Obamas Amtseinführung Zu viel Kirche, zu wenig Coolness

Auf Bush folgen Bibel und Beständigkeit: Barack Obamas Amtseinführung am 20. Januar wird weltweit mit Spannung erwartet. Doch das Programm der Inaugurations-Zeremonie sorgt für Unmut bei der liberalen Gefolgschaft.

Von Anjana Shrivastava


Spätestens mit der Amtseinführung des neuen Präsidenten am 20. Januar 2009 sollen die bösen Geister der Bush-Ära aus Washington vertrieben werden. Der Einzug des jungen, schwarzen Demokraten ins Weiße Haus, ein wahrhaft epochales Ereignis, soll groß gefeiert werden.

Prediger Warren, Obama (2006): Irritierende Zweckgemeinschaft
AP

Prediger Warren, Obama (2006): Irritierende Zweckgemeinschaft

Seit ein paar Tagen liegt auch das Kulturprogramm der stets mit viel Pomp inszenierten Vereidigungszeremonie vor. Dabei wird deutlich, dass es Obama nicht um Bush-Exorzismus geht – das sagen allein die Namen, die sich auf den Veranstaltungsbillets finden. Die Verteilung der Rollen deutet eher darauf hin, dass der 44. US-Präsident das Aufkommen jeglicher Partylaune in der eigenen Anhängerschaft vermeiden will. Die drückenden Probleme, die Barack Obama im Oval Office erwarten - wirtschaftliche Rezession, Krieg und Krisen im Nahen Osten und dem Subkontinent – werden Stirnfalten hervorrufen, Lametta wäre da fehl am Platz. Manche seiner Unterstützer hat Obama mit der Wahl seiner Honoratioren dennoch regelrecht brüskiert.

Die Ära der Neocons in Washington mag jetzt vorbei sein, aber Obama präsentiert sich am 20. Januar nicht als Liberaler. Der 44. Präsident der USA outet sich am Tag der Amtseinführung als entschiedener Wertkonservativer. Die Hauptpredigt beispielsweise soll von dem konservativen Evangelikalen Rick Warren gehalten werden. Warren wettert von der Kanzel mit Verve gegen die gleichgeschlechtliche Ehe. Dass ausgerechnet er am Tag des allgemeinen "Change" die theologische Message verbreiten soll, löste nicht nur bei schwulen Bürgerrechtlern Ratlosigkeit, wenn nicht gar offene Empörung aus.

Er sei "zutiefst enttäuscht," beschreibt Kongressmann Barney Frank, der erste offen bekennende Homosexuelle im Repräsentantenhaus, seine Gefühle angesichts des umstrittenen Predigers. "Natürlich hat Reverend Warren ein Recht, seine Meinung zu verkünden, auch auf seine sehr verletzende Art," erklärte Frank, der nicht wie Warren Baptist, sondern Jude ist, auf CNN. Frank findet die Wahl Warrens "falsch" für einen Präsidenten, der einst als Kandidat beteuerte, die Rechte seiner homosexuellen Unterstützer zu schützen.

Warrens Kirche akzeptiert keine homosexuellen Mitglieder, auch unverheirateten Hetero-Paaren bleibt die Gemeinde verschlossen. Die Feministin Katha Pollit wirft Warren vor, seine Kirchenpolitik entmündige Ehefrauen, weil sie die Entscheidungen ihrer Männer grundsätzlich zu unterstützen hätten - auch bei begründeten Meinungsunterschieden. Berüchtigt ist auch die Antwort, die Rick Warren in Aspen, Colorado einer Jüdin gab, die ihn fragte, ob sie nach ihrem Tode zwangsweise in der Hölle brennen müsse. Der große, rundliche Charismatiker antwortete mit einem klaren, atemberaubenden "Ja". Atemberaubend deswegen, weil viele Saalmitglieder hörbar den Atem anhielten.

Wird Warren sich mäßigen?

Undenkbar, dass ein Prediger zur Feier eingeladen worden wäre, der Schwarze oder Frauen in seine Kirche nicht aufnimmt. Doch Obama, der auch die konservativen Kräfte im Land auf seine Seite ziehen muss, öffnet sich im Namen der Toleranz einer Kirche, die selbst nicht offen ist. In seinem Bestseller, "The Purpose Driven Life", in Deutschland als "Leben mit Vision" veröffentlicht, beschreibt Warren, wie Gott seinem auserwählten Kirchenführer den Hirtenauftrag gibt, die Gemeinde zu hüten. Diejenige Gläubigen, die keine Kirchenmitglieder sind, werden "vom Satan geliebt", so Warren, "denn diese abgetrennten Gläubigen sind schutzlos und machtlos gegen seine Raffinesse".

Wer im heutigen, modernen Amerika, für das Barack Obama wie kein anderer steht und künftig stehen soll, maßt sich an, über Agnostiker, Homosexuelle oder Juden und ihren Glauben so apodiktisch zu urteilen? Kein Wunder, dass Obamas liberale Anhängerschaft verwundert und irritiert ist, ob dieser konservativen Wahl ihres Kandidaten.

Am Tag der Amtseinführung werden sie trotzdem in die Hauptstadt strömen, Millionen Obama-Anhänger, darunter Popstars wie Rapper Kanye West und Hollywood-Größen wie Filmregisseur Steven Spielberg, Diven wie die R&B-Sängerin Beyoncé Knowles, die wie ihr Mann Jay-Z auf ein Inaugurations-Engagement spekulierte. Alle kommen, um ihren ganz persönlichen Evangelisten des Wandels in Augenschein zu nehmen.

Aber vor der weißen Kuppel des Kapitols, im eigentlichen Moment der Vereidigung, wird nicht ein Hauch von Pop und hedonistischer Gegenkultur zu spüren sein. Viele hatten gehofft, dass Obama am 20. Januar ein Signal setzen würde, wie man es in den protestbewegten sechziger und siebziger Jahren bei politischen Demonstrationen oder Konzerten wie in Woodstock erlebt hatte. Doch diese wilden Zeiten kehren weniger als Zukunftsvision denn als Denkmal in die Zeremonie zurück.

Bekenntnis zu Bibel und Beständigkeit

Denn es ist nicht die junge Beyoncé, die zu Ehren des neuen Präsidenten singen wird, sondern Aretha Franklin. Die 66-jährige Soul-Queen hat fast alle großen R&B-Künstler überlebt: Ray Charles starb bereits 2004, James Brown starb an Weihnachten 2006, und Sam Cooke, dessen elegante Ausstrahlung man oft mit Obama vergleicht, wurde nicht älter als 33 Jahre.

Cooke, der eher für seine leichten Lieder wie "Wonderful World" bekannt ist, schrieb 1963, kurz vor seinem Tod, den monumentalen Song "A Change is Gonna Come." Das Lied steigt in den USA noch immer als leise Urklage auf: "I was born by the river in a little tent/ Oh and just like the river, I've been running ever since." Die Verse "Its been a long, a long time coming/ But I know a change is gonna come," wurden zur Hymne der schwarzen Bürgerrechtsbewegung - und im vergangenen Jahr auch zu einem Leitsong des Obama-Wahlkampfes. Cookes Song besingt die quälende Langsamkeit gesellschaftlichen Wandels, aber auch, letztlich optimistisch, das Unvermeidliche daran.

Auch Aretha Franklin hat Sam Cookes "A Change is Gonna Come" einmal aufgenommen. Aber wird sie es nun auch vor dem Kapitol singen? Franklin gehört inzwischen selbst viel zu sehr zum Repertoire der amerikanischen Klassik, als dass ihre Gegenwart allein "Change" signalisieren würde. Sie sang nicht nur für Martin Luther King und Bill Clinton, im Jahre 2005 wurde ihr von George W. Bush die "Medal of Freedom" verliehen. Dass Obama sie in die erste Reihe schickt, ist ein klares kulturpolitisches Bekenntnis zu Bibel und Beständigkeit: Denn die Heimat der Soul-Diva, die auch in den Sechzigern nie etwas mit Drogen oder wilden Partys zu tun hatte, ist seit langem die Kirche.

In einer Zeit, in der nachgeborene Soul-Sängerinnen wie Amy Winehouse bereits mit 25 Jahren an das Ende ihrer künstlerischen Existenz geraten, klingt ihre Vita reichlich anachronistisch. Franklin machte sich bereits in den fünfziger Jahren einen Namen als Gospelsängerin; im Alter von 14 und 16 Jahren gebar sie als Teenager ihre ersten beiden Kinder. In ihren Liedern gibt sie Lebens-Nachhilfe: "Think !", "R-E-S-P-E-C-T" "Do Right Woman, Do Right Man." So aneinandergereiht, erscheinen diese Hits als kleiner, feiner Katalog für Obamas neuen Wertkonservatismus.

Doch christliche Sänger sind eine Sache, christliche Präsidenten eine andere. Auf den konservativen Christen Obama scheinen die Linksliberalen nicht vorbereitet zu sein. Seine Vorliebe für kontroverse Prediger ist seit der Affäre um den Reverend Jeremiah Wright gut bekannt. Damals lautete die knifflige Frage, ob Obama insgeheim zu schwarzem Nationalismus oder gar Linksradikalismus tendierte.

Konservatives Kultur-Statement

Nun fragt man angesichts des geplanten Auftritts von Rick Warren, der beste Chancen hat, die Rolle des inzwischen 90-jährigen Baptisten Billy Graham als "Prediger der Präsidenten" zu übernehmen, wie stark Obama seine christlichen Überzeugungen in seine säkular geprägte Partei einbringen will. Eine Partei, die sich auch als Regenbogenkoalition von Arbeitern, Juden, Schwarzen, Feministinnen und Homosexuellen versteht. Zu welchen Kompromissen wäre Obama bereit, um die Millionen Evangelikalen in seinen Bann zu ziehen? Welcher Gerechtigkeitstraum der Regenbogen-Sechziger wird nun Wirklichkeit, welcher wird vertagt oder gar vergessen?

Angesichts der konservativen Kultur-Statements unter Druck geraten, verteidigt sich Obama, dass er am 20. Januar die gesamte Nation einladen wolle, in einen neuen Dialog zu treten. Bei seiner Inauguration will er in die Fußstapfen des größten amerikanischen Präsidenten treten. Wie Abraham Lincoln wird er im Zug von Philadelphia, der alten Quäkerstadt der "Brüderlichen Liebe", nach Washington fahren. Vor dem Kapitol wird er seinen Eid auf die amerikanische Verfassung schwören, und zwar mit einer Hand auf derselben Bibel, die Lincoln 1861 zum selben Zwecke berührte.

Aber wer die Lincoln-Bibel für einen solchen Ritterschlag herausholt, sollte wissen, dass Abraham Lincoln selber niemals Kirchenmitglied war. Die Lincoln Bible wurde kurz vor der Vereidigung am 4. März 1861 eilig eingekauft, weil Lincoln seine Familienbibel nicht im Gepäck hatte. Lincoln, wie vor ihm George Washington, vollendete seinen Eid eher freidenkerisch. Die Bibel wurde an einer beliebigen Stelle geöffnet und die zufällig bestimmte Passage gelesen.

Auch diese strenge Säkularität hat im überaus christlichen Amerika eine lange Tradition. Auf die Trennung von Staat und Religion waren die Gründerväter stolz. Wenn Obama also auf einen wertkonservativen Kurs einschwenkt, dann sollte er diese älteste aller Traditionen Washingtons nicht missachten.



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