+++ Normalität 2011 im Liveticker +++ Es geschah aus heiterem Himmel...

Atom, Arabien, Ehec, Euro, Bin Laden, Guttenberg und kein Ende: Der Ausnahmezustand ist 2011 zum Alltag geworden - und der Alltag zur Ausnahme. SPIEGEL ONLINE hat sie trotzdem gefunden: die einzige normale Minute des Jahres. Verfolgen Sie die beruhigenden Ereignisse im Liveticker.

Corbis

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[08:23:01] In Bamberg hat der Student Matthias T. nach durchzechter Nacht verschlafen, wälzt sich aus dem Bett, duscht und zieht sich einen dunkelgrünen Kapuzenpulli über. Gleich wird er zur Uni fahren. Er hat keine Waffe dabei.

[08:23:03] Wenige Sekunden später tippt die Versicherungskauffrau Beate F. in Berlin-Mitte die Geheimzahl ihres Kontos in einen Geldautomaten der Sparkasse. Sie wählt als Auszahlungsbetrag 100 Euro. Der Automat knattert. Ein Schlitz öffnet sich. Sie erhält den gewünschten Betrag in kleinen Scheinen.

[08:23:04] Der Rentner Olaf B. aus Wuppertal, ein ehemaliger hochrangiger Angestellter der städtischen Stromwerke, hat eine folgenlose Idee: Er will sich einen schwarzen Tee zubereiten und das Wasser dafür in einem elektrischen Wasserkocher erwärmen. Kurz nachdem er den Wasserkocher eingeschaltet hat, beginnt das Wasser zu brodeln.

[08:23:07] In Frankfurt am Main schaudert es den Bundeswehrgefreiten Dieter S. Er hatte kurz an ein Feuergefecht gedacht, das er bei seinem letzten Einsatz in Afghanistan erlebt hat. Zur selben Sekunde schreckt auch Mawla Abdulqader M. in der afghanischen Provinz Kunduz auf - aus demselben Grund.

[08:23:08] Die 17-Jährige Schülerin Eva L. loggt sich heimlich über einen Schulcomputer an ihrem Gymnasium im oberbayerischen Fürstenfeldbruck in ein soziales Netzwerk ein, um mit einem unbekannten jungen Mann zu chatten. Später wollen sie sich treffen. Er entpuppt sich dann allerdings als Langweiler.

[08:23:10] Ein durchschnittlich gekleideter Mann mittleren Alters betritt unauffällig eine Filiale der Volksbank in Celle. Er zieht seinen Personalausweis und eröffnet ohne Vorwarnung ein Konto.

[08:23:14] Zusammenprall der Kulturen in der Lutherstadt Wittenberg: Vor dem Drogeriemarkt in der Collegienstraße kreuzen sich die Wege des 23-Jährigen Arbeitslosen Maik G. und des 43-Jährigen Kleinunternehmers Ali M. Beide nicken sich kurz zu und gehen weiter.

[08:23:21] Der Journalist Karl U. denkt kurz daran, auf der gleich beginnenden Redaktionskonferenz ein flammendes Plädoyer für die Rückkehr Karl-Theodor zu Guttenbergs in die Bundespolitik anzuregen. Er überlegt es sich dann aber doch noch anders.

[08:23:25] Die Oberschüler Ralf B. (13), Timo L. (14) und Michael B. (14) aus Oberhausen nutzen eine ausgefallene Mathematikstunde, um im schulnahen Supermarkt einzukaufen - auf einer nahe gelegenen Parkbank wollen sie es sich dann "gutgehen lassen": Mit Limonade und Schokolade.

[08:23:29] Der Internist Dr. Martin R. aus Weilheim teilt seinem Patienten Holger K., einem 53-Jährigen verheirateten Busfahrer mit zwei Kindern, die Ergebnisse einer Lungenuntersuchung mit: Kein Befund.

[08:23:37] Der Journalist Karl U. denkt kurz daran, auf der gleich beginnenden Redaktionskonferenz ein flammendes Plädoyer für die Rückkehr Thomas Gottschalks zu "Wetten, dass..?" anzuregen. Er überlegt es sich dann aber doch noch anders.

[08:23:41] Niemand rechnet an diesem strahlenden Morgen auf der Baleareninsel Mallorca damit, dass in wenigen Minuten eine sechzehn Meter hohe Monsterwelle die friedlichen Strände und tausende Menschen unter sich begraben könnte. Zu Recht.

[08:23:45] In Nordhausen betrachtet Gerd S. (56), Inhaber und Geschäftsführer eines mittelständischen Kartonagenherstellers, zufrieden die jüngsten Auftragseingänge. Noch ahnt er nicht, dass im Laufe des Tages noch mehr dazu kommen werden.

[08:23:49] Die juristische Fakultät der Universität Bayreuth verleiht Thomas K. nach bestandener Prüfung die Doktorwürde. Was nur K. weiß: Er hat nirgendwo abgeschrieben.

[08:23:53] Im ersten Stockwerk einer Kindertagesstätte in der Baerwaldstraße in Berlin-Kreuzberg schreien fünfzehn Kinder in vier Sprachen wild durcheinander. Die beiden Erzieherinnen nehmen es gelassen.

[08:23:56] Weltlage entspannt.

[08:23:59] Tausende Leser eines Livetickers auf SPIEGEL ONLINE warten auf eine Schlusspointe. Doch das Leben geht auch ohne weiter.



insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
huberwin 23.12.2011
1. Danke
wurde beim lesen ganz entspannt, wünsche Ihnen diese Entspannung fürs nächste Jahr auch beim schreiben.
bergläufer 23.12.2011
2. und "wetten dass" ...
Zitat von sysopAtom, Arabien, Ehec, Euro, Bin Laden, Guttenberg und kein Ende: Der Ausnahmezustand ist 2011 zum Alltag geworden - und der Alltag zur Ausnahme. SPIEGEL ONLINE hat sie trotzdem gefunden: Die einzige normale Minute des Jahres. Verfolgen Sie die beruhigenden Ereignisse im Liveticker. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,804931,00.html
...sich auch hierüber viele aufregen werden, weil es in diesem Beitrag nichts zum aufregen gibt! :)
TE87 23.12.2011
3. Danke!
Ist wirklich mal nötig,... sonst denken alle nur noch, dass wir im ständigen Ausnahmezustand stecken und 2012 die Welt untergeht ;-) P. S.: 8.23.00 Sekunden Ein Kulturarbeiter schläft. Er wird erst gegen 8:55 aufstehen und gemütlich ins Büro gehen. Dort Spiegel.de und Emma.de checken und sich ans kurze Tagwerk begeben. Gegen 12 Uhr wird er aufhören zu arbeiten und die heimische Couch bis zum Eintreffen seiner Frau (Büttel der Klassenjustiz) nutzen, um TV-Serien und Filme auf BluRay-DVDs zu schauen.
jjcamera 23.12.2011
4. no news is good news
Zitat von sysopAtom, Arabien, Ehec, Euro, Bin Laden, Guttenberg und kein Ende: Der Ausnahmezustand ist 2011 zum Alltag geworden - und der Alltag zur Ausnahme. SPIEGEL ONLINE hat sie trotzdem gefunden: Die einzige normale Minute des Jahres. Verfolgen Sie die beruhigenden Ereignisse im Liveticker. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,804931,00.html
Bei einem längeren Aufenthalt in der arabischen Wüste, hatte ich dieses Jahr ein Schlüsselerlebnis. Schon nach einer kurzen Zeit ohne Zeitungen, Radio, TV, Internet und Telefon waren Alltagsdepressionen wie weggeblasen. Ohne die tägliche Krisen- und Katastrophenmeldung war ich plötzlich überglücklich, entspannt, den Kopf frei von Sorgen (die ich mir ja eigentlich gar nicht machen müsste), offen für positive und konstruktive Gedanken. Der Medienwissenschaftler Neil Postman hat schon vor langer Zeit festgestellt, dass eine Nachricht, die beim Empfänger nicht unmittelbar eine Reaktion hervorruft (wie z.B. ich schließe die Fensterläden, weil heute Nacht Sturm angesagt ist...) so etwas ist, wie negativ verseuchter Müll, den man im Kopf speichert und ständig mit sich herumträgt. Also: keine schlechten Nachrichten lesen, ist äußerst gut gegen Depression, macht sogar richtig glücklich. Probieren Sie's mal aus....
rumpel84 23.12.2011
5. .
eine Meldung aus dem Ressort Ausland fehlt: http://wemaflo.net/wp-content/uploads/sackreis.jpg
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