Nordkoreanische Träume "Kim Jong Il ging nie auf Toilette"

Für ihr Projekt "Korean Dreams" reiste die Fotografin Nathalie Daoust ins Land des "Ewigen Herrschers". Und warf einen Blick hinter die Kulissen der Propagandamaschine.

Nathalie Daoust

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Für Ihre Fotoserien sind Sie schon oft durch die Welt gereist: nach China, Japan, Brasilien. Jetzt also Nordkorea. Warum?

Daoust: Wenn ich reise, dann tue ich das, weil ich das Land in der Tiefe erforschen möchte. Weil ich versteckte Orte entdecken möchte, die ich so nicht kenne. Orte auch, an die Menschen vor der Realität fliehen. Nordkorea ist so ein Ort. Mehr noch: Hier erlebte ich, wie ein ganzes Land in eine Traumwelt flüchtet - und das nicht aus freiem Willen, sondern gezwungen durch ein Regime.

SPIEGEL ONLINE: Welche Schwierigkeiten hatten Sie bei Ihrer Reise nach Nordkorea?

Daoust : Um in das Land zu kommen, muss man Reiseagenturen bezahlen. Besucher mit fragwürdigen Absichten werden normalerweise nicht reingelassen. Das Internet hat mich anfangs verraten: In Interviews hatte ich schon vor meiner Abreise von meinem Projekt erzählt. Also musste ich noch sechs Monate warten, bis alle Spuren beseitigt waren. In Nordkorea war ich dann mit einer Gruppe Touristen unterwegs. Vor Ort wurden wir begleitet von einem Militär, der uns kaum aus den Augen ließ.

SPIEGEL ONLINE: In Nodkorea ist Fotografieren nicht überall erlaubt. Vor Ort mussten Sie zum Teil undercover arbeiten. Wie sind Sie damit umgegangen?

Daoust: Ich hatte mich vor meiner Reise intensiv informiert. Ich wusste zum Beispiel, dass sie dort immer wieder die Kameras überprüfen. Bei einem Touristen aus meiner Gruppe löschten sie zum Beispiel alle Bilder auf seinem Chip, weil er bei einer Statue von Kim Jongs Vater auf dem Foto die Füße abgeschnitten hatte. Das gilt in Nordkorea als respektlos. Ich selbst habe deshalb mit einer Analogkamera gearbeitet. Als die Militärs die gesehen haben, dachten sie: aha, alte Kamera, eine Amateurin also. Außerdem habe ich viele Filme mitgebracht, die ich in meinem Hotelzimmer verteilt, an unterschiedlichen Orten versteckt habe. Das alles lief heimlich und diskret ab. Man wusste ja nicht, ob im Hotelzimmer vielleicht irgendwo versteckte Kameras waren. So hatte ich Glück: Alle meine Fotos haben überlebt.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Daoust: Es gibt dieses eine Foto, das ich vom Militär geschossen habe. Weil das verboten ist, habe ich mit einem Kabel ausgelöst, meine Kamera hing vor meinem Bauch, und ich gab vor, einfach nur herumzuspazieren. Ein Militär ist aber misstrauisch geworden. Direkt nachdem ich das Foto gemacht hatte, rief er seine Kollegen zu sich und wollte meine Kamera kontrollieren, die Bilder löschen. Als er meine Kamera sah, hat er mich zum Glück laufen lassen.

SPIEGEL ONLINE: Das Projekt heißt "Korean Dreams". Was für Träume zeigen Ihre Fotos?

Daoust: Nordkoreaner leben in einem Traumstaat, in einer Traumwelt. Es kursieren dort viele Mythen. An einem Tag brachten sie uns zum Beispiel zu einem Krankenhaus und zeigten uns ein Baby, betonten wie gesund es sei. Sie wollten uns weismachen, dass es in den letzten 50 Jahren kein einziges behindertes Kind gegeben habe. Da frage ich mich: Wer soll das glauben? Haben sie die kranken Kinder vielleicht umgebracht? Auch von Kim Jong Uns Vater Kim Jong Il erzählt man sich so einiges. Zum Beispiel, dass er nie auf Toilette ging. Oder dass er schon in jungen Jahren 1500 Bücher geschrieben haben soll. Ich habe die Fotoserie "Korean Dream" genannt. Aber vielleicht sollte ich sie lieber "Albtraum" nennen.

SPIEGEL ONLINE: Die Fotos aus der Serie wirken dunkel, gespenstisch. Die Menschen sehen fast unwirklich aus. Welche Technik haben Sie benutzt?

Daoust: Ich habe mit einer speziellen Abzugstechnik gearbeitet und von den Fotos nach und nach mehrere Schichten abgetragen. Dadurch haben die Bilder Informationen verloren. Mit diesen Fotos wollte ich die Idee Nordkoreas abbilden: wie Informationen in diesem Regime des Meinungsdiktats verloren gehen, viele Schichten verborgen bleiben.



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.