Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Nostalgie und Stil: Retrofuturismus ist gefälschte Geschichte

Überall gibt man sich neuerdings die Kugel – verabreicht von Designern. Das freudige Wiedererkennen von Formen aus der eigenen Kindheit sorgt für gute Verkaufszahlen. Der Retro-Look weckt Sehnsüchte nach der Vergangenheit. Ist das gut für die Gegenwart?

Panton-Design: Kantine des SPIEGEL-Verlags in Hamburg
Panton Design

Panton-Design: Kantine des SPIEGEL-Verlags in Hamburg

Früher einmal sah die Zukunft sehr futuristisch aus: Wenn man in den Illustrierten der fünfziger Jahre blättert, dann sieht man dort zum Beispiel Bilder von Familien, die im Jahr 2000 zum Einkaufen fliegen, und zwar durch eine Mondlandschaft, und einen Strand gibt es dort auch. Etwas später stellte sich heraus, daß nicht nur der Mond etwas trockener war, als man gedacht hatte, die Zukunft war es auch - und wenn die Zeichner von damals wüßten, wie das neue Jahrtausend wirklich aussieht, würden sie vermutlich in ihren Pinsel beißen vor Entsetzen.

Das Jahr 2005, seine Möbel und Autos, sehen mehr oder weniger so aus, wie sich Stanley Kubrick 1967 in seinem Film "Odyssee im Weltraum" das Jahr 2001 vorgestellt hat - das bekanntlich auch schon vier Jahre zurückliegt. Man fühlt sich wie im überschwemmten Haus des Filmproduzenten in "The Party" mit Peter Sellers: überall Schaum. Überall Blasen. Großes Wohlfühlbad. Alles ganz furchtbar weich, und keine erkennbaren Formen mehr.

Fotostrecke

8  Bilder
Retrodesign: Gib mir die Kugel

Der Grund für die epochale Rückkoppelung heißt "Retrofuturismus". Die Architekturzeitschrift "Atrium" erklärt "Retro" in ihrer neuesten Ausgabe mutig zum "Trend" des Jahres und zeigt als Beweis einen orangen Kugelsessel von Cassina; "Retro kommt", heißt es seit Jahren fast zerknirscht in jedem Bericht über diverse Möbelmessen, als wäre "Retro" ein unliebsamer Verwandter aus der Schweiz, der nicht wieder gehen will. Wo man hinschaut, sieht es aus, als wäre man in die sechziger Jahre zurückgebeamt worden: von den meisten Möbeln, die man auf der diesjährigen Mailänder Möbelmesse zu sehen bekam, über den New Mini bis zum neuen Ford Mustang.

Sogar der neue Citroën C6 zitiert vergangenen Futurismus - was im Falle von Citroën besonders verwundert; schließlich waren Citroën-Limousinen immer Ausdruck absoluter, unsentimentaler Zeitgenossenschaft, technischer Avantgarde und revolutionärer Form. Davon aber keine Spur mehr. Das große Blubbern ist überall: Der Designer Karim Rashid produziert unermüdlich zerfließende, quietschbunte Objekte, die allesamt aussehen, als hätte er sie aus dem Kaugummiautomaten der Geschichte geleiert; Marc Newson entwarf für das New Yorker Lever House ein Restaurant, das aussieht, als hätte man es schon vor vierzig Jahren dort hineingebaut.

Retrofuturismus besitzt die seltsame Anmutung von Tiefkühlprodukten: er ist frisch und alt zugleich und zwingt in einer Form zusammen, was bis dahin nur als Gegensatz denkbar war: Nostalgie und Zukunft. Vielleicht liegt es auch an diesem konzeptionellen Gewaltakt, daß die Retro-Objekte so verquollen aussehen.

Erstaunlich ist, daß der Retrofuturismus, wo er in Restaurant-, Hotel- und Autodesign auftaucht, meist eine überkandidelte, dem Gegenstand völlig unangemessene Begeisterung auslöst, die man in dieser Form nur kennt, wenn irgendwo Spargel serviert wird ("Oooooh! Spargel!"). Dabei ist Retrofuturismus eigentlich eine traurige Angelegenheit. Gefälschte Geschichte. Ein Versuch, der eigenen Gegenwart zu entkommen - von der man mittlerweile gar nicht mehr weiß, wie sie aussieht. Ob es sie gibt. Die typischen Formen der fünfziger Jahre? Zum Beispiel der Schneewittchensarg von Braun. Und 2005? Eben: Schwer zu sagen. Sieht alles wie vor dreißig Jahren aus.

Mini aus dem Hause BMW: Designvorlage von 1959
GMS

Mini aus dem Hause BMW: Designvorlage von 1959

Wo gestaltet wird, scheint es, als zerrten die Geister der sechziger Jahre den Designern am Griffel. Wo "Zukunft" oder "Gegenwart" heute zum Ausdruck gebracht werden sollen, funktioniert das offenbar nur noch im Zitat ihrer eigenen ikonographischen Tradition - und selbst an das Zitat scheint niemand zu glauben. In den sechziger Jahren war Plastikpop eine Revolte gegen den blutleeren Rationalismus der klassischen Moderne. Pantons Plastikgrotten leuchteten orange und grell und laut, das Architekturbüro Future Systems entwarf Häuser in Form von Körpern und Organen, der Panton-Chair und die Citroën DS waren Designvisionen, die eine lustvolle Zukunft voller aufregender Kunststoffgeschöpfe versprachen.

Der Retrofuturismus zitiert diese Formen und ihren Elan - aber er hat deren stolzgeschwellte, expansive Energie verloren: Was damals lustvoller Krawall und optische Randale war, ist heute Depression im Faschingskostüm. Die neuen Kugelobjekte sind eher Verwandte des Airbags: weiche Schutzzellen, in denen der Rückzug aus der Welt und der Gegenwart geübt wird. So gesehen ist es auch gar nicht erstaunlich, daß fast jede neue Bar, die irgendwo eröffnet, wie die Kommandozentrale eines psychedelischen Raumschiffs aus den späten Sechzigern aussieht: Es gibt Sofas dort, in denen man versacken kann; gleichzeitig trägt das orange retrofuturistische Leuchten das tröstliche Versprechen in sich, schon mitten in der Zukunft zu sein.

Das verräterischste Objekt der neuen retrofuturistischen Kuschelmoderne ist das "Nap", das vor kurzem vorgestellt wurde: eine Schlafkoje, die halb an einen durchgeschnittenen Turnschuh, halb an ein abgestürztes Raumschiff ohne Motor erinnert. 20.000 Euro soll der Schlafkokon fürs Büro kosten, auf Wunsch werden Türen geliefert. Das "Napping" ist typisch für die Haltung hinter dem Retrofuturismus: Alles sieht aus, als könne es durch ferne Galaxien fliegen, dient aber nur dem ungestörten Dösen. Ron Arads neuer "MT3", ein muschelförmiger Schaukelstuhl aus weißem und orangem Kunststoff, ist da keine Ausnahme.

Zukunft, zum bloßen Stilbegriff heruntergeschraubt, verwandelt sich in ihr Gegenteil: in Nostalgie. Die Erregung, die der Retrofuturismus auslöst, ist nicht der Schock des Neuen, sondern freudiges Wiedererkennen: Hier sieht alles aus wie damals, als man noch klein war - und diese Freude sorgt für gute Verkaufszahlen. Der Retro-Möbelhersteller Kartell erlebte im letzten Jahr laut Zeitungsmeldungen eine Umsatzsteigerung von zwölf Prozent, der nach dem Vorbild von 1959 gestaltete Retro-Mini von BMW bricht alle Verkaufsrekorde.

Citroen C6: Zitiert vergangenen Futurismus

Citroen C6: Zitiert vergangenen Futurismus

Kein Designer, kein Konzern wagt es dagegen, ein leichtes Fahrzeug mit umweltverträglichem Hybridmotor so aufregend zu verpacken, daß es nicht mehr wie ein motorisierter Jutesack daherkommt - was entscheidend zum Mißerfolg dieser neuen Fahrzeuggattung beiträgt. Stattdessen wird an den alten Formen so lange herumgeknetet und gezerrt, bis das Ergebnis nach dem aussieht, was es ist: zerknautschte Geschichte.

Eine müde Zukunft ist das, die einem da entgegenkommt. Die Designer haben eine ähnlich seltsame Position eingenommen wie beim Rudern: Man sieht nicht, wo man hinfährt, und das, was man sieht, wird immer ferner und unschärfer. Der Retrofuturismus wollte nach hinten, in die Vergangenheit, schauen und dort die Mechanismen finden, mit denen man Zukunft konstruiert; herausgekommen ist nichts anderes als ein neuer Historismus für die stilbewußten Kinder des Pop.

Woher kommt der Drang, seiner eigenen Zeit zu entkommen? Den Boden bereitet für das endlose Gebastel auf den Koordinaten des Vergangenen hat auch eine Kulturkritik, die die "Moderne" zum Teufel unter den Epochen erklärte. Mittlerweile ist der Begriff der Moderne dermaßen gründlich im postmodernen und poststrukturalistischen Diskurs zerhäckselt worden, daß man fast vergißt, was er auch einmal meinte: neue Formen für neue Bedürfnisse zu erfinden.

Vor dem Hintergrund einer fortschrittskritischen Modernekritik läßt sich das retroselige Bad in der eigenen Orientierungslosigkeit sogar als kritisches Bewußtsein verkaufen. Junge deutsche Literaten erklären bockig, Ziellosigkeit sei eben "ein Phänomen unserer Zeit", an dem man halt nichts ändern könne; beim renommierten "Design-Talk" führender europäischer Gestalter in der Villa d'Este erklärte der Designer Lorenzo Ramaciotti von Pininfarina seelenruhig, als sei das auch nicht weiter schlimm, heute sei "die Zeit der großen Würfe" eben vorbei. Warum eigentlich?

Es gibt eine Bewegung, die sich dafür interessiert, was, technologisch, ästhetisch und gesellschaftlich, die Chancen und Herausforderungen des Jahres 2005 sein könnten. Man muß diese Bewegung nur unter dem orangen Retrogeröll entdecken. Der Münchner Designer Konstantin Grcic entwirft Möbel, die wie Werkzeuge für ein neues Wohnen aussehen - eine Lampe etwa, die man hängen und stellen und als Suchscheinwerfer benutzen kann. Rem Koolhaas erfand in Seattle die Bibliothek neu und verwandelte sie in einen öffentlichen Ort, wie man ihn noch nicht gesehen hat.

Der Stuttgarter Ingenieur Werner Sobek entwickelt zur Zeit ein Haus, das nur auf den ersten Blick aussieht wie eine retrofuturistische Blase: Man sieht eine gläserne Linse, der Übergang zwischen Boden, Decke und Wand ist fließend. Auf die Außenhülle wird eine dünne, metallbedampfte Glasschicht auflaminiert. Diese Schicht verhindert, daß Wärme entweicht. Dank einer weiteren elektrochromen Folie kann die Hülle abgedunkelt oder vollkommen undurchsichtig geschaltet werden; außerdem sind auf die Hülle Solarzellen aufgedampft, die das Haus mit dem nötigen Strom versorgen.

Die futuristische Linse ist beides: ein High-Tech-Nachfolger des romantischen Traums von der Einsiedlerhütte und ein Denkgebäude, das zeigt, wie eine selbstversorgende Architektur aussehen könnte. Sie ist ein Beispiel für eine ästhetisch experimentierfreudige und gleichzeitig ökologische Moderne und für eine Gegenwart, die besser aussieht als die Vergangenheit der Zukunft. Am Ende hatte eben doch Rimbaud recht: Man muß absolut modern sein.

Niklas Maak

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: