Nietzsches Grab und die Braunkohle Also sprach der Baggerfahrer

Unter dem Grab des Philosophen Friedrich Nietzsche in Röcken bei Leipzig liegt Braunkohle – eventuell muss das Dorf weichen. Die Anwohner laufen Sturm. Der große Denker hätte die Bagger allerdings wohl willkommen geheißen.

Aus Röcken berichtet


Zerfallende Knochen überall. Die Gegend südwestlich von Leipzig nahe der Autobahn 9 Berlin-München ist gezeichnet vom Tod, und zwar nicht erst, seit Menschen mit 200 km/h schnellen Geschossen über den Asphalt heizen. Bei der Kleinstadt Lützen ruhen Soldaten des Schwedenkönigs Gustav Adolf – gefallen 1632 im 30-jährigen Krieg. Nur wenige Kilometer entfernt in Großgörschen haben im Jahr 1813 Tausende Franzosen, Preußen und Russen ihr Leben gelassen. Napoleons Armee kämpfte gegen die Truppen Blüchers und Wittgensteins.

Auch in der Gemeinde Röcken, gerade mal zwei Kilometer von Lützen entfernt, ist Geschichte beerdigt. Neben der Dorfkirche ruht in einer Gruft der Schädel des wohl wortgewaltigsten deutschen Philosophen: Friedrich Nietzsche. Der Verfasser von Werken wie "Also sprach Zarathustra", "Jenseits von Gut und Böse" und "Der Antichrist" wurde 1844 im 20 Meter entfernten Pfarrhaus geboren. Das Ensemble nimmt Besucher noch heute, mehr als 160 Jahre später, gefangen: der hübsche Garten mit alten Bäumen, das schlichte Pfarrhaus, über ein Holztor gelangt man zur malerischen, aus alten grauen Steinen erbauten Dorfkirche. Protestantische Romantik pur.

Aber die Idylle in Röcken ist bedroht – und mit ihr auch das kleine Nietzsche-Museum im einstigen Stall der Pfarrei. Denn die Mitteldeutsche Braukohlengesellschaft (Mibrag) führt schon seit mehreren Monaten Probebohrungen rund um den Geburtsort des Philosophen durch. Das Unternehmen betreibt derzeit in der Region zwei Tagebaue. Irgendwann sind diese leergeräumt – und dann muss neue Braunkohle her. So geriet Röcken, und mit ihm ein 8200 Hektar großes Gebiet bei Lützen in den Fokus der Mibrag.

Anwohner protestieren

Muss Nietzsche der Kohle weichen? "Nicht überall wo wir bohren, wird auch gebaggert", sagt die Mibrag-Sprecherin Elke Hagenau im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Größe des Erkundungsgebiets habe nichts mit der Größe des Tagebaus zu tun. Man sei noch in der Erkundungsphase. Konkrete Aussagen zum Tagebau und zu betroffenen Ortschaften könne man noch nicht treffen. Aber dass Röcken weichen muss, kann sie explizit nicht ausschließen.

Marlies Riedel, die Bürgermeisterin des Ortes mit knapp 200 Einwohnern, schätzt, dass die Chancen derzeit bei 50:50 stehen. Sie kämpft gegen die Mibrag-Pläne, im Ort hängen Protestschilder. "Ich hoffe, dass die erneuerbaren Energien bald so weit sind, dass die Kohle nicht mehr gebraucht wird", sagt sie im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Ihre Heimat Röcken müsse erhalten bleiben.

Auch Ralf Eichberg machen die Mibrag-Pläne wütend. Der 46-Jährige studierte in den achtziger Jahren im benachbarten Halle Philosophie. Heute ist er Geschäftsführer der Friedrich-Nietzsche-Gesellschaft, die in Naumburg ein Dokumentationszentrum für den Philosophen errichten will – direkt neben dem dortigen Nietzsche-Museum. Dass Röcken der Braunkohle weichen muss, hält er für "relativ wahrscheinlich". In der früheren DDR durchgeführte Bohrungen hätten Hinweise auf ertragreiche Kohleflöze unter dem Ort geliefert, sagt er zu SPIEGEL ONLINE, und womöglich würde dies bei den Bohrungen nun bestätigt.

Tabula Rasa machen

Die Vorstellung, dass der Geburtsort des weltweit geschätzten Denkers von der Landkarte verschwinden könnte, ist für Eichberg unerträglich. Ein Novum wäre die Vernichtung kulturhistorischen Erbes in Mitteldeutschland freilich nicht: 1968 ließ die SED in Leipzig die Paulinerkirche samt historischem Universitätsgebäude sprengen – aus ideologischen Gründen. Die Stadt Dresden ist derzeit drauf und dran, ihren Welterbe-Titel zu verspielen, damit Autofahrer künftig schneller die Elbseite wechseln können. Nietzsches Grab droht nun zum Fraß zu werden für riesige Bagger, die die Erde aufreißen und eine Mondlandschaft hinterlassen. Was wird als nächstes geschliffen?

Zumindest der Denker aus Röcken würde sich über derlei Kulturfrevel kaum aufregen. Hätten die PR-Fachleute der Mibrag seine Bücher gelesen, dann wüssten sie das auch und könnten ihn als Argumentationshilfe für ihr Baggerprojekt nutzen. Grab weg? Na und! Nietzsche hätte die immer näher kommenden Monstermaschinen wohl beklatscht. Dies legt zumindest seine philosophische Gedankenwelt nahe. Tabula rasa machen, das Überwinden des Alten, die Entwertung der Werte, damit Neues entstehen kann – ist das nicht auch eine Umschreibung dessen, was der Kohlekonzern plant?

Ganz ähnlich sieht das auch der Nietzsche-Experte Eichberg: "Es gibt bei Nietzsche eine gewisse Skepsis gegenüber dem Antiquarischen", sagt er. Dinge müssten dem Leben nützen. "Das rein Bewahrende, Antiquarische ist tote Materie - so auch sein Grab." Insofern hätte Nietzsche womöglich nichts dagegen gehabt, wenn sein Grab verschwindet, erklärt Eichberg.

"Er ist vielleicht Mittel zum Zweck"

Dies sei aber nur die halbe Wahrheit: "Röcken ist sehr wichtig für die Nietzsche-Rezeption", betont er. Das Dorf sei ein für das Verständnis seines Denkens, seiner Philosophie bedeutender Ort. Eichberg meint damit nicht nur das christliche Elternhaus, zum dem der Philosoph nach seinem Tod zurückkehrte, obwohl er sich vom christlichen Glauben längst abgewandt hatte. Das Grab macht auch die besondere Rolle seiner Schwester Elisabeth deutlich, die Nietzsches Texte auf eine Weise deutete und vermarktete, die dem Philosophen kaum gefallen hätte. Elisabeth ist direkt neben ihrem Bruder begraben.

Die mächtigen Mibrag-Bagger auf der einen Seite, Nietzsches Gedankenwelt auf der anderen – so könnte der Showdown Röcken in den kommenden Jahren ablaufen. Mit dem zweifellos größten Sohn des Dorfes können die meisten Bewohner heute allerdings nur wenig anfangen. "So richtig verehrt wird Nietzsche nicht", gesteht Bürgermeisterin Riedel. Nietzsche sei eben nicht gerade volkstümlich. Mit dem Schwedenkönig Gustav Adolf in Lützen sei das anders. "Der ist für die Lützener ein Held."

Die Bedeutung des Philosophen sei den Bürgern aber bewusst. Riedel bestreitet, dass sich die Röckener angesichts der Mibrag-Bohrungen plötzlich auf Nietzsche besinnen. "Er ist vielleicht Mittel zum Zweck. Aber dass wir ihn jetzt noch mehr verehren als vorher, ist Quatsch."

Wie geht es weiter in dem kleinen sachsen-anhaltinischen Dorf? Bis Ende Juni will die Mibrag bekanntgeben, was bei den Bohrungen nahe Lützen herausgekommen ist. Ralf Eichberg von der Nietzsche-Gesellschaft hat so seine Zweifel, ob der Denker im Geschacher um Kohlemengen und Abfindungszahlungen überhaupt eine Rolle spielt: Er habe mit einem Juristen des Wirtschaftministeriums Sachsen-Anhalt über Bergbaurecht gesprochen. "Wenn Röcken aus kulturhistorischer Gründen verschont bliebe, dann wäre das ein Novum in der deutschen Bergbaugeschichte."

Entscheidend wird letztlich die Profitabilität des Tagebaus sein. Und alte Kirchen kann man notfalls auch aufladen und an einen anderen Ort chauffieren, wenn die Proteste zu groß sind. Das hat die Mibrag schon einmal vorgemacht - im Oktober 2007. Damals wurde die romanische Emmauskirche aus dem sächsischen Heuersdorf mit Tiefladern ins sieben Kilometer entfernte Borna transportiert. Der Bau aus dem 13. Jahrhunderts ist alles, was von dem Dorf übrigbleiben wird. Der Rest wird der Braunkohle geopfert.

Korrektur: Der schwedische König Gustav Adolf ist nicht in Lützen begraben, dort erinnert eine Gedenkstätte mit Kapelle an ihn.



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Muffin Man, 31.03.2008
1.
Walter Benjamin hat einstmals den destruktiven Charakter (http://www.physiologus.de/charakter_d.htm) beschrieben: ---Zitat von Walter Benjamin--- Er hat wenig Bedürfnisse, und das wäre sein geringstes: zu wissen, was an Stelle des Zerstörten tritt. [...] Der destruktive Charakter sieht nichts Dauerndes. Aber eben darum sieht er überall Wege. ---Zitatende--- Und so sieht der destruktive Charakter jetzt eben ein Braunkohlevorkommen, das - bei den heutigen Weltmarktpreisen lohnt der Abbau gewisser Primärernergieträge wieder - gewinnbringend genug erscheint, es abzubauen, und die so gewonnene Schneise dann später zu renaturieren. Nun ist, darf man u.a. der Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%B6cken) glauben, Nietzsches Geburtsort (http://www.pierrekynast.de/art.070129.html) ein eher unbedeutender Weiler, so daß auch die Ausbeute an Pressemeldungen zu diesem Thread eher dünn gesät ist. Eine Kurzmeldung in der Süddeutschen Zeitung (http://newsticker.sueddeutsche.de/list/id/5624), ein Bericht in der FAZ (http://www.faz.net/s/RubEC1ACFE1EE274C81BCD3621EF555C83C/Doc~E71D5993191B94258AF17CCE02D9D501C~ATpl~Ecommon~Scontent.html) - und ein wenig Propaganda aus dem Europaticker (http://www.umweltruf.de/news/111/news0.php3?nummer=10931)... Interessant ist die Stellungnahme des Geschäftsführers der Nietzsche-Gesellschaft, Ralf Eichberg, der sich, *sollte* Röcken dem Braunkohlentagebau zum Opfer fiele, *gegen* einen späteren Wiederaufbau des Geburtshauses ausspricht, weil ihm der Ort dann nicht mehr authentisch vorkäme. Interessant auch, daß der Spiegel (http://www.spiegel.de/international/germany/0,1518,543222,00.html) diesen Fall nur in seiner englischsprachigen Ausgabe ins Netz stellt... Fazit: Ein Ort mit kaum noch 600 Einwohnern kann sicher wirtschaftlichen Interessen geopfert werden - wurde nicht letztes Jahr verkündet, daß auch Kerpen (http://www.stadt-kerpen.de/) die Kindheitsstätten Michael Schumachers dem Braunkohlentagebau opfere? Gewiß: Nietzsche genießt international höheres Ansehen - aber sein Geburtsort war nun trotzdem nicht sooooo bekannt; und das Geburtshaus eines großen Denkers ist ein geringeres *Kulturerbe* als es seine Schriften sind. Eine ENTSCHEIDUNG über die vom Sysop gestellte Frage bleibt im Einzelfall schwierig, denn "historisch" ist JEDE Stätte, aber es dürfte unmöglich sein, einen einmal erlangten topographischen Zustand "auf immer" zu konservieren...
frankwis 01.04.2008
2. zeitgemäßes Verfahren ...
"Hier ist 'ne Menge Kohle zu machen (und das gleich im doppelten Sinn ...) - also: sacken wir sie ein!" Wen interessieren schon irgendwelche Landschaften, berühmte Geburtshäuser hin-oder-her. Der Rubel muß rollen!
frankwis 01.04.2008
3. zeitgemäßes Verfahren ...
"Hier ist 'ne Menge Kohle zu machen (und das gleich im doppelten Sinn ...) - also: sacken wir sie ein!" Wen interessieren schon irgendwelche Landschaften, berühmte Geburtshäuser hin-oder-her. Der Rubel muß rollen!
Andree Barthel 01.04.2008
4.
Zitat von Muffin ManWalter Benjamin hat einstmals den destruktiven Charakter (http://www.physiologus.de/charakter_d.htm) beschrieben: Und so sieht der destruktive Charakter jetzt eben ein Braunkohlevorkommen, das - bei den heutigen Weltmarktpreisen lohnt der Abbau gewisser Primärernergieträge wieder - gewinnbringend genug erscheint, es abzubauen, und die so gewonnene Schneise dann später zu renaturieren. Nun ist, darf man u.a. der Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%B6cken) glauben, Nietzsches Geburtsort (http://www.pierrekynast.de/art.070129.html) ein eher unbedeutender Weiler, so daß auch die Ausbeute an Pressemeldungen zu diesem Thread eher dünn gesät ist. Eine Kurzmeldung in der Süddeutschen Zeitung (http://newsticker.sueddeutsche.de/list/id/5624), ein Bericht in der FAZ (http://www.faz.net/s/RubEC1ACFE1EE274C81BCD3621EF555C83C/Doc~E71D5993191B94258AF17CCE02D9D501C~ATpl~Ecommon~Scontent.html) - und ein wenig Propaganda aus dem Europaticker (http://www.umweltruf.de/news/111/news0.php3?nummer=10931)... Interessant ist die Stellungnahme des Geschäftsführers der Nietzsche-Gesellschaft, Ralf Eichberg, der sich, *sollte* Röcken dem Braunkohlentagebau zum Opfer fiele, *gegen* einen späteren Wiederaufbau des Geburtshauses ausspricht, weil ihm der Ort dann nicht mehr authentisch vorkäme. Interessant auch, daß der Spiegel (http://www.spiegel.de/international/germany/0,1518,543222,00.html) diesen Fall nur in seiner englischsprachigen Ausgabe ins Netz stellt... Fazit: Ein Ort mit kaum noch 600 Einwohnern kann sicher wirtschaftlichen Interessen geopfert werden - wurde nicht letztes Jahr verkündet, daß auch Kerpen (http://www.stadt-kerpen.de/) die Kindheitsstätten Michael Schumachers dem Braunkohlentagebau opfere? Gewiß: Nietzsche genießt international höheres Ansehen - aber sein Geburtsort war nun trotzdem nicht sooooo bekannt; und das Geburtshaus eines großen Denkers ist ein geringeres *Kulturerbe* als es seine Schriften sind. Eine ENTSCHEIDUNG über die vom Sysop gestellte Frage bleibt im Einzelfall schwierig, denn "historisch" ist JEDE Stätte, aber es dürfte unmöglich sein, einen einmal erlangten topographischen Zustand "auf immer" zu konservieren...
Pech für Nietzsche, dass er in Röcken geboren und dort auch begraben wurde, wäre doch jeder Kleinstadt, sicher auch Großstadt, darauf stolz, mit Nietzsches Geburtshaus werben zu dürfen. Ihre These, dass Schriften eines Denkers höher einzuschätzen wären als der Ort, wo er geboren wurde, ist richtig, jedoch ist es in Zeiten des Massentourismus’ nicht so, dass die Orte wichtiger sind? Interessant zu wissen, wer von den Besuchern, die das Geburtshaus Marx besuchen, auch dessen Werke gelesen haben. Nietzsche, zeit seines Lebens ein Getriebener, findet auch in seinem Grab keine Ruhe. Aus einem womöglich bevorstehenden Abriss des Dorfes den Schluss zu ziehen, Deutschland würde leichtfertig seine historischen und kulturellen Wurzeln auf den Kompost werfen, hieße, zu verallgemeinern. Der „Opferung“ seines Geburtshauses ließe sich beispielsweise die Wiedererrichtung der Garnisonskirche in Potsdam entgegenstellen.
wfm 01.04.2008
5. Gustav Adolf ruht in Lützen? Aber nur am 1. April!
Gustav Adolf fiel am 6. Nov. 1632 in der Schlacht bei Lützen, seine letzte Ruhestätte fand er aber in Stockholm - und dort ist er auch vor der Braunkohle sicher. Auch SPIEGEL-ONLINE haut manchmal daneben.
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