zu haben.

Bürgerbildung also? Tja, unter diesem Gesichtspunkt ist dann vielleicht doch nicht alles gut im Newseum. Denn das ist seltsam altmodisch. Eingefroren in einer sehr übersichtlichen Medien-Epoche mit meist kettenrauchenden und trinkfesten Heldenfiguren. Einer Zeit lange vor YouTube und MySpace. Von einer Art Heiligenschein umleuchtet – als hätten die Skandale gerade der US-Medien in jüngerer Zeit gar keine Spuren hinterlassen.

So ziehen sich die Widersprüche quer durch die Ausstellung: Die Geschichte des Journalismus wird mit Ausstellungsstücken bis zum 13. Jahrhundert vor Christus dokumentiert. Doch die sogenannte digitale Revolution, die von Kabel-Schreishows bis zu Handy-Reportern manche traditionellen Medien bald schon selbst zu Museumsstücken degradieren könnte, ist weitgehend in einen unscheinbaren Seitenflügel verbannt.

Mangel an Selbstkritik

Die "New York Times"-Verlegerfamilie feiert sich im von ihr gesponserten Eingangssaal. Eine ganze Wand zeigt Schlagzeilen aus aller Welt am Tag nach dem 11. September. Doch die Geschichte der "Times"-Reporterin Judith Miller, die in den Jahren danach Massenvernichtungswaffen im Irak herbeischrieb, ist in einer fast schamvoll Galerie versteckt.

In einer "Ethikecke" können Besucher zu kniffligen Gewissensfragen abstimmen. Ob sie Fotos einer Exekution veröffentlichen würden? Oder eine Geschichte über fehlerhafte Schutzwesten drucken, obwohl das Militär dagegen Sturm läuft? Doch abstimmen über die Folgen der Beherrschung vieler Zeitungen und Sender durch anonyme Konglomerate und die Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen kann man nicht.

Denn die sind ja auch Sponsoren. Fast alle führenden US-Medienfirmen haben Millionen Dollar für den Bau gespendet. Sie haben dem Museum auch hochmoderne Radio- und TV-Studios spendiert, aus denen künftig live gesendet wird.

In einem von ihnen sitzt am Besuchstag die Reporterin Dana Priest von der "Washington Post". Die hat am Vortag ihren zweiten Pulitzer-Preis gewonnen - für Enthüllungen über die Missstände in einem Krankenhaus für US-Veteranen. Priest spricht konzentriert, sie hat monatelang an der Geschichte recherchiert, sich nie einschüchtern lassen.

Ihr Auftritt tut vielleicht mehr für das Selbstbewusstsein von Journalisten als alle Museumssäle zusammen.



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