Obamas Rede am Brandenburger Tor: Mal ehrlich, Mister President!

US-Präsident in Deutschland: Berlin rüstet sich für die Obama-Show Fotos
AFP

Heute spricht Barack Obama am Brandenburger Tor in Berlin. Was wird der US-Präsident den Deutschen sagen, welchen Satz werden wir uns merken? Wir hätten da einen Vorschlag.

Sehr geehrter Herr Präsident, lieber Barack Obama,

diese Spannung! Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr wir alle hier auf Ihre Rede am Brandenburger Tor warten. Und das nicht nur, weil wir danach endlich wieder unser Bürofenster am Pariser Platz öffnen können, ohne Gefahr zu laufen, von einem Scharfschützen ins Visier genommen zu werden. Nein, wir sind gespannt auf Ihre Worte, nicht nur hier, sondern im ganzen Land.

Denn Sie wissen ja: Amerikanische Präsidenten auf Berlin-Besuch haben immer eine großartige Botschaft dabei. John F. Kennedys "Ich bin ein Berliner" kennt jedes Kind, Ronald Reagans "Tear down this wall" beförderte die Wiedervereinigung, Bill Clintons "Alles ist möglich. Berlin ist frei" traf ins Herz, und George W. Bushs, ähm, jedenfalls war der auch mal da. Und jetzt sind Sie dran, Herr Präsident Obama. Wir haben höchste Erwartungen an Ihre Rede!

Welche Hoffnung haben Sie uns diesmal mitgebracht?

Die haben Sie selbst geweckt. Letztes Mal, als Sie in Berlin gesprochen haben, 2008, noch als Kandidat und deshalb nicht vor dem Tor, sondern an der Siegessäule, da sagten Sie: "People of Berlin - people of the world - this is our moment. This is our time." Das klang super, nach Aufbruch und Hoffnung, eben ganz im Stil Ihres Wahlkampfslogans "Yes we can". Und jetzt sind Sie Präsident, schon seit bald fünf Jahren. Welche Hoffnung haben Sie uns diesmal mitgebracht? Was können Sie uns heute sagen?

Gar nicht so leicht, diese Frage zu beantworten. Der Kalte Krieg ist ja nun schon eine Weile vorbei, mit Solidaritätsbekundungen für eine vom Eisernen Vorhang umschlossene Stadt werden Sie nicht mehr punkten können. "Ich bin ein Berliner", das würde heute eher Ängste wecken: Oh Gott, jetzt hat sich der Obama also auch eine Wohnung in Berlin gekauft, und die Immobilienpreise und Mieten steigen noch höher. Es ist auch nicht anzunehmen, dass Sie die aktuellen Probleme dieser Stadt und dieses Landes sonderlich tangieren. Das hiesige Flughafendesaster kann Ihnen ziemlich egal sein, und um die Euro-Krise müssen sich die Europäer in erster Linie selbst kümmern.

Das wird Ihnen hier zwar niemand laut sagen wollen, aber tatsächlich kommen Sie in ein Land, das gerade keine wirklichen Probleme hat - jedenfalls keine, die nicht mit Geld und gutem Willen in den Griff zu bekommen wären. Mit den Nachbarn leben wir in Frieden, mit unseren Euros können wir entgegen anderslautender Gerüchte immer noch Brot und Autos kaufen, dem bösen Atom haben wir abgeschworen, und die Probleme Afghanistans überlassen wir demnächst wieder den Afghaninnen und Afghanen. Angela Merkel regiert derweil weiter, bis alle eingeschlafen sind.

Das ist zwar alles sehr beruhigend, aber nicht schön für Ihre Rede. Denn wo keine Not herrscht und keine Sehnsucht ist, wo alle in der Sommerhitze zufrieden vor sich hin dösen, da braucht es keine großen Worte.

Wir haben uns ein wenig auseinander gelebt

Und was noch dazukommt: Wir haben uns, Sie werden es nicht bestreiten können, bei aller Freundschaft ein wenig auseinandergelebt in den letzten Jahren. Sie, die Amerikaner, haben uns im Zweiten Weltkrieg von den Nazis befreit und uns gelehrt, was Freiheit ist. Dafür sind wir Ihnen ewig dankbar. Doch wir brauchen uns heute nicht mehr als Verbündete gegen die schlimmen Kommunisten, und obwohl wir hier nach wie vor und wahrscheinlich mehr denn je den US-amerikanischen Lebensstil kopieren, hinterfragen wir ihn doch zunehmend, den sinnstiftenden Konsum, den Materialismus als Glücksersatz und den schrankenlosen Kapitalismus als alternativloses System.

Mister President, uns fehlt das gemeinsame, große Thema. Wir sitzen beisammen als Freunde, die sich nur wenig zu sagen haben. Nicht weiter schlimm, Freunde können auch gemeinsam schweigen. Aber nicht heute. Heute sprechen Sie zu uns. Was wollen, was können Sie uns heute sagen, in dieser neuen ernüchterten Phase unserer alten Freundschaft?

Es ist zwar schon spät, nur noch wenig Zeit bis zu Ihrer Rede, die Fenster sind hier schon verklebt und die Polizei hat alles abgeriegelt, aber schon lange vor Erscheinen wurde dieser Text auf Google Docs und in der Apple Cloud gespeichert, Sie hatten also genügend Zeit, ihn zu lesen. Es ist darum vielleicht noch nicht zu spät für einen Vorschlag, für einen zündenden Satz, für eine Catchphrase, mit der auch Sie es als berlinbesuchender Präsident in die Geschichtsbücher schaffen können.

Sagen Sie also bitte nichts Banales, etwa "I like Berlin" oder so ähnlich, das wäre lächerlich, Sie sind doch kein Tourist. Sagen Sie nicht "We can do it", oder, noch hohler, "Together we can do it", weil sich doch nur alle misstrauisch fragen würden, was denn überhaupt, und ob das nicht eine Aufforderung ist, uns an einem Krieg in Syrien oder Iran zu beteiligen. Versuchen Sie nicht, witzig zu sein ("All your base are belong to us" verstehen nur Nerds), und vermeiden Sie um Himmels willen Rechtfertigungen für Ihr Abhörprogramm Prism - "Aber ich liebe euch doch alle" hat schon bei Mielke nicht funktioniert, und "Trust me" glauben wir nur, wenn Jack Bauer es sagt.

Nein, sagen Sie einfach nur den treffendsten Satz, den Sie, der Präsident der USA, über Ihr Verhältnis zu Berlin, zu Deutschland, zu Europa und zum Rest der Welt sagen können. Stellen Sie sich vors Brandenburger Tor und sprechen Sie die nüchterne Wahrheit aus: "Ich bin ein Amerikaner."

Für Ihre Ehrlichkeit dankt Ihnen schon jetzt:

Stefan Kuzmany

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insgesamt 130 Beiträge
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1. Was ist das schon wieder für eine Berichterstattung !?
speedfiretwo 19.06.2013
Der Messias kommt und verteilt gute Gaben. Was ist das bloß für eine Presse. Der ist ist nicht besser als Bush & Co. Wird vor 'Amtsantritt' mit dem Friedens-Nobel-Preis dekoriert und macht genauso weiter wie seine Vorgänger. Das ist ein Schlag ins Gesicht der wahren Friedensnobelpreisträger, die sich für Frieden und Völkerverständigung eingesetzt haben. Was für ein Hohn !
2. Ich hätte da nen Vorschlag
blaudistel 19.06.2013
Zitat von sysopAFPHeute spricht Barack Obama am Brandenburger Tor in Berlin. Was wird der US-Präsident den Deutschen sagen, welchen Satz werden wir uns merken? Wir hätten da einen Vorschlag. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/obama-in-berlin-was-der-us-praesident-den-deutschen-sagen-sollte-a-906492.html
KEINEN Satz merken und auf Durchzug stellen :)
3. Ein Amerikaner?
teaki 19.06.2013
Selbst das ist bis heute nicht völlig sicher..,.
4. "gelehrt, was Freiheit ist"
tsuru 19.06.2013
Und dann hat die große Masse entschieden, dass sie davon doch eher nix wissen will und lieber in einem Nanny-Verbotsstaat lebt. Freiheit ist in Deutschland doch zum Unwort verkommen!
5.
!!!Fovea!!! 19.06.2013
Zitat von sysopAFPHeute spricht Barack Obama am Brandenburger Tor in Berlin. Was wird der US-Präsident den Deutschen sagen, welchen Satz werden wir uns merken? Wir hätten da einen Vorschlag. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/obama-in-berlin-was-der-us-praesident-den-deutschen-sagen-sollte-a-906492.html
Der neue Spruch lautet doch: Yes we scan!
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Staats- und Regierungschef: Barack Obama

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