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Niederlande: Fernsehsender foppt die Welt mit Nierenspender-Show

Die erste Organspende-Show der Welt: Alles nur ein Spiel mit der Empörung. Der niederländische Sender BNN strahlte die Sendung, die international Kritik provoziert hatte, am Freitagabend aus - und verkündete in letzter Minute, dass die angebliche Nierenspenderin eine Schauspielerin ist. Nur die drei Kranken sind echt.

Den Haag - "Wir werden hier keine Niere vergeben - das geht selbst uns zu weit." Mit diesem Satz enttarnte Moderator Patrick Lodiers am Abend im Fernsehsender BNN das Spiel. Die als todkranke "Lisa" präsentierte Frau, die angeblich einen Hirntumor habe, sei eine Schauspielerin. Die Enthüllung machte der Moderator erst, als sich die Frau für einen der drei Kandidaten als Empfänger ihrer Niere entscheiden sollte.

Man habe die Öffentlichkeit durch den Schwindel auf die prekäre Organspende-Situation hinweisen wollen, sagte der Moderator: "Wir wollten das Problem in den Fokus rücken. Das hat funktioniert." Die drei Kandidaten für die Spenderniere seien echte Kranke - und darüber informiert gewesen, dass in der Sendung nicht wirklich Organe vergeben werden sollten. "Wir wollten Aufmerksamkeit auf ihre Leben und ihre Probleme lenken." Lodiers forderte die Bürger auf, die Politiker zu fragen, wie sie die Organspende-Not in Holland lindern wollen. Während der Sendung konnten Zuschauer anrufen und ein Formular anfordern, das sie als zukünftigen Spender ausweist.

Die Ankündigung der Show hatte in den Niederlanden und ganz Europa heftige Diskussionen über moralische Standards in den Medien ausgelöst. Zuschauer sollten per SMS für einen Bewerber stimmen, der die Niere der Todkranken erhalten sollte, hatte der Fernsehsender BNN angekündigt. Die Frau werde dann mit dieser Empfehlung im Hintergrund entscheiden, wer von den drei Kandidaten ihre Niere bekomme.

Medienminister spricht von "sagenhaftem Trick"

Die Show folgte vor der Enttarnung des Schwindels dem bekannten Schema ähnlicher Reality-Sendungen. Filme zeigten das Leben der drei Kranken und Interviews mit Angehörigen. Die Kandidaten mussten Fragen über ihr Leben und ihre Einstellungen beantworten. "Lisa" selbst erläuterte ihre Entscheidung zur Organspende genau und erzählte von einem Freund, der an Nierenversagen gestorben sei. Zuschauer gaben per SMS ihre Stimmen für ihren Favoriten ab. In der nüchternen Atmosphäre eines kleinen Studios wurden ab und zu die Zwischenstände verkündet.

Die drei seit Jahren nierenkranken Kandidaten Esther-Claire (36), Vincent (19) und Charlotte (29) spielten bis zum Schluss überzeugend mit. Ihre in kurzen Filmen dargestellten Lebensgeschichten, die darin beschriebenen Einschränkungen im Leben, ihre Wünsche und Hoffnungen - das alles sei echt gewesen, sagten sie zum Schluss. Auch engste Angehörige und Freunde kamen zu Wort. Alle drei haben schon Transplantationen hinter sich, die aber nicht erfolgreich waren.

Medienminister Ronald Plasterk, der die Sendung vor einigen Tagen als "unangemessen und unethisch wegen des Wettbewerbselements" bezeichnet hatte, nannte den Scherz nach seiner Offenlegung einen "sagenhaften Trick". BNN habe einen "intelligenten Weg" gewählt, um Aufmerksamkeit auf den Mangel an Spenderorganen in den Niederlanden zu lenken.

"Ich denke, das war brillant, wirklich"

Die Patientin Caroline Klingers, die die Show in einem medizinischen Zentrum in Bussum verfolgte, lobte die "Grote Donor Show". "Ich denke, das war brillant, wirklich", sagte sie. "Es ist gut für die Publicity und es gibt keine Verlierer." Sie habe ohnehin nicht gedacht, dass die Transplantation tatsächlich stattfinde.

Neben Medienminister Plasterk hatte auch Gesundheitsminister Ab Klink die Sendung ethisch bedenklich genannt - ein Verbot lehnten beide Minister jedoch als unangemessene Zensur ab. Ein EU-Kommissionssprecher in Brüssel sprach mit Blick auf die Sendung von "ziemlich schlechtem Geschmack". Abgeordnete riefen die Regierung auf, die Sendung zu stoppen. Die niederländische Ärzteorganisation KNMG forderte ihre Mitglieder zum Boykott auf: Die von Endemol ("Big Brother") produzierte Sendung sei "geschmacklos und nicht hilfreich". Darüber, wer operiert werde, müssten Mediziner entscheiden und nicht die Produzenten des Senders BNN.

Auch in Deutschland gab es Kritik. "Diese Sendung ist das makabere Spiel um menschliche Not eines moralisch völlig verkommenen Medienproduzenten", sagte der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) verurteilte die Sendung vor der Ausstrahlung: "Ich halte das für makaber und auch für eine wirkliche Missachtung der Würde eines Kranken."

200 Menschen sterben jährlich wegen Spendermangel

BNN-Gründer Bart de Graaff war vor fünf Jahren gestorben, nachdem er jahrelang vergeblich auf eine Spenderniere gewartet hatte. Der Sender verteidigte die Show tagelang gegen die Kritik: Die Sendung sei geschmacklos und moralisch fragwürdig, "aber der enorme Spendermangel in Holland ist noch geschmackloser", sagte BNN-Chef Laurens Drillich.

Die Chance der drei Kandidaten, die Niere der todkranken "Lisa" zu erhalten, liege bei einem Drittel - das sei deutlich mehr als bei Patienten auf den offiziellen Wartelisten, teilte der Sender vor der Show mit. In den Niederlanden sterben jährlich 200 Menschen, weil sie nicht rechtzeitig eine Spenderniere erhalten. Die Wartezeit für ein lebensrettendes Organ beträgt in Deutschland im Schnitt 40 Monate.

plö/AFP/AP/dpa

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Nierenspenden-Show: Drei Kranke und eine Schauspielerin

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