S.P.O.N. - Der Kritiker: Nazis? Da mach ich schnell die Augen zu!

Eine Kolumne von Georg Diez

Kann man Neo-Nazismus mit dem Reisebüro bekämpfen? Ob man den Opernsänger mit Hakenkreuz-Tattoo nimmt oder die Ruderin mit einem Ex-NPD-Mitglied als Freund - am liebsten würde man sie aus dem Gesichtsfeld verbannen. Die Ursachen für Rechtsradikalismus bleiben ungeklärt.

Was ist rechts? Wer ist rechts? Wie viele sind rechts? Was macht man mit rechts? Kann man rechts nicht doch verbieten, vergessen, übermalen, ignorieren, wäre das nicht viel bequemer? Und wenn man rechts nicht verbieten kann, vergessen, übermalen oder ignorieren, kann man es dann bitte wenigstens heimschicken?

Und was ist rechtsextrem? Wer ist rechtsextrem? Kriegt man das so leicht aus seinem Kopf raus, wie es rein geht? Schauen die Männer alle gefährlich aus? Oder ist es gefährlicher, wenn sie harmlos aussehen und eine Brille auf der Nase haben? Und tragen die Frauen tatsächlich alle extrem blond gefärbte Haare, so blond, dass man schon fast geblendet wird, wenn man hinschaut?

Denn dieses Bild auf jeden Fall bleibt, ganz egal, wie die Sache ausgeht, was dran war, wer sich richtig und wer sich falsch verhalten hat, was eh, so scheint es, kaum mehr geklärt werden wird - das alles spielt keine Rolle, so ist das in der Mediengesellschaft: Das Bild der blonden Nadja Drygalla gehört nun zur Ikonografie der bürgerlichen Angst.

Die Diskussion um Drygalla war dabei ähnlich bizarr wie die um das Hakenkreuz-Tattoo des russischen Opernsängers Evgeny Nikitin, der sein Bayreuth-Debüt absagen und abreisen musste, weil man im Hause Wagner natürlich keine Nazi-Symbole duldet - es waren Schrumpfformen einer ewigen deutschen Debatte: In beiden Fällen wurde schnell entschieden, in beiden Fällen musste die unangenehme Person verschwinden, in beiden Fällen waren es eher technische und taktische als inhaltliche Diskussionen, ganz so, als könne man Ideologie mit dem Reisebüro bekämpfen.

Aber ist denn etwa wirklich die "fundamentale Frage der ganzen Debatte", so beschrieb es die "Süddeutschen Zeitung": "Warum wurde das Verhältnis der Ruderin zu einem früheren Neonazi erst nach ihrem Auftritt bekannt?" Ist nicht die viel interessantere Frage, warum wir so überrascht sind, dass Nazis, Schläger oder NPD-Funktionäre eben auch Frauen haben oder Freundinnen, die in unserem wohlsortierten Leben auftauchen und plötzlich durchs Fernsehbild rudern - ganz einfach, weil es längst normal geworden ist, dass es diese Nazis, Schläger, NPD-Funktionäre gibt.

Weg mit euch! Aus den Augen, aus dem Sinn

Die Gesellschaft ist, mit anderen Worten, an einem anderen Punkt als das Reden über die Gesellschaft: Es gibt Popper und Türken und Islamisten und Nazis, da hilft es auch nichts, eine Ruderin nach Hause zu schicken. Die Ursachen wird man damit nicht zu fassen kriegen. Das aber suggerieren diese hektischen Placebo-Diskussionen: Weg mit euch! Aus den Augen, aus dem Sinn, damit wir uns nicht mit der Normalität und der Alltäglichkeit rechten Denkens auseinandersetzen müssen.

Im Fall von Nikitin wird dabei besonders deutlich, was passiert, wenn man nicht fassen oder nicht wahrhaben will, dass ein wütender junger Mann in Russland sich vielleicht ein Hakenkreuz auf die Brust tätowieren lässt - weil er rechts ist oder dumm oder einfach nur wütend: Die Diskussion wird dann so infantilisiert, dass man sich allen Ernstes mit der Frage auseinander setzen muss, ob das Hakenkreuz auf seinem Oberarm nur eine Vorstufe zu einem anderen Tattoo war, einem achtzackigen Stern.

Aha, so so, das ist aber wirklich mal wichtig.

Wichtig ist doch viel eher die Gedankenlosigkeit, mit der das Wort von der "Sippenhaft" gegen Nadja Drygalla die Runde machte - ein Wort, das die Nationalsozialisten '33 bis '45 für ihre Zwecke prägten. Wichtig ist die Frage, was es bedeutet, dass in Deutschland zehn Prozent oder mehr der Bevölkerung eine rechte oder rechtsextreme Weltsicht haben - wie in praktisch jedem Land der Welt. Wichtig ist die Frage, ob es einen rechten Status quo gibt und ob wir daran etwas ändern können. Sicher nicht, wenn wir damit zufrieden sind zu diskutieren, welcher Funktionär wen wann hätte warnen müssen.

Eine gute Nachricht zum Schluss: Das Wort löst sich übrigens auf, je länger man hinschaut:

rechts
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insgesamt 81 Beiträge
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1. Hier macht man sich etwas vor ...
vgo 10.08.2012
Es sind ja nicht nur die dunkelbraunen Ränder der Gesellschaft, die unangenehm sind. Es sind vor allen Dingen auch die braunen Flecken inmitten der Gesellschaft, die das Problem auslösen – daher ja auch die Reaktionen.
2. Mustergültig
S.Vazaha 10.08.2012
Wer weiß, vielleicht hat sich Frau Drygulla mit den falschen Vorstellungen ihres Freundes auseinandergesetzt und ihn auf einen besseren Weg gebracht. Dann wäre Sie ein leuchtendes Beispiel, wie man mit Nazis umgehen kann.
3. Inhalte
sysop 10.08.2012
Die Fakten zum Fall Drygalla sind bekannt und müssen hier nicht abermals nacherzählt werden. Dies ist eine Meta-Debatte, deren Gegenstand sich nach Lektüre des Artikels erschließt.
4.
gibbonnobbig 10.08.2012
Zitat von sysopKann man Neo-Nazismus mit dem Reisebüro bekämpfen? Ob man den Opernsänger mit Hakenkreuz-Tattoo nimmt oder die Ruderin mit einem Ex-NPD-Mitglied als Freund - am liebsten würde man sie aus dem Gesichtsfeld verbannen. Die Ursachen für Rechtsradikalismus bleiben ungeklärt. NPD und Rechtsextreme gehören zu unserer Realität - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,849286,00.html)
Natürlich gibt es einen rechten Status Quo. Wir leben in einer breit gefächerten Gesellschaft, deren Aufteilung in die politischen Lager wohl mehr oder weniger einer Normalverteilung entspricht. Dass es da Ausreißer an den beiden Enden des Spektrums gibt, ist nicht verwunderlich. Auch ist die Äußerung extremer Meinungen durch das GG gedeckt. Man muss diese Meinung nicht teilen, und man darf seinerseits dagegen sprechen, aber den Mund kann man ihnen nicht verbieten. Im dänischen Aarhus stand ein Kunstwerk auf dem stand: "Demokratie ist künstlich, Rassissmus ist natürlich." Ich denke, da ist was Wahres dran. Die Angst vor dem Unbekannten ist wohl in jedem Lebewesen vorhanden. Deshalb sollte man den Rechten die Augen öffnen und klar machen, dass sie keine Angst haben müssen, aber man kann die Weltanschauung nicht per Dekret verbannen, das würde das Gegenteil erzielen.
5.
itzenflitz 10.08.2012
Zitat von maipiuNatürlich hilft "das Reisebüro" nicht gegen die Rechten. Da hilft nur Aufklärung. Aber sollte man diese Leute einfach tolerieren? Das kann ja keine Option sein. Meiner Meinung nach muss man ihnen sagen, dass man sie und ihre menschenverachtende Gesinnung eben nicht toleriert und schon gar nicht akzeptiert. Und das gilt auch für die Freunde der Rechten, die meinetwegen hundertmal behaupten, sie selbst seien nicht rechts. Wer sich mit den Schweinen ins Bett legt, duftet eben nicht nach Rosen.
Jo, dann wünsche ich auch Ihnen viel Spaß bei Ihrer "Aufkärungstour"! Los gehts in bei der Freiwilligen Feuerwehr oder irgendwo beim Sportverein. Am Besten irgendwo in der Pampa im Uecker-Randow-Kreis in Vorpommern. ;-) Im Ernst, diese Diskussionen sind rein virtuell: Ja, es gibt extremistische Anschauungen in Deutschland. Nein, wir erreichen diese Leute in der Regel nicht mehr. Weder in der Schule und schon gar nicht durch Sonntagsreden der Politik oder Lichterketten. Also: 1. Wirtschaftliche Perspektiven schaffen. 2. Politiker, die sich "vor Ort" um die Probleme der Menschen kümmern. Und nicht nur durch parlamentarische Sonntagsreden "Aufklärung" wie hier im Forum fordern. Parteien rein in die Sportvereine, in die Freiwilligen Feuerwehren usw! Nicht zur Übergabe von Fördermittelbescheiden. Sondern durch richtige ehrenamtliche Arbeit. Dann könnte etwas besser werden.
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Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981 ("www.8081.biz"). Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).

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