Niedergang der Alpen "Eine völlig durchrationalisierte Party-Industrie"

Er nennt es den Auffahrunfall zweier Kulturen: Lois Hechenblaikner zeigt in Foto-Gegenüberstellungen, wie der Tourismus die Alpen verändert - und beklagt einen kulturellen Selbstzerstörungsprozess.

Ein Interview von Nils Klawitter

Lois Hechenblaikner/ Steidl

Zur Person
  • G. Chesi
    Lois Hechenblaikner, geboren 1958 in Tirol, beschäftigt sich als Fotokünstler mit der Zerstörung der Alpen durch den Massentourismus und die Vergnügungsindustrie. Sein neues Fotobuch "Hinter den Bergen" ist im Steidl-Verlag erschienen.
SPIEGEL ONLINE: Herr Hechenblaikner, was ist aus den Alpen geworden?

Hechenblaikner: Die Alpen waren lange eine extrem karge Lebenswelt, eine Landschaft, der nur unter enormen Anstrengungen Brot abzuringen war. Dort zu wirtschaften, war Schwerstarbeit. Genießen konnten die Einheimischen die Idylle kaum. Der Genuss kam als Import, mit den ersten Touristen vor hundert Jahren und der touristischen Rushhour, die das deutsche Wirtschaftswunder brachte.

SPIEGEL ONLINE: Aber der touristische Extremismus hielt sich damals noch in Grenzen?

Hechenblaikner: Ja, es brauchte nicht viel Schnickschnack damals, nicht mal Prospekte. Die Berge waren das, was Ökonomen einen Nachfragemarkt nennen: Die Leute haben um Betten gebettelt. Ich weiß noch, wie sie meine Mutter vor unserer Pension im Alpbachtal anflehten. Manche Vermieter haben Weihnachtsgäste sogar in ihrer kleinen Sauna verstaut. Relativ schnell war dann vielen klar: Da liegt die Zukunft. Die Landwirtschaft hatte ausgedient.

SPIEGEL ONLINE: Nur Wandern und die restlichen Kühe bestaunen wurde dann aber schnell langweilig.

Hechenblaikner: Genau - und deswegen kam zum Sommer- der Wintertourismus, der bald viel lukrativer war. Und dann ist der Urlauber von den Tourismusstrategen quasi unterteilt und mit Spezialangeboten geködert worden: Jungen Vätern etwa schwirrt ja heute der Kopf, die können einerseits ins Familienskigebiet, dann gibt's aber auch die Partydestinationen, wo die alten Kumpels hinwollen, oder solche Orte, wo sie endlich mal Snowboardkiten lernen könnten. An Angeboten ist aus den Bergen viel herausgeschält worden.

SPIEGEL ONLINE: Zu viel womöglich, wie Ihre Gegenüberstellungen zeigen?

Hechenblaikner: Die zeigen einen Auffahrunfall zweier Lebenskulturen in den Alpen. Die herkömmlich gewachsene auf der einen Seite. Das war der landwirtschaftliche Kultivierungsprozess, mit dem der Mensch der Natur seine Existenz abgerungen hat. Das war Kampf und Entbehrung. In dieser Welt gab es keinen Akkumulierungswahn. Reichtum anzuhäufen war unmöglich.

SPIEGEL ONLINE: Und dann platzte in diese Welt die Moderne?

Hechenblaikner: Die Gegenüberstellungen halten genau diese Irritation fest. Formal sieht man als Erstes eine Ähnlichkeit. Dann merkst du: Da stimmt was nicht.

SPIEGEL ONLINE: Das Schwein auf dem Grill und die nackte Frau auf der Massagebank...

Hechenblaikner: ...ist so ein Beispiel. Die klassischen Schwarz-Weiß-Bilder der linken Buchseiten sind unangreifbar. Bei den rechten passt was nicht, da kippt was. Es geht auch um die Vulgarität, die da ins Spiel kommt. Um einen kulturellen Selbstzerstörungsprozess.

SPIEGEL ONLINE: Was hat diese touristische Penetranz aus den Einheimischen gemacht?

Hechenblaikner: Wir sind Getriebene geworden. Getriebene einer Vergnügungsindustrie, mit der schwer Schritt zu halten ist, wenn man sich auf sie einlässt. Der heutige Gast ist ein Konsumnomade - und der Wirt muss sein Produkt ständig nachjustieren. Jedes Jahr kommt der Kunde und fragt: Was gibt's Neues? Mir sagte ein Hotelier am Achensee vor Kurzem: "Wir wissen ja nimma, was ma tun sollen für die Gäst!" Für viel Geld hatte der einen Springbrunnen vor sein Hotel bauen lassen. Der spuckte Wasser - synchron zu klassischer Musik. Tourismus ist ein verdammt dünnes Eis, weil er ein Wohlstandsphänomen ist. Jede Wirtschaftskrise in Deutschland lässt uns zittern.

SPIEGEL ONLINE: Dünn scheint auch die Luft ganz oben zu werden, in den vermeintlichen Top-Destinationen wie St. Anton oder dem Partyrevier Ischgl. Können die überhaupt noch draufsatteln?

Hechenblaikner: Als Nächstes kommt, dass alle nackt oben rumlaufen und zum spirituellen Herdenvögeln geläutet wird. Der Nährboden ist ja längst bereitet: Der Gast zahlt, und er darf hausen, wie er will.

SPIEGEL ONLINE: Täuscht es oder sind diese geplant herbeigeführten Ausnahmezustände Kalkül der Tourismus-Wirtschaft?

Hechenblaikner: Es sind längst Produkte kreiert worden, die ohne Ausnahmezustand gar nicht funktionieren. St. Anton, Sölden oder Ischgl entblößen sich doch ganz offen als Partyhauptstädte der Alpen. Mitunter haben die Vermieter schon Angst, wenn die Gäste abends nach Hause kommen, viele sind völlig außer sich.

SPIEGEL ONLINE: Die Verfassung vieler Skitouristen haben Sie fotografisch festgehalten: Die Menschen ziehen sich aus, manche haben sogar Sexpuppen dabei. Ein Heer von Servicekräften muss Berge von Müll zusammenkehren. Die Idylle scheint Schaden zu nehmen.

Hechenblaikner: Ich bin da innerlich schockiert, auch traurig. Aber ich muss die Maske des Clowns aufsetzen und da durch. Ich halte ja Dinge fest, die verdrängt oder als kleine Ausrutscher belächelt werden.

SPIEGEL ONLINE: Im Zillertal wurde eine Ausstellung mit Ihren Fotos untersagt, warum?

Hechenblaikner: Ich habe da Massenauftriebe festgehalten. Zehntausende, die zu einer pseudo-folkloristischen Musikantentruppe pilgern, die sich Schürzenjäger nennen. Das war dem Bürgermeister und dem Tourismusobmann zu viel.

SPIEGEL ONLINE: Und der Grund?

Hechenblaikner: Den hab ich dem Bürgermeister in einem anschließenden Fernsehduell selbst erklärt. Der Eintritt der Ausstellung wäre umsonst gewesen, es wären keine Bilder verkauft worden. Damit konnten die nicht umgehen. Hätte die Ausstellung einen ähnlichen Umsatz gebracht wie das Live-Ereignis, wäre ich sofort deren Partner gewesen. Ich hab' ja versucht, die Gehirngeometrie dieser Leute zu verstehen, aber ich pack's bis heute nicht. Diese Bilder, wo die Bauern mit alten Rechen auf die Felder gehen, um den Müll der Massen zusammenzukehren - das schmerzt.

SPIEGEL ONLINE: Wie heuchlerisch sind wir, wenn wir bei der Vorstellung der Alpen immer noch das Klischee des Naturparadieses im Kopf haben?

Hechenblaikner: Nicht sehr heuchlerisch, denn es sind ja Heerscharen von Fotografen ausgezogen, die uns diese Idylle immer wieder vorgesetzt haben. Bis heute werden sie von den Touristikern losgeschickt, um die Bilder der archaischen Bergbauernwelt einzufangen. Das ist eine Form von fotografischer Zuhälterei. Das schöne Bild, diese Eindimensionalität, hat mich schon früh nicht mehr interessiert. Nachdem die Idylle nämlich immer mehr zerstört wurde, hab' ich es als meine Aufgabe gesehen, die visuellen Störzonen zu fotografieren.

SPIEGEL ONLINE: Ziemlich störanfällig scheinen die Almhütten, warum haben die Sie so beschäftigt?

Hechenblaikner: Die Almhütte ist die Ikone der jahrhundertealten Bergbauernkultur. Und die Touristiker haben verstanden, dass die sich vermarkten lässt. Sie haben die Almhütten runtergezerrt ins Tal, sie dort mit Beton verstärkt, mit alpiner Jodljauche beschallt und diese Kulissen dann wie Goldgräber ausgehöhlt.

SPIEGEL ONLINE: Lässt sich das fotografisch belegen?

Hechenblaikner: Sehr gut sogar - in den Hüttenkellern. Da endet die Gemütlichkeit. Da sind die Schläuche der alkoholischen Hightech-Anlagen verlegt. Es sieht dort aus wie auf der Intensivstation eines Krankenhauses. Dort ist die Quelle einer völlig durchrationalisierten Party-Industrie - und oben ruft ein lederbehoster Synthetik-Tiroler: "Komm eini Sepp, trink' ma oans." Die Hütte, das ist das größte Kulturhurengut der Alpen.

SPIEGEL ONLINE: Bis Sie das richtige Bild haben, übernachten Sie teilweise tagelang im Wohnmobil, ziehen nächtelang durch die alpinen Abfüllstationen. Woher diese Leidensfähigkeit?

Hechenblaikner: Die Energie kommt wohl daher, dass ich lange massiv bekämpft wurde. Für manch regionale Zeitung, die fast jede Woche Inserate der Tourismusindustrie bekommt, waren meine Bilder ein Affront - auch weil sie deren Einseitigkeit entlarvten. Ohne diesen Widerstand hätte ich die Dinge wohl nie so rausdestillieren können.

SPIEGEL ONLINE: Und heute? Was haben die Alpen noch zu bieten?

Hechenblaikner: Zu bieten haben die immer was. Wenn du bei schönem Wetter oben auf einem schneebedeckten Berg stehst, dann hat das eine Kraft, der du dich nicht entziehen kannst. Das ist eine Naturgröße, die uns verkleinert und demütig werden lässt. Das ist Seelennahrung. Das ergreift sogar mich noch. Fast jeden Tag.

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insgesamt 113 Beiträge
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Seite 1
espet3 03.05.2015
1. Steht nicht in der Bibel:
Machet euch die Erde untertan - oder so ähnlich? Die Alpen gehören offensichtlich auch dazu.
Frittenbude 03.05.2015
2. Hysterie
Sicher kann man die Naturzerstörung durch den Tourismus diskutieren. Den geradezu hysterisch angeprangerten kulturellen Wandel kann ich als langjähriger Skitourist in Österreich (Hintertux) aber nicht beobachten. Sicher bemüht man sich dort um die Gäste, gerade auch was Angebote für Kinder angeht, aber außer Kontrolle wirkt das dort überhaupt nicht - da haben nach meinem Gefühl immer noch die einheimischen Hoteliers die Hosen an, nicht die Touristen. In anderen Gebieten mag das vielleicht anders sein, klingt für mich aber so doch ein wenig nach Panikmache.
phillyst 03.05.2015
3. Botschaft gelungen...
... Bilderserie leider nicht. Alles veränderte sich in der Zeit seit SW-Fotografie aktuell war. Die wirkliche Veränderung hat glaube ich eher in den letzten 20 Jahren stattgefunden, in denen Skifahren und Apres Ski zur Massenhysterie wurde.
SanchosPanza 03.05.2015
4. Überall
Diese Industrie findet heute fast überall statt, auch im Mittelmeerraum, auf Mykonos, Malle oder in Benidorm oder Bibione. Schade um die dort zerstörten ursprünglichen Kulturen und Landschaften.
goethestrasse 03.05.2015
5. Wie Sylt...
..alle betrauern den Verlust der Ursprünglichkeit, spielen aber trotzdem mit vollem Risiko mit.
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