Jelinek-Premiere in Stuttgart Neue Bilder für die alte Leier

Die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek hat, inspiriert von Schuberts "Winterreise", ihre eigene Reise gedichtet. Dabei begegnet sie Natascha Kampusch und ihrem eigenen Vater. Nora Schlocker inszeniert den Gedankentrip jetzt am Schauspielhaus Stuttgart.

Regisseurin Nora Schlocker: Situationen schaffen, die Jelineks Stück begreifbar machen
Schauspiel Stuttgart

Regisseurin Nora Schlocker: Situationen schaffen, die Jelineks Stück begreifbar machen

Von Judith Liere


"Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh' ich wieder aus" - so beginnt die "Winterreise", der bekannte Liederzyklus von Franz Schubert, der 1827 die Gedichte von Wilhelm Müller vertonte. "Was zieht da mit, was zieht da mit mir mit, was zieht da an mir?" - so beginnt Elfriede Jelinek ihre "Winterreise", einen Theatertext, der 2011 an den Münchner Kammerspielen von Johan Simons uraufgeführt wurde und den nun die junge Regisseurin Nora Schlocker - nachdem sich schon mehrere männliche Kollegen an dem Text versucht haben - auf die Bühne des Schauspielhauses Stuttgart bringt.

Ähnlich fremd wie der Wanderer in den Schubert-Liedern irrt auch Jelineks Rastloser durch die Welt. Doch war es in Zeiten der Romantik noch eine selbstgeschaffene, gewählte Entfremdung, mit der der Wanderer aufs Außen blickte, scheint ihm bei Jelinek das Außen keine andere Wahl zu lassen. Das Ich zieht nicht mehr aktiv aus, sondern etwas zieht an ihm - ein Etwas, das er nicht näher definieren oder greifen kann.

Auf dieses Gefühl des Herausgeworfenwerdens aus der Welt will Nora Schlocker, Jahrgang 1983, auch den Fokus ihrer Inszenierung setzen: "In Jelineks neueren Texten geht es meistens um den Außenstehenden und die Gesellschaft, um Menschen, die aus irgendeinem Grund nicht Teil sein können, um den Widerstand des Einzelnen gegen die Gruppe." In "Winterreise" thematisiert die Autorin etwa das Entführungsopfer Natascha Kampusch und die Reaktionen auf ihr öffentliches Auftreten - und immer wieder geht es auch um ganz Persönliches, wie Jelineks psychisch kranken Vater, der jahrelang mit ihr und der Mutter in einem Haus lebte. "Auch eine Figur, die man nicht mehr in der Gesellschaft haben will", sagt Schlocker.

Der Versuch, eine Heimat zu konstruieren

Für die österreichische Regisseurin, die seit ihrem Studium an der Berliner Ernst-Busch-Schule eine steile Karriere an deutschen Theatern machte und derzeit auch Hausregisseurin am Düsseldorfer Schauspielhaus ist, ist Jelinek "eine Ikone", deren Texte sie schon lange verfolgt. Trotzdem ist es das erste Mal, dass sie ein Stück von ihr inszeniert, bisher zählten eher Dramen mit klassischen Plots und Figuren zu ihren Arbeiten, junge zeitgenössische Dramatik oder Grillparzer, Horváth, Büchner. "Aber bei so einem Text wie dem von Jelinek merkt man schnell, dass man eine andere Herangehensweise braucht."

Sieben Schauspieler hat sie nun auf die Bühne gestellt, will "aus der Gruppe heraus erzählen". Sie sei von anderen Jelinek-Inszenierungen auf dem Theater oft enttäuscht gewesen, sagt Schlocker, da sei einfach eine zweite, formale Ebene über den Text gesetzt worden. "Mich haben die Verfilmungen immer mehr beeindruckt, egal ob das jetzt 'Die Ausgesperrten' von Franz Novotny war oder Hanekes 'Klavierspielerin'." So versuche sie nun, Situationen zu entwerfen, um den Text emotional oder situativ begreifbar zu machen - "das darf man aber nicht zwanghaft machen, sonst vergewaltigt man den Text".

Ein großes Einfamilienhaus hat die Bühnenbildnerin Marie Roth, die schon mehrmals mit Schlocker zusammenarbeitete, für die Inszenierung entworfen. "Das Haus ist ein ganz zentrales Thema im Text", meint die Regisseurin, "es taucht in Zusammenhang mit dem kranken Vater auf, der dort versorgt wird, oder bei Natascha Kampusch, die dort im Keller sitzt, im Wiener Vorort. Das hat mich interessiert, dieser Versuch eines Glücks, der Versuch, eine Heimat zu konstruieren und ein Leben zu probieren."

Schuberts Liederzyklus endet mit dem Stück vom Leiermann: "Wunderlicher Alter, soll ich mit dir gehn? Willst zu meinen Liedern deine Leier drehn?" Elfriede Jelinek schreibt am Ende ihres Textes: "So, da steh ich also mit meiner alten Leier, immer der gleichen. Wer will dergleichen hören? Niemand! Immer dieselbe Leier, aber das Lied ist doch nicht immer dasselbe! Ich schwöre, es ist immer ein anderes, auch wenn es sich nicht so anhört, wenn es sich manchmal mit anderen Liedern überschneidet." Ein Hinweis der Autorin auf wiederkehrende Muster und Themen in ihren Texten. Nora Schlocker gefällt diese Sturheit: "Nicht aufgeben und immer weiter fragen, zeigen und sehen - das interessiert mich besonders an Elfriede Jelinek."


Winterreise. Premiere am 15.6. im Schauspielhaus Stuttgart. Auch am 16., 18., 20., 22., 24., 26. und 30.6., Tel. 0711/20 20 90.



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