Kleist-Komödie "Amphitryon": Die Welt als Dudelsack

Von Simon Broll

Wenig Effekthascherei, viel Sprachgefühl: Der Jungregisseur Sarantos Zervoulakos ist ein Textpurist. Am Theater Oberhausen bringt der Deutschgrieche jetzt Kleists Lustspiel "Amphitryon" auf die Bühne.

Kleist-Komödie "Amphitryon": Die Welt als Dudelsack Fotos
Theater Oberhausen/ Birgit Hupfeld

Ein Gott im alten Griechenland müsste man sein. Vom Olymp auf die Welt herabblicken, hin und wieder die Geschicke der Menschen lenken und natürlich die schönsten Frauen der Welt verführen. In letzterem, so künden die Sagen, machte niemand dem großen Zeus etwas vor. Der Göttervater eroberte sie alle. Europa, Kallisto, Leda - und Alkmene, mit der er den wohl bekanntesten Mythenhelden der Antike zeugte: Herkules.

Über die Verführung der thebanischen Fürstin wurden viele Dramen verfasst. Vom Römer Titus Maccius Plautus über Molière bis hin zu Peter Hacks haben sich Komödienautoren am mythologischen Stoff versucht. Doch keiner setzte die "Liaison dangereuse" so herrlich vertrackt ins Bild wie Heinrich von Kleist in seinem "Amphitryon". Nun hat sich Nachwuchsregisseur Sarantos Zervoulakos dieser Version angenommen und bietet eine textgetreue Inszenierung am Theater Oberhausen.

Der falsche Mann im Ehebett

Bei Kleist tragen die Götter römische Namen, die Handlung entspricht jedoch der griechischen Sage: Während Thebanerfürst Amphitryon auf Kriegszug in Hellas weilt, erhält seine Gattin Alkmene Besuch von Jupiter in der Gestalt ihres Mannes. Die tugendhafte Frau kennt ihre Ehepflichten: "Ich gab dir wirklich alles, was ich hatte", erklärt sie nach vollführter Liebesnacht. Als dann jedoch der wahre Ehemann nach Theben zurückkehrt, gerät Alkmene in Erklärungsnot.

"Wischwasch" oder Träumerei? Betrunkenheit oder "Gehirnverrückung"? Keine der menschlichen Figuren erkennt die Wahrheit. "Die ganze Welt war mir ein Dudelsack", versucht Amphitryons Diener Sosias das Chaos zu beschreiben. Ein Dudelsack, der immer schiefere Töne von sich gibt, je öfter Jupiter und sein Bote Merkur auftauchen. Und der in Kleists geistreichem Lustspiel die Figuren meist hilf-, aber nie sprachlos zurücklässt.

"Kleist hatte ein Gespür für derben Texthumor", meint Regisseur Sarantos Zervoulakos. "Bei ihm geht es den Figuren verbal an den Kragen." Dass Zervoulakos den Kleistschen Wortwitz lobt, verwundert wenig. Der 31-jährige Deutschgrieche, in Thessaloniki geboren und in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen, gilt als Bewahrer der klassischen Theatersprache. Seine Inszenierungen erheben den Anspruch, die Texte unverändert vorzutragen und lediglich durch Pausen oder Betonungen eigene Akzente zu setzen. So lief es bei Goethes "Iphigenie auf Tauris", die Zervoulakos vor einem Jahr in Oberhausen aufführte. Und so ist es auch diesmal beim "Amphitryon".

"Ich glaube nicht, dass rigoroses In-Slang-Setzen ein Stück jünger macht", sagt der Regisseur. Vielmehr gehe es darum, das Publikum zum besseren Hören einzuladen. "Wer einem Drama genau zuhört, der findet Andockpunkte an sein Leben." Dann erscheine die 3000 Jahre alte Thebanerin nicht viel anders als die eigene Tante oder die Nachbarin von gegenüber. Und gerade dies mache laut Zervoulakos den Humor aus: "Man lacht, weil man in den Figuren Verwandte oder Freunde erkennt."

Ich glaube, also bist du

Wie in seinen früheren Inszenierungen verzichtet der Absolvent des Wiener Max-Reinhardt-Seminars auf grelle Lichteffekte, Playback-Musik oder ausgefeilte Dekorationen. Das Bühnenbild ist schlicht gehalten: Ein Aluminiumboden dient als Spiel- und Spiegelfläche. "Die Figuren erblicken im Metall ihr Abbild, das jedoch leicht verzerrt erscheint", beschreibt der Regisseur. Ein Sinnbild für die stetige Auflösung des Ichs.

So sehr die Figuren an ihrer Existenz zweifeln, so wenig wird das Publikum im Ungewissen gelassen. Anstatt auf gleichaussehende Schauspieler zu setzen, wählte Zervoulakos für seine Doppelgänger gezielt Darsteller aus, die sich optisch unterscheiden. Die Verwandlung ist rein affirmativ: Nur durch Bestätigung von anderen Figuren kann Jupiter (Martin Hohner) als Amphitryon (Henry Meyer) gelten. Ebenso wird Götterbote Merkur (Peter Waros) lediglich zum Diener Sosias (Klaus Zwick), weil ihm die Menschen diesen Namen geben. Zervoulakos erschafft ein System aus gegenseitigen Bekundungen: Ich glaube an dich, also bist du. Ich glaube nicht an dich, also verschwindest du.

Besonders deutlich wird dieses Muster in Bezug auf das Schloss, vor dessen Toren laut Kleistscher Textfassung die Personen aufeinandertreffen. Der Eingang zum Palast verwandelt sich bei Zervoulakos in ein Absperrband, wie man es aus Warteschlangen an Kinokassen oder Freizeitparks kennt. "Jeder könnte durch, wenn er nur das Band abzieht", meint der Regisseur. "Doch weil sich alle an die Absperrung halten, bleibt der Weg verschlossen."

Der Mensch, so zeigt es Zervoulakos, ist ein Regelwesen. Er grenzt sich mit Gesetzen ein, um existieren zu können. "Amphitryon" verdeutlicht, was geschieht, wenn alle Gewissheiten wegfallen. Die Welt gerät in Chaos, sie wird zum Hexenkessel.

Oder zum Dudelsack, wie Kleist erkannte.


Amphitryon. Premiere am 25.5. am Theater Oberhausen. Auch am 26.5. sowie 1. und 2.6., Tel. 0208/857 81 84.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema KulturSPIEGEL-Tageskarte Theater
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
  • Zur Startseite
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 5/2012 Die Schauspielerin Sophie Rois über Irrsinn am Theater und Stümpereien in der Liebe

Facebook