NS-Verbrecher und Stasi "Wer Nazi war, bestimmen wir!"

Die Führung der DDR hat Westdeutschland als "Staat der Täter" bezeichnet. Aber das Bild des "antifaschistischen" Ostdeutschlands bekommt immer größere Risse. Viele ehemalige Nazis waren später Inoffizielle Mitarbeiter des realsozialistischen Staatssicherheitsdienstes, zeigt eine neue Studie.

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Berlin - Henry Leide ist ein wuchtiger Mann mit einer großen Aufgabe. Elf Kilometer Akten hat Leide in Beschlag genommen - alles Unterlagen, die im NS-Archiv der Staatssicherheit jahrelang eingestaubt waren. Über das, was in diesen Akten steht, hat Leide ein Buch geschrieben. "NS-Verbrecher und Staatssicherheit." Heute Abend soll es vorgestellt werden: Leide, der Mitarbeiter der Birthler-Behörde ist, sitzt auf dem Podium, zwischen dem Jenaer Historiker Norbert Frei und dem Leiter der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg, Joachim Riedel.

Diskutanten Leide (l.), Riedel: "Ein ganz anderer Schnack"
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Diskutanten Leide (l.), Riedel: "Ein ganz anderer Schnack"

Vor allem Rentner haben die Stühle vor der Bühne besetzt. Bestimmt 200 sind gekommen, die meisten von ihnen haben Wollpullover an und eckige Metallbrillen auf. Ein älterer Herr mit schlohweißen Haaren legt sein "Gloria-Spezial-Kreuzworträtsel-Heft" zur Seite. Dass es sich aber nicht um Teilnehmer eines Seniorenausflugs handelt, wie man auf den ersten Blick denken könnte, wird schnell klar. Denn das, was Leide gleich auf dem Podium sagen wird, ist verstörend. "Schließlich ist eine ganze Generation in der DDR in dem Glauben aufgewachsen, dass der Antifaschismus eine reale Grundlage hat", sagt der Historiker Frei.

Dabei ist die Erkenntnis, dass es auch in der "antifaschistischen DDR" viele gab, die kleine oder große Räder der NS-Maschinerie waren, an sich nicht neu "denn die breite Toleranz des Nationalsozialismus bis 1945 trifft - so banal diese Feststellung ist - genauso für West- und Ostdeutschland zu", sagt Frei.

"Reine Willkür"

Aber Leide hat mit seiner Arbeit etwas anderes belegt: Der Antifaschismus, den die DDR propagierte, war nicht nur in Einzelfällen ein Mythos. 1951 waren 174.928 ehemalige NSDAP-Mitglieder oder Wehrmachtsoffiziere in der SED - das hatte eine Parteizählung ergeben. "Wenn die Stasi ein geheimdienstliches Interesse an einer Person hatte, die im "Dritten Reich" für die Nazis gearbeitet hat, dann ist ihr nichts passiert." Wie mit ehemaligen NS-Verbrechern umgegangen wurde, sei reine politische Willkür gewesen. "Das hauptamtliche Stasi-Personal war relativ sauber, bei den Inoffiziellen Mitarbeitern war das ein ganz anderer Schnack", sagt Leide. Und dann erzählt er von seiner Arbeit.

Da gab es zum Beispiel einen Mann, der in Auschwitz die Deportationszüge auf die Rampe gefahren hat. Er habe nur immer gemerkt, dass es kurz gestunken habe, wurde in den Akten der Staatssicherheit vermerkt. Die Stasi warb ihn als Inoffiziellen Mitarbeiter an.

Oder die Geschichte von Josef Settnik: Die Stasi hatte ihn kurz vor den ersten Auschwitz-Prozessen als Angehörigen der "Politischen Abteilung" in Auschwitz entlarvt. Was heißt, dass Settnik an Vergasungen, Selektionen und Folterungen im Vernichtungslager direkt beteiligt war. "Es gab aber kein Ermittlungsverfahren, stattdessen wurde Settnik 1964 bei der Stasi angeworben. Das wurde dann euphemistisch als Wiedergutmachung bezeichnet", erzählt Henry Leide. Die Stasi-Beamten erklärten Settnik, die "Wiedergutmachung" könne er nur durch eine ständige und gute Auftragserfüllung leisten. Also spionierte Settnik fortan seine katholische Gemeinde und Kollegen in seinem Betrieb aus.

Nur punktuelle Aufarbeitung

Aufarbeitung der NS-Geschichte von DDR-Bürgern wurde also bis 1989 nur sehr punktuell geleistet. Für die Verfolgung von NS-Verbrechern, die in Westdeutschland lebten, hatte die Stasi noch andere Taktiken: Mit den Informationen, die die Stasi über den Mann hatte, der vermutlich für die Ermordung des Arbeiterführers Ernst Thälmanns im KZ Buchenwald verantwortlich war, Erich Gust, rückte die Stasi nicht raus: "Denn ein frei herumlaufender potentieller Mörder in der BRD war aus Propagandazwecken offenbar nützlicher als ein Drängen auf die Ahndung des Mordes", sagt Leide. Gust starb unbehelligt.

Im Publikum entsteht Unruhe: Ob es denn spezielle Dossiers gibt zu dieser und jener Person, wollen mehrere wissen. Ein Mann aus der letzten Reihe steht auf. Er sei ein kleines Licht gewesen und Unterhaltungskünstler, damals in der DDR, sagt er. Und er habe selbst zu jenen gehört, die in der DDR Listen mit denen Namen von ehemaligen NSDAP-Bürgern publik gemacht hat und dafür verurteilt wurde. Die Leute von der Staatssicherheit hätten ihm damals gesagt: "Wer Nazi war - das bestimmen wir." Ein Mann in Reihe drei murmelt kopfschüttelnd: "Noch in den fünfziger Jahren wäre die NSDAP die zweitgrößte Fraktion in der Volkskammer gewesen." Er meint damit die große Zahl der Volkskammer-Mitglieder, die im "Dritten Reich" in der NSDAP waren.

35 Fälle hat Henry Leide in seinem neuen Buch untersucht - Fälle, die das ganze Spektrum des Umgangs in der DDR mit Nazis abdecken. "Eine Aufrechnung über die Aufarbeitung in West- und Ostdeutschland nach dem Motto: 'Schlägst du meinen Nazi, schlag ich deinen Nazi', allerdings macht mir Bauchschmerzen", sagt er.

Als die Diskussion zu Ende ist, sagt eine Frau aus dem Publikum: "Da hätte man auch ins Theater gehen können." Vielleicht meint sie damit, dass ihr die Geschichten, die Henry Leide heute aus der DDR erzählt hat, genauso unwirklich vorkommen. Aber sie sind wahr.



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