Nico-Ausstellung in Köln Teutonischer Vamp der Pop-Ära

Gleich in drei Rollen brillierte Nico – als Model, Schauspielerin und Sängerin. Ein Kölner Museum widmet Andy Warhols berühmter Muse aus Deutschland jetzt eine Schau und zeichnet das exzessive Leben einer Frau nach, die nichts bereute - außer, nicht als Mann geboren worden zu sein.


Kess sitzt sie da, auf dem Tisch in einer Pariser Dachwohnung. Sie trägt nichts als einen burschikosen Kurzhaarschnitt, eine schwarze Strumpfhose und eine Zigarette in der Hand. Mit wachem Blick und einem kaum merklichen Lächeln schaut sie über ihre Schulter in die Kamera des später berühmten Mode- und Aktfotografen Jeanloup Sieff.

18 Jahre alt ist Nico damals, 1956. Sie ist schön, sehr groß und sehr blond. Und sie hat noch viel vor sich. Ihre Modelkarriere wird sie nach New York bringen, wo Andy Warhol die als Christa Päffgen in Köln geborene Deutsche für seine Factory und seine Filme entdecken wird. Und sie wird als die geheimnisvolle Sängerin mit der tiefen Stimme, dem zerdehnten Gesang und der kühl-düsteren, nihilistischen Attitüde bekannt werden.

Allen drei Rollen Nicos – der des Models, der Schauspielerin und der Sängerin – spürt jetzt eine Ausstellung im Kölner Museum für Angewandte Kunst nach. Sie zeigt Nico in Aufnahmen von Sieff, auf Covern von "Stern" und "Twen", als Model für "Elle" und "Vogue". Die Schau dokumentiert ihren Auftritt in Fellinis "La dolce vita", inszeniert Warhols Filme in aufwändiger Präsentation, lässt Nicos Songs per Audioguide in die Besucher einsickern und endet mit einem Interview, das entstand, kurz bevor sie 1988 an den Folgen eines Fahrradunfalls starb.

Nico war mit ihrem blonden Schopf, mit ihren eisblauen Augen und ihrem kühlen Gehabe der teutonische Vamp der Pop-Ära. Sie hatte einen Sohn mit Alain Delon. Sie hatte Affären mit Bob Dylan, Brian Jones (Rolling Stones), Lou Reed, Jim Morrison (Doors), Jackson Browne und Jimi Hendrix. Dabei gab sie sich nie aufgekratzt sexy. Meist zog sich "classy", also sportlich-elegant an; trug fast immer Hosenanzüge. Und sehr viel Schwarz.

Ihr Lächeln, so sagt man, war fast kindlich. Und sie lachte viel und laut. Statt aber viel zu sagen, hüllte sie sich gern in bedeutungsschwangeres Schweigen. Vielleicht, weil sie meinte, den Bildern ihrer Schönheit nicht entsprechen zu können.

Und doch fand sie ihre Stimme. Dylan schrieb ihr einen Song. Brian Jones half, ihre erste Single zu produzieren. Und Warhol machte seine "Mondgöttin" zur Sängerin bei der Avantgarde-Band The Velvet Underground und zum Glamour-Wesen seines Multimedia-Happenings "Exploding Plastic Inevitable".

Für das erste Album von Velvet Underground entwarf Warhol das berühmte Cover mit der Banane zum Schälen. Die LP zeigte Sinn für "die Schönheit des Hässlichen und morbide Lyrik" ("Rolling Stone"). Sie gilt heute als Meilenstein der Rockgeschichte. Für den Mainstream der Flower-Power-Zeit aber war sie zu düster, zu untergangsselig. Allenfalls das von Nico geröhrte "All Tomorrow's Parties" machte Karriere als eine Art Nachtschwärmer-Hymne.

Den Summer of Love 1967 verbrachte Nico mit Jim Morrison. Gemeinsam fuhren sie nach Los Angeles und in die Wüste. Sie aßen den Drogen-Kaktus Peyote und tauschten ihre psychedelischen Eingebungen aus. Morrison las Nico Shelley und Blake vor und ermutigte sie, ihre eigenen Songs zu schreiben.

Das gelang ihr, als sie mit dem Harmonium ihr ureigenstes Begleitinstrument entdecke. Zwischen 1969 und 1974 entstanden so ihre besten Alben. Sie, die gern Nietzsches "Jenseits von Gut und Böse" mit sich herumtrug, aber Kerouacs "On the Road" nicht durchgelesen hatte ("zu viele Worte"), konnte zwar nicht wirklich gut singen, aber sie hatte eine einzigartige Stimme. Und ein feines Gespür für unerhörte, experimentelle Klänge, schräge Töne und den Nachhall der dunklen deutschen Geschichte in ihrem tiefen, schwermütigen und metallischen Gesang.

Selbstzerstörung und Todessehnsucht

Dabei war Nico keine verklärungswürdige Lichtgestalt. Sie konnte "verspielt und süß" sein, so beschrieb sie Jackson Browne. Oft aber benahm sie sich divenhaft ungezogen, war mürrisch und bitter. Und da waren die Drogen. Es begann in ihrer Pariser Model-Zeit. Zuerst mit Cannabis, dann LSD und Kokain. In New York kam Amphetamin dazu, das ihren Appetit drosseln sollte. Später geriet sie ans Heroin und wurde in den Siebzigern zum Junkie.

Zwangsläufig zerstörten die Drogen ihre Gesundheit und ihren Ausdruck. Späte Porträtfotos zeigen ihren vom Heroin ausgelöschten Blick mit den stecknadelgroßen Pupillen. Ihr Hang zu Selbstzerstörung und Todessehnsucht hatte sicher auch damit zu tun, dass sie nicht sein wollte, was sie für andere meist zuallererst war: eine außerordentlich schöne Frau.

"Ich bedaure nichts", sagte sie 1986 in einem Interview, "außer dass ich als Frau und nicht als Mann geboren wurde."

Nicht ganz klar macht die Kölner Schau, worin sie die heutige Bedeutung ihrer Protagonistin sieht. Als Anlass reicht ihr, dass Nico in diesem Herbst 70 Jahre alt geworden wäre. Aber vielleicht erübrigt sich die Frage. Denn der eigentümliche Stil ihrer Erscheinung, die hypnotisierende Schwere ihrer Melodien und die düstere Poesie ihrer Songs sind bis heute erstaunlich wenig gealtert.


"Nico – Stationen einer Pop-Ikone", Museum für Angewandte Kunst, Köln, bis zum 1. Februar 2009



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