Notizen von der Flut alles verloren...worte fehlen...*seufz*

Bis vergangene Woche schrieben die Menschen in Internet-Tagebüchern über Gott und die Welt, Musik und Film. Dann kam die Flut. Jetzt schreiben sie über Angst und tote Freunde, verschwundene Verwandte und von Hand geschaufelte Gräber. Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" hat Beiträge gesammelt.


Särge der Flutopfer im Krankenhaus von Galle: "Ich bin über Leichen gestiegen, als ich nach meinem Freund Timmy gesucht habe"
DPA

Särge der Flutopfer im Krankenhaus von Galle: "Ich bin über Leichen gestiegen, als ich nach meinem Freund Timmy gesucht habe"

Sanjay Senanayake hat ein altes Nokia-Handy. Die Tastatur wird es nicht mehr lange machen, in den letzten Tagen hat er Tausende Nachrichten verschickt. Seit der Tsunami halb Sri Lanka verwüstete, ist der 23jährige aus Colombo in den Katastrophengebieten unterwegs, um zu helfen. Wann immer er eine Minute hat, schickt er eine SMS an Rohit Gupta in Bombay, der die Nachrichten unter Sanjays Pseudonym "Morquendi" ins Weblog "ChiensSansFrontiers" stellt. Es sind Mini-Reportagen - und manchmal wütende Gegendarstellungen zu offiziellen Meldungen.

Die Internet-Tagebücher der Blogger sind die besten Quellen in dieser Katastrophe. Nicht nur, weil sie eine Gegenöffentlichkeit schaffen zu den oft geschönten Berichten der staatlichen Medien vor Ort. Sondern auch, weil es Berichte aus erster Hand sind, von Menschen, die bis letzte Woche über Musik und Filme und Gott und die Welt geschrieben haben, bis die Flut kam und sie über Angst und tote Freunde und verschwundene Verwandte und mit den Händen geschaufelte Gräber schreiben ließ. Ihre unmittelbaren Berichte schaffen eine ungeheure Nähe. Und sie schufen eine außerordentliche Gemeinschaft, die nicht nur bloggt, sondern hilft.

Malaysia, 27. Dezember.
haus von flutwelle getroffen

praktisch alles verloren ... familie geht es gut ... gott sei dank ...

worte zum ereifern fehlen

an alle da draußen ...

schätzt wert, was ihr habt ... selbst die kleinsten dinge und ereignisse, die ihr für unwichtig haltet ...

denn nach diesem unglück ... nun ... meine sicht auf das leben hat sich sehr verändert ...

*seufz* zurück zum aufräumen und das haus zurück auf die beine kriegen

umarmungen an alle, die mich umarmt und mir moralische unterstützung gegeben haben Ronnie www.livejournal.com/users/ronnietan


Überlebende von Tirrokkovil in Sri Lanka: "Schätzt wert, was ihr habt"
REUTERS

Überlebende von Tirrokkovil in Sri Lanka: "Schätzt wert, was ihr habt"

Thailand, 27. Dezember.
Am Ende einer Straße, die von der Hauptstraße zum Strand führte, hatte es ein Restaurant gegeben, in dem wir an unserem Ankunftsabend gegessen hatten, das im wesentlichen zerstört ist. Ich meine: vollständig zerstört.

Der Weg nach Karen Beach war entsetzlich. Wir kamen an Strecken vorbei, die ganz unbetroffen waren, und an anderen, die schlimm betroffen waren. Wir brauchten ungefähr eine Stunde bis Karen Beach und landeten schließlich in Su's Bar, tranken Bier und sahen BBC World News. An der Bar herrschte eine surreale Ruhe. Hier sahen wir, daß Sri Lanka, wo wir leben, anscheinend die Hauptwucht des Tsunami abbekommen hatte.

Wir gingen zurück nach Kata Beach, immer noch geschockt, und hier wird es bizarr. Im Hotel lief alles wie normal. Sie bereiteten alles für eine Elvis-Nacht vor. Wir bestellten eine Meeresfrüchteplatte für zwei zum Abendessen. Dann gingen wir ins Internetcafé auf der anderen Straßenseite und schickten E-Mails an ein paar Freunde, deren Adressen wir wußten. Und dann gingen wir ins Bett. Shandy blogs.vbcity.com/shandy

Sri Lanka, 27. Dezember.
Gegen Mitternacht habe ich mein letztes Telefoninterview gegeben ... diesmal für "Headlines Today". Ich bin vorbereitet auf ein paar gute Fragen. Hilfsbemühungen, Geschichten von Überlebenden etc. ...

Ich werde zum Moderator durchgestellt. Erst verstümmelt er meinen Namen. Dann fragt er mich, was ich glaube, wie hoch die Todeszahl am Ende sein wird. (Nicht, wie hoch sie gerade ist.)

????????????????

Mann, war ich sauer. Ich wollte ihm ein paar Fragen stellen.

a) Sehe ich aus wie der verdammte Heilige Seher von Colombo? Was soll ich noch vorhersagen, Muttersöhnchen?

b) Ist das hier eine Art Cricket-Match? Wollen deshalb alle nichts sehnlicher, als den Scheiß-Endstand wissen? Wenn das so ist, scheint Sri Lanka sowohl Indonesien als auch Indien vernichtend geschlagen zu haben. Morquendi desimediabitch.blogspot.com

Sri Lanka, 28. Dezember.
Ich stehe in der Galle-Straße in Aluthgama und sehe vor mir Fünf-Tonnen-Dampfer, die auf die Straße geworfen wurden. Scary shit. Habe fünf Freunde gefunden, zwei tot. Von den fünf sind vier zurück in Colombo. Der letzte hängt fest wegen einer kaputten Brücke. Hat sein Bein gebrochen. Aber er lebt. Habe mit ihm gesprochen. Er wurde weggespült, konnte aber ans Ufer schwimmen. Sagte, er hätte den ganzen Tag Leute beerdigt. Sie einfach vom Strand gezogen und Löcher mit den Händen gegraben. Werde morgen früh mit Ausrüstung losfahren, um ihn abzuholen. Er klingt verstört. Vermute, das passiert, wenn man Gräber aushebt. Morquendi

Sri Lanka, 28. Dezember.
Auf dem Friedhof von Matara an der Hakmana-Straße wird eine Nonne beerdigt. "Unsere Schwester war im Altarraum während der Morgenmesse, als die Welle kam - sie war alt und konnte nicht schwimmen", sagte eine andere Nonne. Die verstorbene Nonne gehörte zur Jungfrauenkirche von Matara, die zum Meer zeigt. Die Haupt-Statue der Kirche wurde ins Meer getragen. "Das ist das vierte Mal, daß sie weggewaschen wurde - die Statue kam vom Meer und wurde vom Meer genommen", sagen Gemeindemitglieder. "Wir wissen, daß sie zurückkommen wird." Morquendi

Sri Lanka, 28. Dezember.
In der Leichenhalle des Karapitiya-Krankenhauses in Galle sind über 500 Leichen. Ich bin über einige gestiegen, als ich nach meinem Freund Timmy gesucht habe. Sie sind alle aufgedunsen vom Wasser, das sie aufgenommen haben. Sahen aus, als würden sie jeden Moment explodieren. Ich hatte nicht die Kraft, in die Haupthalle zu gehen, wo die Leichen abgeladen wurden. Der Gestank von verwesendem Fleisch und chemischen Desinfektionsmitteln war so schlimm, daß ich kotzen wollte.

Das tat ich dann.

Ich bin schon früher über Leichen gestiegen. Colombo hat zu viele Bomben erlebt, als daß irgendwer das nicht gemacht haben könnte. Ich habe schon früher unter Toten nach Freunden gesucht. Mir ist dabei noch nie schlecht geworden. Ich bin immer nüchtern geblieben. Aber der Gestank gestern war einfach mörderisch. Es war, als ob der Tod selbst versuchte, in deinen Körper zu kriechen, durch deine Nase und alle Poren deines Körpers. Morquendi

Sri Lanka, 28. Dezember.
Mein Appell an euch ist: Bitte, bitte helft. Sri Lanka braucht euch. Wir haben noch nie eine solche Zerstörung gesehen. Denjenigen von euch, die schon geantwortet haben: Danke. Denjenigen von euch, die noch darüber nachdenken zu helfen - bitte tut es. Wenn ihr selbst runterfahrt, geht in Gruppen. Die Plünderungen sind schlimm. Reist nicht nach Einbruch der Dunkelheit. Wenn ihr da draußen helfen wollt, es gibt Gegenden, wo Freiwillige besonders dringend gebraucht werden - Mattakuliya, Ratmalana etc. Findet es heraus und geht hin. Mahangu desimediabitch.blogspot.com

Sri Lanka, 28. Dezember.
Mein Cousin Chamara trainierte gerade im Galle International Cricket Stadium. Er bereitete sich auf ein großes Spiel nächste Woche vor. Als er das Wasser kommen sah, ließ er alles fallen und rannte auf die Straße. Er schaffte es, auf einen Bus aufzuspringen, der vor dem Wasser floh. Der Fahrer, anscheinend ein cooler Typ, fuhr sofort einen Berg hoch. Chamara sah, wie der Bus hinter ihnen, auch voll von Leuten, die zu fliehen versuchten, weggerissen wurde, herumgeschleudert wie ein Spielzeug und dann auf den Boden geschmettert. Chamara blieb auf dem Berg und wußte nicht, was er tun sollte. Er war für sein Training 70 Kilometer gefahren und hatte keine Möglichkeit, zurückzukehren oder seine Familie wissen zu lassen, daß es ihm gutging. Er ging hinunter nach Galle und schaffte es in einen Tempel, wo sich Obdachlose und Verletzte versammelten, und konnte einen Telefonanruf machen. Er ist noch nicht in der Lage, richtig zu sprechen. Morquendi

Indonesien, 28. Dezember.
Die Regierung hat uns jetzt gewarnt, daß wir von Aceh und Nord-Sumatra fernbleiben sollen, wenn möglich, weil sich das nächste größere Erdbeben in den nächsten zwei Wochen ereignen könnte. Aber was sollen wir tun? Wir leben hier, unsere Familie ist hier ... selbst wenn einige noch immer vermißt werden. Sogar mein Vater und meine Tante werden am Donnerstag nach Banda Aceh fahren. Meine Tante muß ihren Sohn suchen (mein Cousin, immer noch vermißt). Mein Vater muß dort irgendwelche technischen Schäden beheben, weil alle Mobilfunkverbindungen zerstört sind (mein Vater arbeitet hier in einer staatlichen Mobilfunkfirma).

Ja, ich habe immer noch Angst, daß es wieder passiert. Das ist schrecklich. Ich bin immer noch paranoid und starre alle Dinge an, die irgendwo hängen, nur um sicherzugehen, daß die sich nicht bewegen wegen eines Nachbebens. Konchikuwa greatestjournal.com/~konchikuwa/

Indien, 28. Dezember.
Den indischen Medien sollte man nie guten Geschmack unterstellen. "Mumbai Newsline", die Lokalbeilage des "Indian Express", hatte heute eine Geschichte, wie Prominente Neujahr feiern. Klar, daß alle planten, das neue Jahr mit einer großen Party willkommen zu heißen. Der Werbefilmer Prahlad Kakkar erzählte von einer Tauchparty, bei der er einmal war, und sagte: "Ich hoffe, wir werden auch in diesem Jahr Silvester unter Wasser feiern."

Viele Leute werden genau das tun, Herr Kakkar. Aber vielleicht haben Sie davon noch nichts gehört. Amit Varma indiauncut.blogspot.com

Sri Lanka, 29. Dezember.
Ich war etwas schockiert, als ich (in der BBC heute abend) gesehen habe, wie Kisten hinten aus einem Flugzeug geworfen wurden, das tief über ein Katastrophengebiet flog. Ich weiß nicht, wo das war oder wie verzweifelt die Umstände waren, aber es sah achtlos aus, und der Gedanke, ein Unglück zu überleben, nur um dann von einem Kasten Evian getötet zu werden, ist zu viel. Fred www.thiswayplease.com/extra.html

Indien, 29. Dezember.
Es waren merkwürdige zwei, drei Tage: viel Schreck und Entsetzen über das verheerende Erdbeben und die Tsunamis, ebenso viel Hilflosigkeit - und der Wunsch, etwas zu tun, während die Berichte mit mehr und mehr schrecklichen Nachrichten nicht aufhören wollen. Ich habe vorhin mit einem Freund gesprochen und gesagt, eigentlich will ich eine Tasche packen und in die Katastrophengebiete fahren, um als Freiwilliger zu helfen. Aber ich weiß, daß das nicht praktikabel ist.

Ich habe [...] bei WorldChanging gebloggt und in den vergangenen zwei Tagen die Unterstützung einer Gemeinschaft gespürt, die wirklich die Welt verändert - ich merke, daß der Blog sich zu einer sehr einflußreichen Position verändert hat, wo echte Handlung aus Konversationen und Dialogen entstehen kann. Wie das Hilfskonto, das schon viele Dollar für die Opfer gesammelt hat.

Der andere Blog ist SEA-EAT (South East Asia Earthquake and Tsunamis). Er sammelt Nachrichten und Informationen über Quellen, Hilfe, Spenden und Freiwilligenaktionen. Es ist ein lebendiges Dokument, das ich in ein paar Stunden habe wachsen sehen zu einer erstaunlichen Quelle, wo so viele wunderbare Leute Informationen austauschen. Dina Mehta www.worldchanging.com

Sri Lanka, 30. Dezember.
Keiner will im Augenblick Fisch essen. Fred

Thailand, 30. Dezember.
Unser Haus lag 50 Meter von dem Strand entfernt, der in Thailand am schlimmsten betroffen ist. Als Wasser in unser Haus strömte und die Wand im zweiten Stock aufriß, sprang ich vom Dach und schwamm und schwamm und schwamm, ritt auf der Welle tief in den Dschungel, während sie Gebäude für Gebäude zerstörte, Bäume herausriß und Diesel-Laster in die Luft wirbelte. Die Welle warf mich, ein kleines schwedisches Mädchen und ein 20-Meter-Polizeischiff einen Kilometer vom Strand entfernt im Dschungel ab.

In den nächsten fünf Stunden kümmerte ich mich um tote und sterbende Ausländer. Schließlich kamen Hubschrauber, und ich konnte zurück ins Stadtzentrum. Ich fand Karin (meine Freundin) und brach zusammen. An diesem Tag sah ich rund 100 Leichen. Am nächsten noch einmal 200. Und an dem Tag, als wir wegfuhren, waren da ganze Viehtransporter voller verwesender Körper, die nach Phuket gebracht wurden.

Alle paar Stunden setzte jemand ein Gerücht in die Welt, daß eine weitere Welle komme oder es eine Gasexplosion gebe oder daß die moslemischen Rebellen angreifen. Keines davon war wahr, aber sie lösten heftige Panik aus und brachten noch viele weitere Leute um.

Meine Stadt ist verschwunden. Wahrscheinlich rund zwei Prozent der ursprünglichen Gebäude sind noch als solche erkennbar. Ich habe sehr viel Glück, daß ich überhaupt nach Hause kann. Die amerikanische Regierung hat mir einen Telefonanruf angeboten, eine Zahnbürste, ein Taschenbuch und einen vorläufigen Paß. Kein Hotel, kein Essen, kein Rückflug. Mir wurde gesagt, daß ich einen Kredit bekommen könnte, wenn ich drei Leute benennen könne, die für mich bürgen. Die Prozedur würde nur ein paar Tage dauern. Ich war allein, verletzt (oberflächlich - aber ich sah schlimm aus), besaß nichts, hatte kein Geld, und meine Regierung bot mir ein Buch.

Ich bin sicher einer der Menschen in Thailand, die am meisten Glück hatten. Laut Lokalnachrichten sieht es aus, als ob es in meiner Stadt eine Überlebensrate von 60 Prozent gab. Pearl http://www.boingboing.net/

Indien, 31. Dezember.
Eingestürzte Hütte vor mir im Ödland vor Nagapattinam, zwei Leichen obendrauf, mehr darunter. Wir verbrennen sie. Feuer in der Abendsonne, immer wieder knallt es, wenn irgendwas im Feuer explodiert. Hinter mir ein Baby in einem Karton und ein anderes ausgestreckt in der Nähe. Gestank fast nicht auszuhalten. Dilip desimediabitch.blogspot.com

Sri Lanka, 31. Dezember.
Wichtig! Stoppt alle Hilfskonvois in den Batticaloa-Distrikt. Berichte über Überflutungen. Regen seit dem Morgen. Habe gerade zwei größere Medienunternehmen hier angerufen, daß sie die Nachricht rausschicken sollen, aber die Arschlöcher haben nicht auf mich gehört. Morquendi

Zusammenstellung und Übersetzung: Stefan Niggemeier

Weitere Informationen unter tsunamihelp.blogspot.com

SPIEGEL ONLINE hat den Text mit freundlicher Genehmigung der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" übernommen. Die von der "FAS" gepflegte alte Rechtschreibung haben wir beibehalten.

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