Fotografie Die Großen unter den Akten

Eine Berliner Ausstellung zeigt den Blick berühmter Fotografen wie Helmut Newton und David Lynch auf Aktmodelle - von schüchternen Mädchen bis High-Heels-Amazonen. Eine zeitgemäße Einordnung hat die Schau leider verpasst.

David Lynch

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Auch wenn es berühmte Namen und ikonografische Bilder sind, die nun in Berlin gezeigt werden, unangreifbare Werke - man kommt nicht umhin, diese Frage zu stellen, nach über einem Jahr #MeToo: Warum gerade jetzt eine Ausstellung von Aktfotos, in der ausschließlich intime Posen zu sehen sind, für die berühmte Fotografen hinter der Kamera standen, und namenlose, junge Frauen nackt davor?

Wie geht man mit der veränderten Wahrnehmung in der Gesellschaft um? Matthias Harder, Kurator der Ausstellung "Nudes" im Museum für Fotografie hat sich dafür entschieden, solche Fragestellungen zu ignorieren. Er habe durchaus mit einer Diskussion gerechnet, wolle aber keine Position beziehen. "In den USA ist #MeToo viel größer als in Deutschland. Das hier ist eben keine politische Ausstellung."

Dieser fehlende Wille zur Kontextualisierung mag daran liegen, dass Matthias Harder der Leiter der Helmut Newton Stiftung ist, und diese eben das Werk eines Mannes pflegt, der mit der Darstellung von nackten Frauen in Dominaposen sehr berühmt geworden ist. Newton hat seinerzeit stets die Grenze zum Tabu ausgelotet und sich deshalb immer mit Anfeindungen auseinandersetzen müssen. Schon in den Neunzigerjahren hatte Alice Schwarzer gegen Helmut Newton gewettert, ihn als sexistisch und rassistisch beschimpft, sein Werk als pornografisch geschmäht.

Nun hat Harder die erste Ausstellung kuratiert, die sich ausschließlich mit Aktfotografie befasst. Dabei hätte die Stiftung einige Möglichkeiten gehabt, sich Debatten gegenüber aufgeschlossen zu zeigen - man hätte auch Akte einer Fotografin zeigen können, man hätte auch Männerkörper zeigen können, oder man hätte in einem Vorwort zur Ausstellung begründen können, warum man eben dies nicht für nötig hält. Nichts davon.

Schüchterne Mädchen und herrische Blicke

In dieser Hinsicht ist es eine eindimensionale Ausstellung geworden, in der mächtige Männer auf nackte Frauen blicken. Das bekannte Newton-Portfolio in Schwarz-Weiß mit seinen hochgewachsenen, muskulösen Frauen und Fetisch-Inszenierungen wird dabei mit Bildern des Werbefotografen und Malers Saul Leiter und des Filmkünstlers David Lynch kombiniert - ästhetisch gesehen ein kontrastreiches Arrangement. "Ganz unterschiedliche Ansätze, in denen sich der Zeitgeist wiederfindet", erklärt Kurator Harder sein Konzept.

Im Foyer der Stiftung wird der Besucher von den fünf High-Heels-Amazonen der "Big Nudes" empfangen, die herrisch ins geschwungene Treppenhaus hinabblicken. Darauf folgt der zentrale Raum der Ausstellung, in dem überlebensgroße Körperlandschaften von David Lynch hängen. Unabhängig von seinem filmischen Werk fotografierte Lynch in Los Angeles und im polnischen Lodz über Jahre Akte, die 2017 dann in einem Bildband der Pariser Fondation Carter veröffentlicht wurden. Lynchs Nahaufnahmen sind Beobachtungen von Körpern und ihren Schatten, mehr Rätsel als Pose. Dieser hohe Grad an Abstraktion habe ihn begeistert, er habe die Bilder sofort ausstellen wollen, erklärt Matthias Harder, "neben Newton kann man eben nur Akte zeigen, die völlig anders sind als Newton, nicht seine vielen Nachahmer."

Frauen bei Newton sind überlebensgroß, selbst gefesselt wirken sie noch offensiv, alles wird gezeigt, es gibt kein Geheimnis. Die Fotografien Lynchs sind Bildanschnitte im Riesenformat bis zur Unkenntlichkeit, daraus entsteht eine gewisse Rätselhaftigkeit, aber ebenfalls wenig Gefühl. Doch die stillen Stars, die diese Schau wirklich sehenswert machen, sind die schüchternen Annäherungen Saul Leiters im hinteren Raum. Der von seiner Kamera geradezu besessene Werbefotograf, der aus der Malerei kam, hatte in seiner New Yorker Wohnung Freundinnen und Geliebte porträtiert und die Bilder selbst entwickelt.

In den kleinformatigen Schwarz-Weiß-Bildern, die teilweise als winzige Schnipsel in einer Vitrine präsentiert werden, liegen Frauen auf Sofas, Betten oder in Badewannen, sie kleiden sich um oder rauchen. Alles hat eine natürlich wirkende Erotik, die damals möglicherweise verrucht gewirkt hätte. Doch diese sensiblen Einblicke in intime Momente hielt der Künstler bis zu seinem Tod unter Verschluss. Sie waren ihm wohl zu privat.

Im Video: Die Geschichte des Nacktseins

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Ausstellung: "Saul Leiter. David Lynch. Helmut Newton: Nudes", Helmut Newton Stiftung, Museum für Fotografie Berlin, bis 19. Mai 2019.

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