Gruner + Jahr: Aufsichtsrat gibt Vorstand freie Hand bei "FTD"

Die Hängepartie bei der "Financial Times Deutschland" geht vorerst weiter. Der Aufsichtsrat des Verlags Gruner + Jahr hat den Vorstand ermächtigt, die Zeitung ganz oder teilweise zu schließen - oder zu verkaufen. Angeblich laufen noch letzte Gespräche über einen potentiellen Verkauf.

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REUTERS

"Financial Times Deutschland": Aus nach knapp 13 Jahren

Hamburg - Über die Zukunft der Wirtschaftsmedien von Gruner + Jahr, darunter die "Financial Times Deutschland" (FTD), ist nach Angaben des Konzerns noch nicht endgültig entschieden. Wie Sprecher Claus-Peter Schrack nach einer Aufsichtsratssitzung am Mittwochabend sagte, laufen noch letzte Gespräche zu einem möglichen Verkauf der "FTD". "Richtig ist, dass der G+J-Aufsichtsrat heute den G+J-Vorstand in seiner Aufsichtsratssitzung ermächtigt hat, einen Verkauf, Teilschließung oder Schließung der G+J-Wirtschaftsmedien vorzunehmen. Es laufen aktuell letzte Gespräche zu einem potentiellen Verkauf der "FTD", ein endgültiger Beschluss des Vorstandes ist damit noch nicht gefasst."

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" meldet derweil schon ein konkretes Datum für das Ende der "FTD": Ihren Informationen zufolge soll die Zeitung am 7. Dezember zum letzten Mal erscheinen.

Der G+J-Aufsichtsrat hatte am Mittwoch über den Vorschlag des Vorstands zur Zukunft der Sparte verhandelt. Das G+J-Management hatte die Einstellung der defizitären Wirtschaftszeitung "FTD" beschlossen. Das Hamburger Verlags- und Druckhaus will sich zudem von seinen Wirtschaftszeitschriften "Impulse" und "Börse Online" trennen. Nur das Monatsmagazin "Capital" will Gruner + Jahr fortführen.

Die "FTD" war im Februar 2000 erstmals erschienen. Seit ihrer Gründung machte sie Verluste. Insgesamt soll die Zeitung in zwölf Jahren ein Minus von 250 Millionen Euro eingefahren haben. Im Fall einer Schließung sollen Kündigungen nicht mehr im Jahr 2012, sondern erst 2013 ausgesprochen werden. Nach dem endgültigen Votum des Aufsichtsrats müssen noch die Familie Jahr und Bertelsmann als Gesellschafter zustimmen. In Gütersloh müsste die Entscheidung den Aufsichtsrat des Konzerns passieren - eine Sitzung ist für den 30. November vorgesehen. Wahrscheinlich wird das Gremium aber schon vorher zusammenkommen.

Die Redaktion der "FTD" hatte das Aus ihrer Zeitung am Mittwoch bereits angedeutet. "Die 'Financial Times Deutschland' steht vor der Einstellung", hieß es am Mittwoch auf der Homepage . "Jetzt warten wir die Entscheidung unserer Verlagsführung ab. Dann blicken wir nach vorn", heißt es in der kurzen Erklärung.

Eine Sprecherin des Betriebsrates der Gruner + Jahr Wirtschaftsmedien hatte gesagt, die Arbeitnehmervertretung erwarte, dass sie am Donnerstag über die Ergebnisse der Aufsichtsratssitzung informiert werde. Das Gremium hatte sich zuvor in einer Erklärung entsetzt über Pläne des Vorstands gezeigt, "die rund 350 Mitarbeiter von 'Financial Times Deutschland', 'Capital', 'Börse Online' und 'Impulse' vor die Tür zu setzen". Der Betriebsrat forderte die Firmenleitung auf, "Arbeitsplätze an allen betroffenen Standorten zu sichern, oder angemessene Alternativen im Konzern" zu schaffen.

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hatte an die soziale Verantwortung des Managements gegenüber den Beschäftigten appelliert. Sparmaßnahmen dürften nicht einseitig zu Lasten der Journalisten beschlossen werden, sagte der DJV-Bundesvorsitzende Michael Konken in Berlin.

suc/syd/dpa

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Wissen was wichtig wird :-)
exil-paulianer 22.11.2012
Mit dem Weggang von Andrew Gowers fingen all die FTD-Redakteure und Journalisten an sich im eigenen Mikrokosmos zu drehen. Tja, wer nicht mal richtige Anlegetipps abgeben kann wird halt von der realität eingeholt. Pech, aber das nennt man Marktbereinigung - müssten die doch eigentlich wissen.
2. Der angelsächsische Kapitalismus verliert an Anziehungskraft ...
wibo2 22.11.2012
Eine Zeitung wie FTD benötigt einen Medienkonzern, eine Partei, Print- und Online Abonnenten sowie Anzeigenkunden, die das Blatt finanziell stützen. Gruner und Jahr hat jahrzehntelang große Verluste getragen. Diejenigen, die Stakeholder sind, die von der Berichterstattung profitierten, sollten sich jetzt fragen, was ihnen dieses Blatt noch wert ist. Leider war die FTD weder ein unverwechselbares noch ein unabhängiges kritisches Medium und hat nie berichtet, was andere verschweigen. Die Sponsoren haben die FTD fallen gelassen. In der Postdemokratie soll das gemeine Volk verdummt werden bis zum-geht-nicht-mehr! Man bezahlt den Preis und bekommt den Wert, so Warren Buffett. Offensichtlich scheint die FTD für die Eliten keinen Wert mehr zu haben. Hat sie ihre Mission, das gemeine Volk zu verdummen, erfolgreich erfüllt? Ein Konservativer brauchte die FTD sowieso nicht zu lesen, dort kam er nicht auf seine Kosten: Eine seltsame Melange, aus einer grünen und linken Ursuppe wurde ein seltsames Gebräu aus neoliberalen, neoklassischen und angebotsorientierte Lehren gekocht. Für - wen eigentlich? Wer war die Zielgruppe der FTD? Das war mir nie klar.
3. Trügerische Hoffnung
robert.haube 22.11.2012
Wer soll denn diesen Verlustbringer kaufen, wo sich doch im kommenden Jahr die Wirtschaftskrise in Deutschland verschärfen wird und daher mit weiteren Anzeigen-Einbrüchen zu rechnen ist ? Soll mit diesem Spielchen die Belegschaft bis zur letzten Ausgabe bei Laune gehalten werden ?
4.
muellerthomas 22.11.2012
Zitat von wibo2E Diejenigen, die Stakeholder sind, die von der Berichterstattung profitierten, sollten sich jetzt fragen, was ihnen dieses Blatt noch wert ist. Leider war die FTD weder ein unverwechselbares noch ein unabhängiges kritisches Medium und hat nie berichtet, was andere verschweigen. Offensichtlich scheint die FTD für die Eliten keinen Wert mehr zu haben. Hat sie ihre Mission, das gemeine Volk zu verdummen, erfolgreich erfüllt? Ein Konservativer brauchte die FTD sowieso nicht zu lesen, dort kam er nicht auf seine Kosten: Eine seltsame Melange, aus einer grünen und linken Ursuppe wurde ein seltsames Gebräu aus neoliberalen, neoklassischen und angebotsorientierte Lehren gekocht. Für - wen eigentlich? Wer war die Zielgruppe der FTD? Das war mir nie klar.
Haben Sie die FTD eigentlich mal gelesen? Von neoliberaler Angebotslehre ist da wenig zu finden, stattdessen wesentlich kritischere Berichterstattung als etwa im HB. Aber möglicherweise war das ein Problem: Menschen mit wirtschaftskritischer Grundeinstellung kaufen keine Zeitung, die Financial Times heisst, Wirtschaftsliberalen war die FTD hingegen sicher oft zu kritisch, zu links, zu keynesianisch.
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