Neues Museum für afroamerikanische Geschichte Zeit, die Fesseln abzuwerfen

Zum ersten Mal gibt es in den USA ein nationales Museum für afroamerikanische Geschichte. Es dokumentiert Leid, Erfolge und Alltag schwarzer Menschen - auf schier überwältigende Weise.

Smithsonians National Museum of African American History & Culture

Von , Washington


Was haben diese beiden Gegenstände gemeinsam?

Schwere Eisenfesseln, die sich vor mehr als 250 Jahren um Füße, Hälse und Hände afrikanischer Sklaven legten, als man sie nach Amerika verschiffte wie Vieh.

Und ein Paar Handschellen, die dem US-Kulturwissenschaftler Henry Louis Gates Jr. 2009 von der Polizei angelegt wurden, als er gerade seine Haustür öffnen wollte - die Cops hatten ihn, einen Schwarzen, der sich an einer Villa in einem gediegenen Wohnviertel zu schaffen machte, für einen Einbrecher gehalten.

Fesseln und Handschellen sind wie zwei Klammern, sie umspannen die Geschichte schwarzer Menschen in den USA.

Besonders deutlich wird das in diesem Herbst 2016. Der US-Wahlkampf kocht auf seinen Höhepunkt zu, das Niveau der politischen Debatte könnte kaum niedriger sein. Der republikanische Kandidat Donald Trump ruft Afroamerikaner auf, ihn zu wählen, mit dem Spruch: "Was habt ihr zu verlieren?". Die Botschaft: Schwarze sind alle gleich, die haben gar nichts, so war es immer, so ist es immer noch.

Das ist Rassismus.

Wöchentlich sterben schwarze Männer in diesem Land durch Polizeigewalt, egal, ob sie unbewaffnet sind, egal, ob sie die Arme heben als Zeichen ihrer Harmlosigkeit. Egal, ob ein schwarzer Präsident im Weißen Haus sitzt, Afroamerikaner sehen sich noch 50 Jahre nach der Bürgerrechtsbewegung in den USA gezwungen, empört und verzweifelt etwas Selbstverständliches als Schlachtruf zu formulieren, damit es endlich allen dämmert: Black Lives Matter.

Kann sich ein Museum in diese Debatte einmischen? Kann es Identität stiften, Brücken bauen, indem es Diversität zeigt?

Am Samstag eröffnet in Washington das "National Museum of African American History and Culture" (NMAAHC), das erste nationale Museum für schwarze Geschichte und Kultur in den USA.

Die National Mall ist die Prachtstraße Washingtons, hier huldigen die USA ihren Gründungsvätern, ihren größten Helden - "dead white men" wie George Washington, Thomas Jefferson, Abraham Lincoln, Franklin D. Roosevelt. Einzig Martin Luther King wurde die Ehre zuteil, sich als Schwarzer qua Denkmal in diese Phalanx einzureihen.

Jetzt hockt inmitten der weißen Marmorpracht also das NMAAHC, trutzig wie eine umgestülpte Pyramide, es schimmert in sanftem Goldbraun. Das Haus - sein Architekt ist der Brite David Adjaye - hat eine Glasfassade, die mit bronzeüberzogenen Aluminiumbögen verkleidet ist, sie erinnern an die filigranen, oft von Sklaven geschmiedeten Balkone an Südstaaten-Villen.

Fast hundert Jahre lang wurde über das Museum gestritten. Es wurde geplant, verworfen, seine Finanzierung diskutiert; als das Projekt 2003 nach zähem Kampf endlich auf den Weg gebracht wurde, suchten Historiker 40.000 Exponate überall in Amerika in Kleinarbeit zusammen, knapp ein Zehntel der Schätze wird ausgestellt.

Sklaverei, Rassentrennung, Bürgerbewegung sind in den beiden unterirdischen Plateaus des Gebäudes thematisiert, die Exponate so bedrückend, dass ein Psychologenteam bereitsteht, damit Besucher das Gesehene bei Bedarf mithilfe der Fachleute verarbeiten können.

Eisenblöcke sind ausgestellt, die auf den Sklavenschiffen das Gewicht der menschlichen Fracht ausbalancierten. Eisenketten werden gezeigt, für so kleine Gliedmaßen, dass sie offensichtlich Kindern angelegt wurden. Werbezettel für Sklavenauktionen sind zu sehen, "laufend im Angebot: Neger aller Art".

Smithsonians National Museum of African American History & Culture

Ku-Klux-Klan-Masken mit leeren Augenhöhlen starren den Betrachter an, auch der Sarg von Emmett Till gehört zu den Exponaten: Der 14-Jährige wurde 1955 in Mississippi gelyncht, weil er angeblich einer Weißen nahekam.

Der Hauptautor der amerikanischen Verfassung, Thomas Jefferson, den die US-Geschichtsschreibung als Vater der Freiheit feiert, wird im NMAAHC auf sehr elegante Weise dechiffriert: Hinter der Statue des Staatsmanns sind an einer Wand die Namen seiner mehr als 600 Sklaven aufgeführt, "Amy" und "Sukey" und "Stephen" und so viele andere mehr.

Je weiter man sich im Gebäude nach oben arbeitet, desto lichter wird die Materie: Es geht hier auch darum zu belegen, wie afroamerikanisches Leben die US-amerikanische Geschichte bereichert hat, wie eines Teil des anderen ist. Das Museum macht also auch den Triumph afroamerikanischer Kultur begreifbar, Leistungen auf dem Gebiet der Musik, Malerei, des Entertainments, des Sports werden gewürdigt.

Dieses Konzept - vom Schweren hinauf ins Angenehme - stößt auch auf Kritik: Der Autor Vinson Cunningham schreibt im "New Yorker" , Sklaverei in Amerika hätte man doch besser gezeigt ohne den "Notausstieg" in die leichte Unterhaltung - denn den habe es ja für die Menschen, die als Sklaven leben mussten, auch nicht gegeben.



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