Nazi-Raubkunst: Stadt Köln gibt Kokoschka-Gemälde zurück

"Portrait Tilla Durieux" im Museum Ludwig: Kokoschka-Bild wird abgehängt Zur Großansicht
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"Portrait Tilla Durieux" im Museum Ludwig: Kokoschka-Bild wird abgehängt

Tilla Durieux war eine österreichische Schauspielerin, Oskar Kokoschka porträtierte sie 1910. Das Gemälde hing bisher im Museum Ludwig in Köln. Doch nun bekommen es die Erben des Kunsthändlers Alfred Flechtheim zurück. Das Gemälde wurde von einer Kommission als NS-Raubkunst eingestuft.

Köln/Hamburg - Für das Kölner Museum Ludwig ist es ein schmerzlicher Verlust, im heiklen Umgang mit Nazi-Raubkunst möglicherweise eine richtungweisende Entscheidung. Noch in dieser Woche will die Stadt Köln das Gemälde "Portrait Tilla Durieux" des österreichischen Malers Oskar Kokoschka an die Erben des jüdischen Kunsthändlers Alfred Flechtheim zurückgeben. Die Flechtheim-Erben fordern die Restitution weiterer Kunstwerke aus deutschen Museen, etwa 35 Bilder hält ihr Anwalt Markus Stötzel für "Verdachtsfälle".

"Selbstverständlich respektieren wir den Willen der Erbengemeinschaft, auch wenn wir es sehr bedauern, uns von solch einem wichtigen Werk unserer Sammlung zu trennen", kommentierte der Direktor des Museums Ludwig, Philipp Kaiser, die Entscheidung der Stadt. Das Kokoschka-Bild, dessen Wert auf rund drei Millionen Euro geschätzt wird, gehörte seit der Gründung des Museums Mitte der siebziger Jahre zur Dauerpräsentation des Hauses.

Die Stadt folgt mit der Rückgabe der Empfehlung der beratenden Kommission zur NS-Raubkunst. Das 1910 entstandene Gemälde hatte der Kölner Sammler Josef Haubrich 1934 bei Flechtheims früherem Geschäftsführer Alexander Vömel gekauft. 1946 überließ es Haubrich seiner Heimatstadt Köln. Die Geschichte des Bildes ist nach Ansicht der Schlichtungskommission nicht mehr lückenlos zu klären. Es sei aber davon auszugehen, dass Flechtheim als Verfolgter des NS-Regimes gezwungen war, das Kunstwerk abzugeben.

Keine Veranlassung für weitere Verhandlungen

Der Großneffe Flechtheims, Michael Hulton, fordert auch das Bild "Federpflanze" von Paul Klee sowie ein kubistisches Stillleben von Juan Gris von der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf zurück. Auch das dort ausgestellte Bild "Die Nacht" von Max Beckmann ist im Visier der Erben. In den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen hat Flechtheim-Anwalt Stötzel gleich sechs Werke Beckmanns im Blick.

Kunstsammlungschefin Marion Ackermann hatte sich Ende 2012 offen gezeigt, die beratende Kommission einzuschalten. Denn trotz jahrelanger Recherchen konnten Provenienz-Forscher die Rechtslage bei der "Federpflanze" nicht eindeutig klären. Erschwert wird die Arbeit dadurch, dass wichtige Galerie-Archive geschlossen sind oder gar nicht mehr existieren.

Diese Fälle dürften noch schwieriger zu klären sein als die Geschichte des Kokoschka-Bildes, um das vier Jahre lang gestritten worden war. Beim Durieux-Porträt ist klar, dass es Flechtheims Privatbesitz war. Bei einer Ausstellung 1931 in Mannheim war es nach Darstellung des Flechtheim-Biografen Ottfried Dascher ausdrücklich als dessen privater Besitz deklariert worden.

Die Flechtheim-Erben lehnen es nicht grundsätzlich ab, restituierte Bilder in den Museen zu lassen. Vor gut einem Jahr hatte das Kunstmuseum Bonn ein Bild des rheinischen Expressionisten Paul Adolf Seehaus zurückgegeben. Das Museum entschädigte die Erben, das Bild blieb da. Für das Kokoschka-Bild hatten sie eine solche Lösung schnell ausgeschlossen: Es gebe keine Veranlassung, nach der jahrelangen Auseinandersetzung über eine andere Lösung zu verhandeln.

feb/dpa

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1. Ob es da Prallelen zu den deutsche Zwangsarbeitern während des Krieges gibt ?
si tacuisses 17.06.2013
Zitat von sysopTilla Durieux war eine österreichische Schauspielerin, Oskar Kokoschka porträtierte sie 1910. Das Gemälde hing bisher im Museum Ludwig in Köln. Doch nun bekommen es die Erben des Kunsthändlers Alfred Flechtheim zurück. Das Gemälde wurde von einer Kommission als NS-Raubkunst eingestuft. NS-Raubkunst: Köln gibt Kokoschka-Gemälde an Flechtheim-Erben zurück - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/ns-raubkunst-koeln-gibt-kokoschka-gemaelde-an-flechtheim-erben-zurueck-a-906224.html)
So lange warten bis niemand mehr lebt und Forderungen stellen kann ? Als hätten Kuratoren des Ludwig-Museums die Historie des Bildes nicht gekannt. Wie sagte einmal ein pfiffiger Zeitgenosse: Nur soviel zugeben wie sowieso bekannt ist.
2. Jetzt erst? ?
mknbmsp 17.06.2013
Wie viel Zeit muss noch vergehen bis alle Kunstwerke, Zwangsarbeiter usw zurückgeben bzw. entschädigt werden. Bis heute ist zu merken das die BRD von Verbrechern aufgebaut wurde, Adenauer ist da keine Ausnahme. Er ist genauso ein Verbrecher wie alle denen er ein neues Amt gegeben hat.
3. optional
guteronkel 17.06.2013
Oje, jetzt also auch in Köln. War ich es doch nur gewöhnt von Münchener Museen zu hören, dass diese sich weigerten geklaute Kunst zurückzugeben. Jetzt also auch ein ... nein, mehrere Fälle in Köln. Das zeigt uns mal wieder, wie stark der Wille zur Aufarbeitung und Abgeltung von Schuld in Deutschland von 1945 bis 2013 gewesen ist: Nur so viel wie unbedingt notwendig, unklare Sachen im Unklaren lassen und Lügen und Leugnen. Also so richtig gute NAZI-Politik. Was haben wir da für Leute in die Regierungen gewählt? Was sitzen heute da für Leute drin?
4.
bénichousaraute 17.06.2013
Raubkunst wird geraubt, nicht gekauft, sonst hieße es ja Kaufkunst. Kunst wird in den seltensten Fällen ohne Not hergegeben. Als meine Eltern ihre wenigen, nicht großartig wertvollen Kunstwerke verkaufen mussten, um ihre Existenz und die ihrer Geschwister zu sichern, bekamen sie auch nicht viel Geld dafür. (Im Krieg ist ein halbes Schwein halt mehr wert als eine Skizze von Desproges.) Ich hätte die Sachen dann auch gerne wieder. Schließlich waren meine Eltern damals in einer Notlage, die von Anderen schamlos ausgenutzt wurde.
5. Eine Meldung, die sehr
clubzwei 18.06.2013
traurig stimmt. Werke wie dieses gehören Ein ein öffentliches Museum, nicht in die privaten Einrichtigungen!
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