Judendeportation Historiker entdeckt erschütternden NS-Polizeibericht

Es ist ein seltener Fund: Ein Historiker hat in einem Londoner Archiv einen NS-Polizeibericht über die Judendeportation aus Düsseldorf entdeckt. Der Autor, ein Polizeihauptmann, hält darin zynisch fest: "Die Juden waren ziemlich weich", seine Männer dagegen "frisch und gleichbleibend diensteifrig".

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DPA

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Düsseldorf - Der Düsseldorfer Historiker Bastian Fleermann ist im Online-Katalog der Wiener Library in London auf das Dokument gestoßen - mit den Suchworten "Düsseldorf" und "Minsk". "Das war ein reiner Zufallsfund", sagte Fleermann am Mittwoch in Düsseldorf, wo er den Report erstmals präsentierte. "Wir wissen nicht, wie er in dieses Londoner Archiv gelangt ist."

Der Polizeibericht ist ein erschütterndes Zeitdokument über eine Deportation von Juden aus Düsseldorf nach Minsk im Jahr 1941. Die viertägige Tortur führte die Menschen in die Konzentrationslager, in den Tod. Nur fünf Juden des Düsseldorfer Zuges überlebten den Holocaust. Berichte dieser Art sind äußerst selten. Die Nazis hatten am Ende des Krieges versucht, die Spuren ihrer Tötungsmaschinerie zu vernichten.

"Die Juden waren um diese Zeit ziemlich weich", heißt es kaltschnäuzig im Bericht des Schutzpolizeihauptmanns und SS-Mitglieds Wilhelm Meurin, der verantwortlich für die Überwachung der Deportationsfahrt war. Sein siebenseitiger Dienstbericht dokumentiert bürokratisch jeden einzelnen Halt des Todeszuges, dem Zustand der jüdischen Deportierten dagegen gilt kaum ein Satz.

Detailliert aber hält Meurin fest, dass er in einem Zug dritter Klasse an den Rhein zurückkehren muss, dass die zugeteilte Alkoholration für die lange Reise etwas dürftig war und Ohrenschützer für die Beamten bei künftigen Fahrten wünschenswert wären.

Von antisemitischer Propaganda durchsetzt

300 Juden seien bereits bei der Ankunft nicht mehr marschfähig gewesen, berichtet Meurin. "Das Ausladen in Minsk konnte trotzdem mit der gewünschten Beschleunigung durchgeführt werden." Aus dem Minsker Ghetto seien "8000 russische Juden entfernt und (...) erschossen worden", schreibt Meurin in dem Dienstbericht, der von antisemitischer Propaganda und angeblichen Augenzeugenberichten über Kannibalismus unter russischen Kriegsgefangenen durchsetzt ist. Seinen Männern sei es dagegen gut gegangen. "Die Männer waren frisch und gleichbleibend diensteifrig." Krankmeldungen habe es nicht gegeben.

Für die Historiker ist das Dokument äußerst wichtig, denn bisher ist nur ein vergleichbarer Polizeibericht über einen Deportationszug bekannt. In dem sogenannten Salitter-Bericht schildert der Polizeibeamte Paul Salitter ebenfalls eine Deportation von Juden vom Düsseldorfer Güterbahnhof Derendorf.

bos/dpa



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