S.P.O.N. - Oben und unten Klos für alle

Nichts einfacher als ein Besuch auf der Toilette? Nur für die Mehrheit. Für Transgender-Personen wird dieses simple Grundbedürfnis zum Problem gemacht - aus egoistischer Ignoranz.

Eine Kolumne von


Wenn jemand mich fragen würde, was meine Grundbedürfnisse sind, würde ich sagen, essen, trinken, schlafen, Sex, ein Dach über dem Kopf und so weiter, und wahrscheinlich würde ich anfangen, über Whisky oder Zimtschnecken zu reden, lange bevor mir einfiele, dass es auch ein Grundbedürfnis ist, in Ruhe pinkeln zu gehen. Es würde mir erst spät einfallen, weil es selbstverständlich für mich ist. Weil ich keine Transgender-Person bin.

In North Carolina gibt es ein neues Gesetz, das Leuten vorschreibt, welche öffentlichen Toiletten sie benutzen dürfen: nämlich nur diejenigen für das Geschlecht, das in ihrer Geburtsurkunde steht. Das heißt, selbst wenn sie womöglich seit Jahren oder Jahrzehnten als Frau leben, sollen sie trotzdem aufs Männerklo, oder andersrum. Sie sollen in Kauf nehmen, sich dort zutiefst unwohl zu fühlen, und dass man sie beschimpft, belästigt, verprügelt oder rausschmeißt, denn das passiert in solchen Fällen. Die einzige legale Alternative ist es dann, solange nicht aufs Klo zu gehen, bis eine private Toilette in Reichweite ist. Bruce Springsteen , Ringo Starr und Pearl Jam haben ihre Konzerte in North Carolina abgesagt, aus Protest gegen das Gesetz.

Toiletten sind das Beispiel, das immer wieder herangezogen wird, um zu zeigen, wie entsetzlich kompliziert alles wird, wenn man sich plötzlich um all die Minderheiten kümmern muss, die irgendwas mit Trans oder Inter heißen oder was mit Genderqueer: So schlimm, diese Leute, nicht wahr? Sogar beim Toilettengang machen sie Stress.

Und plötzlich wird so etwas wie der Gang zur öffentlichen Toilette zum Privileg. Sollte es eigentlich nicht. Fühlt sich auch faktisch nicht so an. Menschen finden es blöd, wenn man sie privilegiert nennt und sie nicht gerade ein Champagnerglas in der Linken und ein Lachshäppchen in der Rechten halten. Dann denken sie: Was, ich? Gestern erst eigenhändig den Müll runtergebracht. Aber so ist das mit den Privilegien : Wenn man sie hat, sind sie kein Problem, und wenn man sie vorgeworfen kriegt, wird man bockig.

Dabei gehen wir alle in der Bahn oder im Flugzeug auf eine All-Gender-Toilette und weil es so banal ist, fällt es uns noch nicht mal auf.

Es könnte so einfach sein: Klos für alle. Menschen haben so viele unterschiedliche Bedürfnisse und Wünsche und Ziele, und es ist okay, wenn es darüber Streit gibt. Aber in Ruhe aufs Klo seiner Wahl zu gehen, sollte eigentlich nichts sein, was man verhandeln muss.

Es muss noch nicht mal irgendwas umgebaut werden dafür. Man kann die Schilder ändern in "stehend" und "sitzend" oder "mit/ohne Urinal".

Ignoranz überfällt Leute, wo das Wort Gender fällt

Doch kaum hat man das Wort Unisex- oder All-Gender-Toilette nur ausgesprochen, steht irgendwo ein Martenstein und erklärt, die Leute sollen einfach lügen, wenn man ihnen vorwirft, auf dem falschen Klo zu sein: "Das, was die deutschen Inter- und Transsexuellen für ihr Land tun können, lässt sich am besten in dem Satz 'Das andere Klo ist kaputt' zusammenfassen." Genial, Mann. Dass ausgerechnet einem preisgekrönten Journalisten nicht einfällt, dass sich im Zweifel leicht nachprüfen lässt, ob das andere Klo kaputt ist, und dass man auch fürs Lügen auf die Fresse kriegen kann, ist vielleicht ganz illustrativ für die Ignoranz, die viele Leute bei allem überfällt, wo das Wort Gender vorkommt.

Die Meldung, dass nun auch Pearl Jam ihr Konzert in North Carolina absagt haben, kommentierte ein Facebook-Nutzer auf der Seite von SPIEGEL ONLINE so: "Vielleicht haben die Leute auch einfach keine Lust mehr, jeden blöden Modetrend mitmachen zu MÜSSEN? Sowohl PC als auch dieses Gender haben in den USA ihren Ursprung." Ganz ähnlich wie dieses Facebook, übrigens. Ein anderer schrieb: "Sorry, aber mal grundlegend, was soll das Gesetz? Schniedel = Herrentoilette, kein Schniedel = Damentoilette..."

Die Botschaft ist dieselbe, egal ob bei Martenstein oder den Kommentatoren: Wenn bei mir doch alles gut läuft, warum soll sich dann etwas ändern?

Wie kann man so denken? Wollen solche Menschen auch, dass der Supermarkt alles aus dem Sortiment nimmt, was sie nicht brauchen? Dass keine Filme mit Untertiteln in ihrer Sprache gemacht werden, weil sie ja wohl alles verstehen? Dass das Geld für Straßenbeleuchtung gespart wird, weil sie gerade nicht aus dem Haus müssen?

Auf jedem einzelnen Snickers ist heute fett hervorgehoben, dass da Erdnüsse drin sind. Wie viele Leute haben eine Erdnussallergie? 0,5 bis 1 Prozent der Kinder in Deutschland, sagt die Stiftung zur Behandlung von Erdnussallergien. Wenn wir damit klarkommen, dass unsere Schokoriegel minderheitenfreundliche Beschriftungen kriegen, warum nicht auch unsere Klos?

Wissen Leute, die sich über Unisex-Toiletten aufregen, dass Transgender-Personen signifikant häufiger Opfer von Gewalttaten werden, Depressionen haben und Suizid begehen ? Und zwar nicht, weil die Natur es so will. Je häufiger sie Ablehnung durch ihre Umgebung erfahren , desto wahrscheinlicher ist es, dass sie versuchen, sich zu töten .

Wenn man das weiß und trotzdem findet, dass es alberner Schnickschnack ist, öffentliche Klos für alle zu fordern, dann weiß ich ehrlich gesagt nicht, wie man beim Händewaschen nach seinem privilegierten Pinkeln überhaupt noch in den Spiegel gucken kann.

Video zu Transgender-Toiletten: Streit ums Klo

REUTERS


Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 155 Beiträge
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Seite 1
mxmx 21.04.2016
1. Warum soll man mit hohem baulichen Aufwand ein Problem lösen, das erst durch ein unsinniges Gesetz entstanden ist?
Einfach das Gesetz wieder streichen und gut.
rumpyho 21.04.2016
2. Die doppelte Diskriminierung
Wer schon einmal den ganz normalen Irrsinn erlebt hat, den Transsexuelle durchmachen müssen (ich mag den Ausdruck Transgender nicht, auch wenn er politisch korrekter ist) wenn sie zB ein Konto eröffnen oder sich um einen Job bewerben müssen, der wird verstehen, warum Depressionen und Suizidgedanken in dieser Bevölkerungsgruppe deutlich höher ist, als in jedem anderen Bevölkerungsteil. Da ist die Toilettenproblematik eigentlich nachrangig, weil vor dem Toilettengang ja niemand den Ausweis kontrolliert um zu prüfen, ob das offizielle Geschlecht auch tatsächlich dem Aussehen entspricht. Während wir alle die Erfolge der Gleichberechtigung bei Schwulen und Lesben feiern, bzw bedauern, wenn sie in einigen Bereichen noch nicht 100% gleichgestellt sind, sind die Transsexuellen ziemlich egal ... und nicht nur den Heteros, sondern auch den Schwulen, die sich zwar gerne mit den Transen solidarisieren, nicht aber mit den pre- oder post OP Transexuellen. Das finde ich persönlich äußerst schade.
dasbeau 21.04.2016
3. Richtig
Ich bin auch dafür, Toiletten für alle anzubieten. Was mich an der North Carolina Debatte nervt: Es wird von den ganzen Kritikern nur auf die Bedürfnisse der betroffenen Transgender geschaut. - Ein Abstecher in das deutsche Grundgesetz könnte die Diskussion etwas versachlichen: Die dort verbrieften Grundrechte stehen grds. jedermann zu. Allerdings haben auch Grundrechte Grenzen, nämlich dort, wo sie mit den Grundrechten anderer kollidieren. Wo genau diese Grenze dann verläuft, gilt es im Einzelfall herauszufinden. - Zurück nach North Carolina: Es ist schön, wenn der seit Jahren als Frau lebende ursprüngliche Mann sich auf der Damentoilette wohler fühlt, aber wie empfinden das die anderen Damen? Einigen mag das egal sein, andere fühlen sich gestört. Und genau da kollidieren die Grundrechte der Personen. Das bekommt man m.E. nur dadurch gelöst, dass man die Geschlechtertrennung auf den Klos aufhebt. Flugzeug und Bahn sind hierzu gute Beispiele (Ally McBeal ein weiteres...).
Atheist_Crusader 21.04.2016
4.
Was hat das mit Ignoranz zu tun, wenn man will, dass die Geschlechterbeschränkungen eingehalten werden? Und überhaupt: Wo ist denn hier mal die Rede von den Bedürfnissen der Anderen? Wer redet davon wie sich Frauen fühlen, wenn ihnen ein Mann auf die Damentoilette folgt, nur um dann zu sagen "Ist schon okay, ich fühle mich als Frau."? Das biologische Geschlecht kann man den meisten Menschen nämlich ansehen, nicht aber als was sie sich gerade fühlen. Bei dem ganzen Geschwafle um öffentliche Sicherheit und Schrödingers Rapist sollte man eigentlich so weit denken können. Männer finden es übrigens auch nicht so toll wenn Frauen aufs Herrenklo gehen, aber das ist weniger eine Frage des Sicherheitsgefühls als der Intimsphäre. Außerdem interessieren deren Gefühle und Bedürfnisse ja in solchen Debatten ja am allerwenigsten. Der weiße hetero-Mann hat schließlich jahrtausendelang alles und jeden unterdrückt, da ist es völlig okay, wenn man jetzt auf jedes Individuum spuckt, das ebenfalls diesen Tatbestand erfüllt. Nur in einem Punkt kann ich der Autorin Recht geben: Unisex-Toiletten würden es vereinfachen. Spräche aus meiner Sicht auch nichts gegen. Aber das ist ja nur wieder meine männliche Sichtweise. Es wird sicherlich Frauen geben, die es nicht so toll finden, wenn ihnen auf dem Klo nicht nur 1-2 Männer entgegenkommen die sich für Frauen halten, sondern gleich dutzende an Männern. Aber wir operieren ja scheinbar unter dem Grundatz, sich an der wiznigsten Splittergruppe zu orientierten. Warum richten wir uns also nicht gleich nach den armamputierten zwangskastrierten Rollstuhlfahrern und verbieten das urinieren generell?
the_eagle 21.04.2016
5. Ignoranz
Schwieriges Thema. Beim Pinkeln geht es nicht um eine gesundheitliche Gefährdung wie im Beispiel der Erdnüsse, daher kann ich mich auch schwer dafür engagieren. Ich als nicht Transgender empfinde öffentliche Toiletten übrigends auch als Problem. Daher benutze ich sie einfach nicht. Soweit ich das beurteilen kann, benutzen Frauen deutlich häufiger Männertoiletten als umgekehrt, da bei größeren Veranstaltungen die Damentoiletten häufig überfüllt sind. Das funktionier bei meinen Freundinnen und weiblichen Verwandten bisher ohne Probleme. Daher verstehe ich auch nicht, wieso es eine expliziete Zuteilung geben muss, wenn sich diese im Normalfall von selbst ergibt und im Extremfall keinem Zwang unterliegt. Evtl. kann ich mich für das Problem engagieren, wenn ich vermehrt auf Transgender treffe. Welche Stadt bietet sich hier an Erfahrungen zu sammeln? (wenn möglich in Deutschland)
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