Münchner Kammerspiele Shakespeare im Conchita-Wurst-Look

Kein einfacher Start: Nicolas Stemann eröffnet die neue Intendanz an den Münchner Kammerspielen mit einem Klassiker, der in Verruf geraten ist - Shakespeares "Kaufmann von Venedig". Erstaunlich, was er an Erfahrungen in das Stück schmuggelt.

David Baltzer

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Nicolas Stemann ist der Theatermann, der unspielbare Texte spielbar macht, vor allem und immer wieder die Texte von Elfriede Jelinek: keine Theaterstücke im klassischen Sinne, sondern Textfluten ohne Figuren und ohne Handlung, ohne Sinn und doch mit wahnsinnig viel Verstand. Wörter-Lawinen, die größer und größer werden, weil sie jede Assoziation, die ihnen unterwegs begegnet, mit sich reißen. Sprachgewitter voller Wortspiele und Witzeleien und Wiederholungen.

Wenn Stemann sich dieser Texte in den vergangenen Jahren annahm, in Wien und Hamburg und Köln, dann blitzte und donnerte es auch auf den Bühnen - und in die Zuschauerräume flogen Funken der Erkenntnis. So wie bei keinem anderen Jelinek-Regisseur.

Mit einem unspielbaren Text hat Stemann es nun auch an den Münchner Kammerspielen zu tun, aber auf eine völlig andere Art. Zum Start der Intendanz von Matthias Lilienthal, einem der Theaterereignisse der Saison, inszeniert er Shakespeares sogenannte Komödie "Der Kaufmann von Venedig": ein Stück, bei dem die Experten seit vielen Jahrzehnten streiten, ob es ein Stück über Antisemiten ist oder ein antisemitisches Stück. Vermutlich stimmt beides.

Grelle Stereotype

Shakespeare schreibt über den großherzigen Kaufmann Antonio, einen Christen, der seinem Freund Bassanio gerne die Brautschau finanzieren will, aber gerade nicht flüssig ist. Er pumpt den hartherzigen Juden Shylock an, einen zinstreibenden Finanzkapitalisten. Shylock gibt ihm 3000 Dukaten, ausnahmsweise sogar ohne Zinsen, dafür aber mit einer Bedingung: Zahlt Antonio ihm das Geld nicht fristgerecht zurück, hat er Anspruch auf "ein Pfund Fleisch" aus Antonios Körper. Ein Recht, auf das Shylock am Ende gnadenlos besteht.

Wer das heute liest, zuckt zusammen. Auch wenn die Hartherzigkeit des Juden eine Geschichte hat: den Hass und den Spott, dem er in Venedig jahrelang ausgesetzt war, auch und gerade von Antonio. Shakespeares Stück zeigt, was aus Ausgrenzung folgen kann. Bloß zeigt es das leider anhand greller Stereotype.

Findet Stemann einen Regiezugriff, mit dem er das Stück in unsere Zeit zurückholen, es wieder spielbar machen kann?

Die Bühne von Katrin Nottrodt ist zunächst ein karges Großraumbüro: ein paar Schreibtische mit Laptops, davor Bürostühle, drumherum Trennwände. Am Rand steht ein Flipchart, von der Decke hängen Flachbildschirme. Dort läuft der Text, den die Schauspieler sprechen, weiß auf schwarz mit.

Es sind nur sechs Schauspieler für etwa 20 Rollen. Mal spricht einer den Text mehrerer Figuren alleine hintereinander weg, mal wechseln die Schauspieler satzweise mitten im Text einer Figur. Manchmal singen sie, immer wieder sprechen alle gemeinsam im Chor. Es ist eine Technik, um auf Distanz zum Text zu gehen - verstärkt dadurch, dass der Text inklusive der korrekten Sprecherrollen stets über den Köpfen zu sehen ist.

Auf der Bühne zerfließen die Figuren und ihre Texte immer wieder ineinander, fast wie in einem Jelinek-Text. Shakespeare goes Textfläche.

Dass es keine klare Zuordnung gibt zwischen Schauspieler und Figur, bedeutet natürlich auch: Es gibt keine klare Zuordnung von Moral und Unmoral. Die Akteure auf der Bühne und wir im Saal sind mal dies und mal das: mal der Jude und mal der Christ, mal der Ungerechte und mal der Selbstgerechte.

"Charlie Hebdo" und das Hakenkreuz

Auf einem Flachbildschirm am Rand sind die ganze Zeit der aktuelle Akt und die Szene eingeblendet. Vermutlich eher nicht, weil es die Chance für all jene steigert, die im Reclam-Heft mitlesen wollen (in den Kammerspielen soll es solche Abonnenten-Generationen ja noch geben). Sondern eher, weil es den Proben-Charakter der Inszenierung steigert. Für den ist Stemann bekannt: Seine Inszenierungen wirken nie ganz fertig - und oft sind sie es auch nicht.

In den besten Momenten sieht der Zuschauer kein Stück, sondern er sieht, wie sich der Regisseur und die Schauspieler in ihrer Text-Werkstatt zu diesem Stück verhalten. Welche Assoziationen ihnen durch die Rübe rauschen.

Auch in München gibt es solche Momente. Da wirkt die Shakespeare-Inszenierung plötzlich so assoziativ wie ein Jelinek-Abend, da verschiebt sich der Sinn mal hierhin und mal dorthin.

Shakespeare hat Komödie über sein Stück geschrieben, so wie die "Charlie-Hebdo"-Redakteure Satire über ihre islamkritischen Karikaturen. In einer Szene wedelt der Schauspieler Bormann mit eben diesen Karikaturen und brüllt dazu in ein Megaphon: "Das hier ist eine Komödie. Da lacht man." Kurz darauf ballert er auf der Großraumbüro-Bühne herum, so wie die Attentäter in Paris.

In einer anderen Szene vergröbert Bormann die ohnehin groben Figuren Shakespeares noch einmal, bis sie zu Fratzen entstellt sind: "Hier spricht der heilige Antonio", sagt er, "ich habe die Bibel gefressen". Und: "So sind sie die Juden, sie wollen Dein Herz". Kurz darauf marschiert er mit Hakenkreuz-Armbinde und SS-Mütze auf; in der Nazizeit war der "Kaufmann von Venedig" sehr beliebt.

Stemann gibt dem Zitate-Karussell immer wieder einen kräftigen Schubs, lässt die Schauspieler "Eye of the Tiger" von Survivor singen und "Liebe ohne Leiden" von Udo Jürgens, entwirft dazu Szenen irgendwo zwischen Rocky-Horror-Picture-Show, schwuler Fetisch-Party und Kölner-Südstadt-Karneval. Den Schauspieler Hassan Akkouch, geboren im Libanon, lässt er wiederholt auf Arabisch spielen - und lässt diese Szenen, als einzige des Abends, nicht übertiteln. Später wird Akkouch im Conchita-Wurst-Look auf der Bühne stehen.

Stemann schmuggelt auf diese Weise auch andere Ausgrenzungs-Erfahrungen in das Stück ein. Am Ende aber fehlt seinem Abend die Konsequenz, der klare Zugriff, eine inhaltliche oder auch nur eine formale Leitidee. Stemann tippt mal diese Idee an und mal jene, zupft mal hier und mal dort, so wie er es bei seinen Jelinek-Abenden tut. Doch während es ihm dort mit seiner Methode gelingt, die Texte bis zur Kenntlichkeit zu entstellen, rächt sich die offene Form hier. Stemann macht Shakespeares heikle Vorlage nicht nur unschädlich, sondern zu oft auch unkenntlich.


Williams Shakespeare: "Der Kaufmann von Venedig": Inszenierung von Nicolas Stemann an den Münchner Kammerspielen. Nächste Vorstellungen 15., 22. und 23. Oktober sowie 8., 15. und 24. November.

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
bradypick 10.10.2015
1.
Wenn man die Beschreibung liest, bekommt man richtig Lust sich das mal anzuschauen, oder vielleicht doch nicht... Auf jeden Fall hat der Herr Stemann sicherlich gute Aussichten auf weitere Subventionen und eingeladen zu werden als "Künstler" und "Experte" bei einer TV Talkshow zum Thema Antisemitismus.
syssifus 10.10.2015
2. Affentheater
Armer Shakespeare,so hat der sich das bestimmt nicht vorgestellt,der Zuschauer erst recht nicht.Ein Werk derart zu verhunzen, müsste verboten werden.
steppenrocker 10.10.2015
3. Sieht leider schlecht aus
In den Jahren 2001 bis 2009 waren die Münchner Kammerspiele unter der Intendanz von Frank Baumbauer das beste Theater Deutschlands. Es gab unglaubliche Stücke von Regisseuren wie Andreas Kriegenburg oder Luc Perceval, die provozierend und frisch waren, z.B. Percevals Othello-Version oder Kriegenburgs Inszenierung von Kafkas Prozeß. In den letzten fünf Jahren unter Johan Simons war die Kammerspiele dann meist unerträglich, nicht nur, aber auch wegen der grausamen Jelinek-Inszenierungen. Textflächentheater ist fürchterlich, Figuren spielen dabei keine Rolle mehr. Dabei ist es egal, wer sich daran versucht - auch Karin Beiers hochgelobte Kölner Inszenierung von Das Werk/Im Bus/ein Sturz war nur gehypte Langeweile. Dass die Kammerspiele unter Matthias Lilienthal nun weiter auf diese Schiene setzen, ist bedauerlich. Niemand kann mir weismachen, dass dieses penetrante Auf-die-Zuschauer-Einreden von den selbigen differenziert wahrgenommen werden kann. Warum man dann auch noch aus Shakespeare eine Textfläche machen muss, erschließt sich mir nicht. Dann auch in Zukunft lieber auf die andere Straßenseite - ins Residenztheater, wo Martin Kusej als Intendant zwar auch nicht immer glänzt, aber manchmal findet man doch noch etwas Interessantes.
hwdtrier 10.10.2015
4. Ein Regisseur soll
das Spielen lassen was der Autor schrieb. Ist es ein gutes Drama dann ist es zu allem Zeiten in der Originalform verständlich. KeineVerschlimmbesserung durch Regisseure!!! Gefällt ihm aber das Original nicht dann soll er es selbst neu schreiben. Aus Romeo und Julia die WestSidestory zu machen ist okay nicht aber die Machwerke der Regisseure.
pacificwanderer 12.10.2015
5. Habe gerade in Stratford
auch einen 'Regisseur-empfundenen' Merchant erlebt. Schade um die Zeit. Die selbsternannten Interpretierer verlieren die eigentliche Aussage des Dramatikers aus den Augen. Politgewaesch habe wir genuegend im BT und in der Presse.
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