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Oberammergau: Radikaler Jesus vor dem Alpenpanorama

Von Sven Siedenberg

Bei den diesjährigen Passionsspielen im bayerischen Örtchen Oberammergau setzt Spielleiter Christian Stückl auf einen göttlichen Revoluzzer als Jesus.

Anton Burkhardt als Jesus
Gemeinde Oberammergau

Anton Burkhardt als Jesus

Alle zehn Jahre herrscht in einem bayerischen Herrgottswinkel der Ausnahmezustand. Dann wachsen den einheimischen Schauspielern - gemäß der Gemeindeverordnung, die per Anschlagtafel am Dorfplatz dem Volke kundgetan wird - die Bärte und das Haupthaar, das nicht mehr gekappt werden soll. Dann werkeln und wuseln von den 5200 Bewohnern mehr als 2500 vor oder hinter der Bühne des Festspielhauses, das mit seiner angestrahlten Lüftlmalerei-Fassade vor dem Alpenpanorama wie eine himmlische Erscheinung wirkt.

Jetzt ist es wieder soweit: Am 21. Mai beginnen in Oberammergau die weltberühmten Passionsspiele. In der Hauptrolle als Jesus agiert diesmal der 29-jährige Anton Burkhart, von Beruf eigentlich Förster. 50 Mal wird er sterben und auferstehen, was ihm wohl nicht schwerfallen wird, hat der passionierte Laienschauspieler doch schon oft auf der Bühne gestanden - als Mackie Messer in Brechts Dreigroschenoper.

Beinahe alle Dorfbewohner nehmen an den Passionsspielen teil
Gemeinde Oberammergau

Beinahe alle Dorfbewohner nehmen an den Passionsspielen teil

Spielleiter Christian Stückl will aus ihm einen streitbaren Propheten machen, einen göttlichen Revoluzzer, über den sich alle ärgern. Ärger gab es bislang nicht, obwohl schon seit einem Jahr geprobt wird. Das könnte aber auch an dem Skandal liegen, den das Dorf vor zehn Jahren erschütterte und der vielleicht alle etwas milder im Umgang mit der Schauspielkunst hat werden lassen.

Damals, 1990, gingen die aufgebrachten Oberammergauer Frauen vor das Verwaltungsgericht und klagten gegen das Sitten-Gesetz: Um endlich das Gebot zu brechen, dass die Darstellerin der unbefleckten Maria auch von einer Unbefleckten gespielt werden muss. Die Rebellion hatte Erfolg: Seither darf Maria älter als 35 und verheiratet sein. In diesem Jahr ist die Maria sogar Ehefrau und zweifache Mutter. Sie heißt Andrea Hecht, ist gelernte Bildhauerin und arbeitet in einem Kunstwarenhandel im Dorf.

Für die meiste Aufregung bei dem diesjährigen alpinen Kirchspiel hat bisher der amerikanische Künstler Robert Wilson gesorgt - mit seinen 14 Holzhäuschen auf der Wiese hinter dem frisch renovierten Passionsspielhaus. Weil sich in jedem der Häuschen recht unkonventionelle Kreuzwegmotive befinden - zum Beispiel eine kopfüber baumelnde Holzschnitzfigur -, schimpften besonders fromme Einheimische diesen zeitgenössische Beitrag zu den Leiden des Heilands als "Frevel" und "Gotteslästerung".

Ansonsten aber ist alles wie immer: Die 480.000 Tickets für die 109 Aufführungen (die jeweils sechs Stunden dauern) sind schon lange restlos ausverkauft, zumeist an amerikanische und japanische Reiseveranstalter. Und die Düsenjets der Bundeswehr, die sonst über das Dorf jagen, werden für die Spieldauer wieder umgeleitet. Denn für viereinhalb Monate soll nichts die Ruhe in diesem Herrgottswinkel stören.

(vom 21.Mai bis 8.Oktober)

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