NS-Raubkunst-Streit "Skandalös unsensibel"

Alter Streit, neuer Ärger: Nach den Recherchen einer NS-Raubkunst-Expertin befindet sich ein Paul-Klee-Gemälde zu Unrecht im Besitz der Stadt München. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview attackiert Monika Tatzkow jetzt die Politik - und stellt den deutschen Museen ein schlechtes Zeugnis aus.


SPIEGEL ONLINE: Frau Tatzkow, Ihre Nachforschungen in Sachen Paul Klees "Sumpflegende", das derzeit im Münchner Lenbach-Haus hängt, werden wohl bald Thema einer internationalen Gerichtsverhandlung. Ein wenig stolz?

Raubkunst-Expertin Tatzkow: "Das Bild steht den Erben zu"
Verlag Zabert Sandmann

Raubkunst-Expertin Tatzkow: "Das Bild steht den Erben zu"

Tatzkow: Ja, es ist längst überfällig, dass die Recherchen für unser neues Buch auch kulturpolitisch Wirkung zeigen. Ich befasse mich seit Jahren mit NS-Raubkunst und konnte schon öfter maßgebliche Verfahren beeinflussen, aber gutachterlich, nicht vor einer großen Öffentlichkeit.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt werden Sie berühmt.

Tatzkow: Immer mit der Ruhe.

SPIEGEL ONLINE: Sie und Melissa Müller haben herausgefunden, dass Sophie Lissitzky-Küppers auch nach der Beschlagnahmung der "entarteten Kunst" 1937 als Eigentümerin des Klee-Bildes anerkannt blieb.

Tatzkow: Daher steht das Bild den Erben immer noch zu. Frau Lissitzkys Name ist sogar auf der Rückseite des Bildes zu lesen. Kunstkenner, so auch die Stadt München und erst recht die Münter-Stiftung, hätten dies wissen müssen. Es handelte sich also um keinen gutgläubigen Erwerb.

SPIEGEL ONLINE: Hat den das Landgericht München 1993 vorausgesetzt, als es den Anspruch des Lissitzky-Sohnes Jen auf das Bild ablehnte?

Tatzkow: In der Tat. Das Gericht ging fehlerhafterweise davon aus. Frau Lissitzky sei wirksam enteignet worden, obwohl das Nazi-Gesetz über vom Staat eingezogene "Verfallskunst" auf Ausländer gar keine Anwendung fand. Die Nazis vermerkten deshalb, ihr Fall müsse "gesondert" behandelt werden, da sie Bürgerin der Sowjetunion war. Es gab hier keinen wirksamen Enteignungsvorgang wie sonst bei der "entarteten" Kunst. Frau Lissitzky wurde als "jüdisch-bolschewistisch" stigmatisiert und erhielt ihre Kunstwerke, die im Landesmuseum Hannover als Leihgaben hingen, nicht zurück. Das ignoriert Münchens Oberbürgermeister, wenn er in seinem skandalös unsensiblen Brief vom 27. Januar die Washingtoner Erklärung hier für "nicht anwendbar" hält. Auch die Feststellung im aktuellen SPIEGEL, der Verlust des Bildes habe "nichts zu tun mit rassistischen oder politischen Gründen, die in der Person des Enteigneten liegen", es sei allein um das Werk gegangen, ist fehlerhaft. Ein Sohn aus Sophies erster Ehe wurde 1937 ins KZ Sachsenhausen deportiert.

SPIEGEL ONLINE: In der Washingtoner Erklärung von 1998 verpflichteten sich 44 Staaten, bei "NS-verfolgungsbedingten" Verlusten etwa keine Verjährungsfristen mehr anzuwenden. Warum klagen die Erben jetzt nicht wieder vor einem deutschen Gericht?

Tatzkow: Da der Wert des Bildes heute auf mindestens zwei Millionen Euro geschätzt wird, wäre bei jeder Instanz eines deutschen Gerichts eine sechsstellige Vorkasse zu zahlen. Das ist in den USA nicht so.

SPIEGEL ONLINE: Zeigen sich auch andere deutsche Städte ziemlich stur, wenn jüdische Erben sich melden?

Tatzkow: Es ist tatsächlich bis heute, zumal bei städtischem Kunstbesitz, eher die Ausnahme, dass die Washingtoner Prinzipien angewandt werden.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es nach Ihrer Einschätzung noch einige andere Raubkunstwerke in deutschen Museen, die eigentlich zurückgegeben werden müssen?

Tatzkow: Mehrere.

SPIEGEL ONLINE: Nennen Sie wenigstens eine Stadt.

Tatzkow: Duisburg.

Das Interview führte Mathias Schreiber



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